Und fuhr kein Knapp am Morgen zur Tagesschicht mehr ein.

Dann wirst du aus dem Schlaf dich wie Barbarossa ringen

Und deinem Freiberg wieder die alten Tage bringen!«

Dieser Barbarossatag ist noch nicht für Freiberg gekommen und die Raben kreisen immer wieder um die mächtigen Halden auf den Höhen, während unten die Zwerge neidisch die Schätze hüten. Doch der Tag wird kommen, an dem der Bann gelöst wird und die Schätze frei werden. Der Glaube und die Tatkraft einer neuen Zeit, eines neuen Wollens und Könnens, werden die Mächte der Finsternis brechen. –

Durch Felder und Wälder braust unsere Fahrt dahin. Die hohen Fichten des Fürstenwaldes senden herben Harzduft aus und wir atmen tief ihre belebende Kraft in unsere Lungen. Kleinwaltersdorf, Großschirma bleibt hinter uns zurück und von der Höhenstraße schweift weit unser Blick in die Ferne, wo Dörfer sich in Bodenfalten ducken und drüben die Halsbrücker Esse mit langer Rauchfahne qualmt, und wo links die dunklen Wellen des Zellwaldes wie ein wogendes Meer von immergrünen Wipfeln sich heben und senken. Ein alter Gasthof liegt am Wege, »Der schwarze Bär« von Großvoigtsberg. Seine breite bogenüberspannte Hofeinfahrt öffnet sich, als führte der Weg mitten in das Herz dieses gastlichen Hauses, als müßte der Wagen gleich in die Wirtsstube hineinstürmen. Eine plötzliche Biegung des Weges und schon lag »Der schwarze Bär« hinter uns mit der gähnenden Rachenöffnung seiner Torfahrt.

Vielleicht ein andermal, du alter schwarzer Bursche, in dem schon seit Jahrhunderten die Bergleute von Großvoigtsberg, Kleinvoigtsberg, Obergruna so manchen festen Trunk getan, bis eine Grube nach der anderen erlag. Ein andermal werden wir getrost uns deinem gastlichen Rachen anvertrauen, heute wollen wir das letzte Bergwerk alter Freiberger Art in seiner eigenwüchsigen Ausprägung sehen und uns seiner Erhaltung freuen. –

Die Bergwerksgebäude der »Alten Hoffnung Gottes« zu Kleinvoigtsberg liegen seitab etwa 1500 Meter östlich von der großen Heeresstraße in naher Gemeinschaft mit den noch unverdorbenen schlichten Fachwerkhäusern des kleinen Bergmannsdörfchens. Dieses Bergmannsdorf ist eine echte Industriesiedlung alter Zeit. Nicht wie die Reihendörfer des Erzgebirges liegt es an langer Straße, Hof bei Hof inmitten der Gärten und an den anschließenden Feldern, sondern die Häuslein liegen dicht beim Werke, das die Arbeit gibt. Sie sammeln sich wie die Küchlein um die Henne, so daß man schon an der Hausanordnung das gänzlich andere aus der Industrie herausgewachsene Wesen des Ortes erkennen kann. Schon im Jahre 1224 taucht sein Name als »Vogilsberg minor« in einer Urkunde auf. Siebenhundert Jahre Geschichte hat dieses stille Dörfchen aus der ersten Zeit der Kolonisation deutscher Ansiedler im dunklen Miriquidi, aus den ersten Jahren des Bergbaues! Oberhalb des Ortes, auf der Höhe des Muldentales, das die Ausläufer seiner Bewaldung fast in die Dorfstraßen schickt, liegen die Baulichkeiten des Kunst- und Treibeschachts und geben, in Verbindung mit den mächtigen dunklen Halden, der ganzen Landschaft das unverkennbare charaktervolle bergmännische Gepräge.

Unterhalb des Dorfes dicht am Muldenufer, etwa 60 Meter tiefer als das Treibehaus, liegen die Aufbereitungsanlagen, die Scheidebank, das Pochwerk und die Stoßherdwäsche. Diese verschiedene Höhenlage der Berggebäude ist eine Eigenart von besonderer Bedeutung für die Arbeit der Grube. Es werden nämlich nur die tauben Gesteinsmassen aus der Tiefe des Schachtes bis hoch zum oberen Treibehaus gefördert und dort auf Halde gestürzt.

Die Erze werden nur bis an einen in der Höhe der unteren Aufbereitung in den Berg führenden Stollen getrieben und in ihm auf Hunten der Reinigung und weiteren Verarbeitung zugerollt. Unter freundlicher Führung und Erläuterung besichtigen wir die Anlagen über Tage und gewinnen den tiefen Eindruck, daß hier in diesem letzten Silberbergwerk ein Kulturdenkmal, ein Industriedenkmal lebendig und in voller Arbeitsfrische erhalten ist, das in seiner ganzen Anlage, der Ausgestaltung seiner Bauten, der Ausprägung seines charakteristischen bergmännischen Seins und Wesens so echt, so wahr, so bodenständig und urwüchsig ist, daß es als ein Beispiel und Meisterwerk volkstümlicher Kunst und Technik anerkannt, und seine dauernde Erhaltung schon aus diesem Grunde für ferne Zeit sichergestellt werden muß.

Da steht auf der Höhe der Pulverturm. ([Abb. 1.]) Wie eine Landmarke leuchtet er mit seinen weißen Mauern und dem lustigen Ziegeldach in die Ferne. Er verwahrt sicher in seinen dicken Mauern die Sprengmittel für die Arbeit des Bergmannes vor Ort in der Tiefe. Wie fest und sicher, wie selbstbewußt und kraftvoll steht er da, mit seinen im Achteck starkgefügten Mauern und seinem achteckigen spitzen Zeltdach und der eisernen, von starken Riegeln verwahrten Tür. Kein Fenster, kein Zierat am ganzen Bau, kein »Kunstwerk«, aber gerade durch seine Schlichtheit, Tüchtigkeit und anspruchslose Zweckmäßigkeit ein herzerfreuendes Werk bodenständiger Heimatkunst. –