Aus diesen durchaus zuverlässigen Unterlagen folgt:
1. Die dramatische Szene von der stangenbewaffneten Volksmenge, die der Frau den Zutritt zur Stadt verwehrte, ist eine sagenhafte Zutat späterer Zeit. Vielmehr hat man die pestverdächtige Person aus ihrer Wohnung in den Wald gebracht.
2. Die Kranke hauste in ihrer Hütte nicht allein, sondern ihre ganze Familie teilte diesen Aufenthaltsort. Daß man den Ausgesetzten auf dem Pestwege Speisen zutrug und ihnen diese mit langen Stangen zureichte (wie mir schon vor fünfundvierzig Jahren alte Leute erzählten), ist sehr wahrscheinlich und hat vielleicht den Anlaß zu dem Gerüchte von der gewaltsamen Abwehr der kranken Frau gegeben.
3. Das Sterbedatum auf der Gedächtnistafel (24. August) ist falsch. Der Todestag war vielmehr der 17. August 1680. (Auch unter diesem Datum ist allerdings ihr Tod im Sebnitzer Kirchenbuch nicht vermerkt; wahrscheinlich weil die Frau ohne geistliche Mitwirkung bestattet worden war.)
4. Es bleibt noch immer fraglich, ob die Toffels Hansin wirklich an der Pest gestorben ist, da wir den Tag ihrer Erkrankung nicht kennen, ihre Familie trotz des langen, engen Zusammenlebens gesund geblieben ist und die acht Wochen währende Krankheit des jüngsten Kindes auch nicht gerade auf die indische Beulenpest schließen läßt.
5. Ebenso wird es unwahrscheinlich, daß die Überlebenden wirklich neunzehn Wochen im Walde zugebracht haben. Da sie aber mindestens sechs Wochen, vom Todestage der Frau (17. August) bis zum Berichtstage (28. September) dort hausten, hat ihre Verbannung doch recht lange gewährt. Beruhigen wir uns bei dem Gedanken, daß sie in den Hochsommer fiel, wo das Leben im Walde immerhin erträglich war.
Nach alledem aber erscheint uns das Verhalten der Sebnitzer Einwohner in wesentlich milderem Lichte.
Und in jedem Falle würde die Furcht der Gemeinde vor dem grausamen Würgengel bei dem Fehlen anderer sanitärer Vorbeugungsmittel wohl begreiflich sein. Richtete doch die Pest in nächster Nähe der Stadt entsetzliche Verheerungen an. Der hier benutzte Bericht meldet zugleich, daß der Seuche damals im benachbarten Neustadt hundertsiebenunddreißig Personen, nämlich fünfundzwanzig Ehemänner, sechsundzwanzig Eheweiber, dreiundsechzig Kinder, fünfzehn Witweiber, acht Mägde, und unverehelichte Personen, – in Langburkersdorf neunundzwanzig, in Krumhermsdorf acht, in Rugiswalde aber, der Heimat der Frau Wunderlich, dreiundzwanzig Personen zum Opfer fielen.
Daß sich Sebnitz übrigens nicht allzu ängstlich von der Außenwelt abschloß, beweist schon die Aufnahme der anfangs erwähnten Familie Küffner aus dem pestverseuchten Dresden.
Das Geschlecht von heute, das sich nun schon seit Jahren von schweren Volkskrankheiten aller Art bedroht sieht, mag wohl mit ernsten Gedanken zu jener Ruhestätte pilgern, die das glücklicherweise einzige Opfer jener gleichfalls schweren Zeit umschließt. Es sollte aber auch pietätvoll das schlichte Denkmal schützen, das Kindesliebe (ein Sohn der Toffels Hansin, der spätere Bürgermeister Johann Friedrich Wunderlich zu Sebnitz) der Mutter draußen im freien Waldesrauschen errichtet hat. – Bei einer Auffrischung oder Erneuerung müßte natürlich der Wortlaut der Inschrift den Tatsachen gemäß berichtigt werden.