Abb. 10. Alte Wehrkirche in Dörntal
Mit der Berglehne, die die Kirche trägt, ist schon eine ansehnliche Höhe erklommen. Weit unten im Süden sieht man das Tal der Biela sich nach Sayda hinaufziehen. Wir schwanken, ob wir wieder hinunter sollen, um dem Bachlauf zu folgen. Aber es ist nicht nötig. Auf der Höhe führt die Straße weiter nach Sayda zu. Es wandert sich so schön und friedlich auf ihr, und man mag es kaum glauben, daß hier Winter und Wetter so unheimlich hausen können, daß es zur schwersten Gefahr für den Wanderer wird. Aber der Chronist Lehmann berichtet uns anschaulich ein Ereignis, das sich gerade hier im Jahre 1654 abgespielt hat: »Den 7. 11. gehet der Pfarrer zu Dörnthal Johann Haberstroh in den Flecken Sayda am Gebirge zum Markt und kauft nicht mehr denn ein paar Pfund Fleisch und vor einen Groschen Brätzlein, darauf er sein schwanger Weiblein hatte vertröstet. Im Rückwege kommet er im Windsturm von der Bahn ab in die Irre und ins Wasser nahe ans Dorf, und ob er sich gleich wieder herausgearbeitet und jämmerlich um Rettung geruft, haben doch sein Rufen die Leute vor ein Windbrausen gehalten und ihn hilflos gelassen, daß er naß und matt im Frost verderben müssen. Frühe hat man ihn tot gefunden, also daß er auch in der Todesangst die Nägel an Händen abgerissen.« –
Durch waldige Höhen führt der Weg. Er senkt sich sogar ein wenig, und da sieht man denn bald gegenüber auf einer anderen Höhe Sayda liegen. Es hilft nichts, wir müssen noch ein tiefes Tal bei Pilsdorf an der Bielaquelle kreuzen, um nach Sayda hinauf zu gelangen. Schlicht ist das Bild, das das Städtchen heute bietet. Vor dem großen Brande 1842 mag es malerischer und reicher ausgesehen haben. Seine Vergangenheit hatte es – erst als böhmische, dann als meißnische Grenzwarte – zu einem wichtigen festen Ort auf der Gebirgsstraße nach Brüx gemacht. Auch die uralte Salzstraße von Halle über Öderan nach Brüx führte hier durch, die bis vor wenigen Jahren noch als tiefer Hohlweg kenntlich war und erst hinter Sayda im Purschensteiner Wald wieder als solcher zutage tritt. Wie unendlich viele Fuhrwerke ihre Geleise in das Erdreich gegraben haben müssen, beweisen die Aufzeichnungen, daß die Straße im Jahre 1550 als sechs Ellen tiefer Hohlweg durch Sayda führte. Um den Verkehr zu erleichtern, ließ damals Caspar v. Schönberg auf Purschenstein die Höhlung ausfüllen und 1555 die Straße pflastern.
Denn auch Stadtherren von Sayda waren die Herren von Schönberg. An der Stelle, wo heute die sogenannte alte Schule steht, erhob sich ein festes Schloß, von dem leider auf keinem alten Stich oder sonstwo eine Abbildung zu finden ist, und auch Reste, außer dem befestigten Untergrunde, sind nicht mehr vorhanden. Sein Turm war dicker, als der bekannte Donatsturm in Freiberg, und noch im achtzehnten Jahrhundert diente es als Quartier für den Kommandeur einer Kürassierschwadron, die hier dauernd in Garnison lag. Nach dem erwähnten großen Brande wurde das schon baufällige Schloß und ebenso die Stadttore als Steinbruch benutzt, und die Steine zum Wiederaufbau der Wohnhäuser verwendet. So mag in mancher alten Hausmauer ein Rest ehemaliger Steinmetzverzierung schlummern, ohne daß der Bewohner selbst es ahnt.
Überhaupt ist Sayda oft von schweren Bränden heimgesucht worden. So in den Jahren 1465, 1599, 1634, 1702 und 1842. Der Brand von 1465 hat zu einer gewaltsamen Vertreibung aller Juden aus der Stadt geführt, da man ihnen die Schuld an ihm beimaß. Daß aber überhaupt ein Judenviertel hier bestanden hat, ist wiederum der Beweis, daß Sayda ein nicht unbedeutender Handelsplatz gewesen sein muß.
In der Mitte des Ortes etwa liegt die Kirche. Von Nordwesten zieht sich der älteste Teil der Stadt an sie heran, der sogenannte Plan, ein Platz, um den alte Holz- und Fachwerkhäuser stehen. Es sind die einzigen, die der Brand von 1842 unversehrt gelassen hat. Die Sage erzählt, daß 1813 eine Zigeunerin die Häuser auf hundert Jahre »versprochen« hatte, und als dann gerade 1913 mehrere durch Feuer zerstört wurden, verfehlte dieses Ereignis seinen Eindruck nicht. Innen ist die Kirche mit zahlreichen schönen Denkmälern der Familie v. Schönberg geziert, meist aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Außen zeigt sie eine schlichte Gotik. Nur das würfelförmige Untergeschoß des Turmes ist mit älteren Steinornamenten verziert, in denen noch romanisches Formempfinden nachklingt.
Jetzt trägt der Turm eine schlanke schlichte Spitzhaube, die man weit im Gebirge herübergrüßen sieht. Von oben tut sich eine unendliche Fernsicht auf. Überall wogen waldige Hügel und Berge aus weichen Tälern empor, und in noch deutlich erkennbarer Ferne sieht man die drei Schlösser, Frauenstein, Purschenstein und Pfaffroda liegen. Es ist das kein Zufall. Alle drei Schlösser waren einst im Besitz der Familie v. Schönberg, und der Turm des Saydaer Schlosses, den heute der Kirchturm ersetzen muß, war so angelegt, daß man von ihm in unruhigen Zeiten Feuerzeichen nach allen drei Schlössern hin geben konnte, die dort vom Wächter sofort wahrgenommen werden mußten. Die Herrschaft Frauenstein ist dann der Familie verloren gegangen, als der Kurfürst sie gewaltsam »einzog«.
Von alten Gebäuden fällt am östlichen Ausgange noch das sogenannte Hospital auf, das über der Tür das Schönbergsche Wappen, umrahmt vom Johanniterorden, in schöner Arbeit ziert. Dieses Hospital St. Johannis wurde von Bernhard v. Schönberg auf dem Sterbelager gestiftet, als er, im Jahre 1476 von Jerusalem heimkehrend, auf der Insel Rhodos starb. Das jetzt dort stehende schlichte Gebäude, 1784 erbaut, dient als Altersheim. –
Dunkler Fichtenwald schiebt seinen Saum hier ziemlich nahe an die Stadt, aber vor ihm steht noch ein neu entstandenes Viertel Saydas. Hier sind Wohnhäuser, namentlich für die Beamten errichtet. Denn auch hier verlangt die wachsende Einwohnerzahl räumliche Erweiterung.