Der Peststein liegt unfern der schönen, aussichtsreichen Staatsstraße, die von Sebnitz nach Neustadt über das Gasthaus »Zum stillen Fritz« führt, nur wenige Minuten oberhalb der Stelle, wo beim Sebnitzer hinteren Finkengute die Eisenbahn den Straßenzug überbrückt, und zwar in einem halbhohen Fichtenwald nordöstlich der Straße. Seine Lage hat bisher eine gute photographische Aufnahme vereitelt.

Der Denkstein besteht aus einer Sandsteinplatte mit Inschrift; erstere ist an einem großen Granitblock von fünf bis sechs Meter Länge und etwa drei Meter Breite und Höhe angebracht. Vor seinem Ostfuße bemerkt man den flachen Grabhügel, dessen Kopfseite noch ein roher, mit dem Kreuzeszeichen versehener kleiner Granitstein bezeichnet. Von den vier Weimutskiefern, die einst das Grab an seinen Ecken umhegten, steht nur noch eine.

Abb. 1. Nebeneingang zum Diakonat in Sebnitz mit dem Küffnerstein

Errichtet wurde dieses Denkmal 1740. Die im obenerwähnten Protokoll genannte Zeit 1746 beruht auf einem Lesefehler. Erneuert wurde es 1835. Nach den genannten Quellen ruht hier Frau Maria Wunderlich geb. Schuster, aus dem Erbgericht zu Rugiswalde stammend, Ehefrau des Bürgers und Schneiders Johann Wunderlich in Sebnitz. Mit ihrem volkstümlichen Namen hieß sie die Toffels Hansin. Sie war in dem schweren Pestjahre 1680 – die Überlieferung sagt: entweder zum Besuch ihrer Mutter oder um dort Butter zu holen – nach Rugiswalde gegangen, wo die Pest stark wütete. Als man das in Sebnitz erfuhr, sollen ihr die dortigen Einwohner mit Stangen bewaffnet entgegengezogen sein, ihr die Rückkehr in die Stadt verwehrt und ihr an der bezeichneten Stelle eine Hütte gebaut haben, wohin ihr täglich Speise und Trank gebracht wurde. In meinen Kinderjahren haben mir alte Sebnitzer noch den sogenannten Pestweg gezeigt, der von der Hertigswalder Straße durch das Grundstück des oben genannten Odilo Hesse (worin sich jetzt das Gewerkschaftsheim befindet) über die sogenannte Drehbrücke, dann durch das Grundstück der Lampenfabrik (ehemals Hoffmann, jetzt Schwager) am Nordostrande des »Knöchels« emporsteigend, an Feld-Oppelts Hause und einem alten (jetzt abgehauenen) wilden Apfelbaume (dicht am heutigen Krankenhause) vorüber nach dem sogenannten Hemmhübel geführt haben soll. Demnach müßte also die Familie im Südostviertel der Stadt, auf der Retschiene oder Hertigswalder Straße, gewohnt haben.

Die unglückliche Frau soll nun neunzehn Wochen lang allein in der Waldeinsamkeit gehaust haben und im Alter von einunddreißig Jahren drei Monaten am 24. August 1680 dort gestorben sein. Das Sebnitzer Kirchenbuch enthält merkwürdigerweise keinen Eintrag ihres Todes.

Wenn diese Darstellung zutreffend wäre, so hätte Direktor Ohnesorge allen Grund gehabt, zu bezweifeln, daß die Toffels Hansin an der Pest gestorben sei, die ihre Opfer bekanntlich nach wenigen Tagen hinzuraffen pflegt. Man müßte dann ihren Tod vielmehr »den Unbilden der Witterung, dem Mangel an Pflege und dem Bangen und Sorgen ihres Herzens« zuschreiben und »den törichten Wahn der Menschen, ihre selbstsüchtige Furcht vor Ansteckung« dafür verantwortlich machen.

Nun klärt uns aber ein zufälliger Aktenfund, den ich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv (Locat 9961. Volumen I. Contagion- und Todenberichte. 1680. 1681.) machte, über den Fall auf, der dadurch ein wesentlich anderes Aussehen bekommt. In diesem aus den Tagen der Pest selbst stammenden Aktenstück (26. September 1680) des Hohnsteiner Amtsschössers Joh. Gottfried Hanitzsch heißt es nämlich: »Es sind von der Contagion ergriffen und verstorben: in dem Ambts- und Grentz-Städtlein Sebnitz – Ein Hausz – Wunderlich, – Eine Persohn, als deszen Weib, so alsbaldt aus dem Hause und dem Städtlein geschaffet und den 17. Augusti im Felde verstorben. Und ist es bey dieser einzigen Persohn und Hausz bis zur Zeit verblieben.« Nur zwei Tage später (28. September) gibt derselbe Beamte den folgenden eingehenderen Bericht: »Das Ambtt- und Grentz-Städtlein Sebnitz, In selbigem ist nach Ausweisung meines sub dato den 30. Augusti eingesendeten unterthänigsten Bericht bey einem Bürger, Hannsz Wunderlichen, die Contagion zwart eingeschlichen gewesen. Nachdem aber derselbe alsbald nebst seinem daran krank gelegenen Weibe und Kindern aus dem Städtlein geschaffet worden, ist es Gott sey Dank nicht weiter kommen, auch nurt daran Eine Person, als besagten Wunderlichs Weib, allein im Felde verstorben, der Mann aber nebst denen Kindern auszer dem kleinsten (welches in die Acht wochen am Fieber gelegen) befinden sich in ihrer Hütten, darinnen sie sich nunmehr sechs Wochen aufgehalten, annoch gesundt; ist also dem Höchsten sey Dannk dieser gänzlichen restituirt und von dieser bösen Seuche, befreyhet«.

Abb. 2. Sebnitzer Peststein