Fußnote:

[2] (Vgl. Sebnitzer Grenzblatt 1920, Nr. 153.)

Die deutschen Jugendherbergen

Von Günther Lamm, Dresden

Eine der Zeitschriften, die der Briefträger mir ins Haus bringt, heißt: »Die Jugendherberge«. Gerade diese lese ich neben den – Heimatschutzmitteilungen besonders gern. Mit politischen, philosophischen oder religiösen Problemen »beschäftigt« sie sich ganz und gar nicht; aber Natur und Jugend, Freude und Leben, Wandern und Heimat, das sind Worte, die man oft darin, selbst im »praktischen« Teile, finden kann. »Die Jugendherberge« ist die Zeitschrift des Verbandes für deutsche Jugendherbergen.

Das Ziel der edelsten Bestrebungen der heutigen Zeit ist Erneuerung und Gesundung unseres an Leib wie Seele erkrankten Volkes. Dieses Bestreben liegt zum Beispiel in der Heimatschutz- als auch in der Wanderbewegung. – Wandern und Heimat! – Wer hört nicht den frischen Klang aus so manchem Volksliede singen! Denn gerade das Wandern liegt den Deutschen im Blute. Dieser naturhafte Drang, der durch die Entwicklung der Verhältnisse stark zurückgehalten worden ist, soll zum Heile des Volkes wieder erweckt werden; daß man damit am Anfange anfängt, das heißt in diesem Falle bei dem heranwachsenden Geschlechte, ist selbstverständlich.

Doch da stellen sich Bedenken ein: In Deutschland kostet ja Wandern heutzutage viel Geld! Wer von den jungen Leuten hat aber welches? Vorwiegend durch das Gasthaus mit dem notwendigen Übernachten wird das Reisen verteuert. Daher hat man lange vor dem Kriege schon begonnen, diese Not durch das Schaffen der deutschen Jugendherbergen zu beseitigen. Erst durch diese Tat werden die Ziele des Verbandes ermöglicht: »Die frühzeitige und regelmäßige Hinkehr zur Natur, von der Volksschule an, ist das beste Bollwerk gegen Tuberkulose und Alkohol, gegen Verschwendungs- und Vergnügungssucht, gegen Kino und Zigarette, gegen Modesklaverei und Verweichlichung bei Jungen und Mädchen, der sicherste Weg zu Einfachheit und Selbständigkeit, zu Arbeitskraft und Arbeitslust, zu reiner Freude und Volksgesundheit, zur Heranziehung eines sportfreudigen Geschlechts. Die Herbergen sollen das Jugendwandern ermöglichen. Hinter dem Herbergswerk stehen mit seltener Einmütigkeit alle Schichten von rechts bis links, arm und reich. Es geht jeden an, den Vater für seinen Sohn, den Arbeitgeber für seine schaffenden Kräfte, die Gemeinden für ihren Nachwuchs. –« In den Richtlinien für deutsche Jugendherbergen heißt es: »Die Jugendherbergen sollen auf gemeinnütziger Grundlage der gesamten wandernden Jugend nach des Tages Mühe eine einfache, möglichst billige Übernachtungsgelegenheit als Grundlage für mehrtägiges Wandern bieten. Das werdende Reichsherbergsnetz soll ein allgemeines Jugendwandern ermöglichen. Wandergebiet ist überall, auch im Flachland. Auch Rad- und Bootwanderer sowie Schneeläufer sind willkommen. – Es gilt, das heranwachsende Geschlecht frühzeitig in lebendige Fühlung mit der Mutter Natur zu bringen. Durch die Jugendherbergen soll ihm Gelegenheit gegeben werden, Heimat und Vaterland aus eigener Anschauung kennen und liebgewinnen zu lernen zur Förderung des leiblichen und sittlichen Gedeihens, zur Hebung der Jugendkraft und Volksgesundheit, zur Aneignung frohen Lebensmutes. Die Herbergen sollen sich in den Dienst der Volksverschmelzung und Verwischung der Standesunterschiede, der Heranbildung eines wirklich einigen deutschen Volkes stellen.«

In allen deutschen Gauen befinden sich Zweigausschüsse des Verbandes. Für Sachsen ist einer in Dresden tätig. Er wird durch die Arbeit von dreißig Ortsgruppen unterstützt, denen unmittelbar die Sorge für die in ihrem Bereiche bestehenden Herbergen obliegt. Zurzeit gibt es unter den zweitausenddreihundert Herbergen etwa hundertdreißig sächsische. Auffallend wenige sind in Nordsachsen zu finden. Es sei bemerkt, daß es überhaupt notwendig ist, noch viele Herbergen zu errichten und die vorhandenen weiter auszubauen. Zum Erreichen der Ziele sind unbedingt zehntausend deutsche Herbergen erforderlich. Starker Unterstützung bedarf das große Werk!

Die Arbeit an den Jugendherbergen gerade in unserem Sachsenlande wird jetzt gekrönt durch die Übernahme der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz als »Jugendburg«. Sie soll nicht nur Herberge sein, sondern eine sichere Burg, in derem Schutze sich das heranwachsende Geschlecht bilden und Feste feiern kann. Letzten Endes wird Heimat der Boden dieser Bildung sein und Heimat den Hintergrund der Feste bilden. Alles Nähere über Hohnstein ist in einem besonderen Heftchen wie auch aus dem »Sächsischen Jugendwanderdienst«, dem Mitteilungsblatte des Zweigausschusses, zu ersehen.

Ihr jungen Sachsen! Durch die Jugendherbergen ist es nunmehr möglich, selbst mit bescheidenen Geldmitteln eure sächsische Heimat kennenzulernen, vom Vogtlande bis hinüber zur Lausitz, vom Tieflande im Norden bis hinauf zum Gipfel des Fichtelberges!