Es mag bös ausgesehen haben, als der Feind abgezogen war. Wohl waren die massiven Untergeschosse stehengeblieben, aber Giebel und Dächer ragten als traurige Ruinen empor. Doch dieses Unglück sollte noch zum Glück für die Familie ausschlagen. Der Kurfürst hatte die Absicht, mit mehr oder weniger sanftem Zwang Gut und Schloß zu erwerben. Als er nun auf einer Reise die zerstörten Trümmer sah, schien es ihm unwert, den Plan weiter zu verfolgen, und so blieb der Besitz der Familie erhalten. Bald waren die Schäden ausgebessert und die Giebel erhoben sich wieder in der schlichten Form, die noch heute steht, und die einem ausdrücklichen Wunsche Caspars v. Schönberg entsprach, der aus den bitteren Erfahrungen des Kampfes um sein Eigentum seinen Nachkommen zur Pflicht machte, das Schloß so schlicht zu halten, daß es nie begehrliche Blicke auf sich zöge.
Abb. 7. Pfaffroda, Schloßhof
Zu Füßen des Schlosses liegen zwei große Teiche und über ihre hohen Dämme, mit uralten Linden bestanden, führt die Straße hinweg. Diese Linden-Alleen, die auch östlich vom Schloß weit in die Felder sich ziehen, wurden von Curt Adolf Dietrich v. Schönberg in den Hungerjahren 1771/73 angelegt, um der Bevölkerung Arbeit und Brot zu schaffen. Sie verdanken also »Notstandsarbeiten« ihr Entstehen, ein Begriff, der uns vor dem Kriege ganz verloren gegangen war. Die alten Linden auf den Dämmen sollten übrigens kurz vor dem Kriege beseitigt werden. Das Straßen- und Wasserbauamt war ihnen nicht gewogen, da vielleicht unter Umständen doch die Möglichkeit bestände, daß einmal eine umbrechen und dadurch der Straßendamm beschädigt werden könnte. Glücklicherweise widersprach der Besitzer und zog ein Gutachten des Vereins Heimatschutz bei, das sich so erfreulich deutlich aussprach, daß die alten Linden und damit das schöne Landschaftsbild erhalten blieb.
Abb. 8. Schloß Pfaffroda. Halle (von 1578)
An dem unteren Teiche teilt sich die Straße. Die eine führt nordwärts nach Freiberg zu, die andere ostwärts nach Sayda. Wohl soll unser Ziel Sayda sein, aber wieder tun wir besser, zu weilen, um auch ein Stück nordwärts wandern zu können. Dort liegt hinter der nächsten Hügelwelle das Dorf Dörntal, und seine Kirche, eine der wenigen noch erhaltenen Wehrkirchen Sachsens, zieht uns an. Von der zwischen Pfaffroda und Dörntal gelegenen Höhe sieht man westlich den großen Kunstteich liegen, eines der Stauwerke der großen Wasserkunst, die zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts erbaut wurde, um die Maschinen des Freiberger Bergwerks mit Kraft – der Kraft, die das Wasser selbst darstellte – zu versorgen. Es ist ein imponierendes Werk alter Ingenieurkunst, das hier noch heute unter dem schlichten Namen Revierwasserleitung besteht. Weit oben im Quellgebiet der Flöha, bei Neuhausen, beginnt die Anlage, die in einem endlos langen Graben das Wasser den Bergwerken Freibergs zuführt. Dort fließt es dann durch den Roth-Schönberger-Stollen ins Flußgebiet der Elbe ab. Wo es irgend angeht, folgt der Graben, mit Holz überdeckt, der Horizontalen an den Hängen entlang, mag die Strecke auch noch so verschlungen sich winden. Nur an einzelnen Stellen ist er unterirdisch geführt. Und der Friedrich-Benno-Stollen, wie die Strecke zwischen Pfaffroda und Dörntal heißt, war bei seiner Erbauung ein viel bewundertes Kunstwerk. Damit es dem Graben nie an Wasser mangle, sind zahlreiche Talsperren an seinem Laufe errichtet, die größten in Dittmannsdorf, Dörntal, Obersayda und Großhartmannsdorf. Man staunt, welch gewaltigen Dammbau man hier bei Dörntal aufgeführt hat. Freilich mischt sich auch eine gewisse Wehmut dazwischen, denn in dem Damm sind auch die Quader der uralten Kapelle aufgegangen, die einst in Dörntal gestanden hat. Sie soll der heiligen Dorothee geweiht gewesen sein und Dörntal den Namen gegeben haben. Daß sie bestanden hat, ist erwiesen, daß der Name des Ortes von ihr herrührt, eine liebevolle Sage. Der Name mag viel eher daher kommen, daß das Tal einst von dornigem Buschwerk bestanden war und also als dornigtes Tal bezeichnet wurde.
Abb. 9. Kirche von Pfaffroda mit alter Kastaniengruppe
So blank der Spiegel des Teiches lockt, wir wandern geradeaus über Höhen und Wälder und stehen bald vor der ehrwürdigen Kirche. Aus steil ansteigendem Schieferdach ragt ein zierlicher Dachreiter, dem man es gar nicht zutraut, daß in ihm die schweren, großen Glocken geborgen sind. Um die weißen Mauern zieht sich rundum ein alter Wehrgang, aus mächtigen, uralten Baumstämmen fest gefügt. Schießscharten in den Wänden und Gießluken in dem über die Mauer hinausragenden Boden zeigen, wozu er angebracht wurde: daß sich in Zeiten der Not die friedliche Kirche in eine Zuflucht und Burg für die Bewohner verwandeln konnte. Der störende Schieferbelag ist bei der Erneuerung im Jahre 1912 von der Patronatsherrschaft auf Anregung der Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler entfernt, und der wohlerhaltene Wehrgang so in seiner alten Form wieder zutage gebracht worden. Besonders schön ist auch der Treppenaufgang zur Kirche. Ein Torhäuschen schützt ihn, und auf ihm finden wir wohl noch einen Rest von der alten Dorotheenkapelle wieder. Wie käme sonst an diese Stelle als eiserne Krönung das bischöfliche Doppelkreuz?