Vielleicht trägt meine kleine Arbeit ein wenig dazu bei, der Pappel ein paar Freunde hinzuzugewinnen.
Der Sonne entgegen!
Eine Frühlingswanderung im östlichen Erzgebirge
Von H. Funke
Ebenso plötzlich wie Gewitter und Platzregen über uns hereingebrochen waren, hatten sich die Wetter verzogen. Zwar standen in der Ferne noch drohend einige schwarze Wolken, und eine merkliche Abkühlung war nicht zu spüren, aber wir hofften auf die Nacht, die den Himmel vollends abräumen und die drückende Schwüle bannen sollte. Frohgemut saß ich daher mit meiner Wandergefährtin, über Führer und Karte gebeugt, Pläne für den kommenden Tag schmiedend. »Eine Wanderung ins Böhmerland« hieß unser Ziel, eine Wanderung, die uns die Eigenart und Schönheit der Kammregion und des südlichen Steilabfalles unseres östlichen Erzgebirges vor Augen führen sollte. Von unserem Standquartier bis zur Grenze waren es nur knapp zehn Minuten Wegs, so daß wir nebenbei ausrechneten, wie weit, ach weit »ins Land« hinein wir von hier aus in einem Tage vorstoßen könnten, wenn – ja wenn uns unser Grenzausweis nicht gebieterisch auf die schmale zehn Kilometerzone beschränkte. Schließlich fanden wir aber auch auf dem engen Raume so viel, daß der Tag voll ausgefüllt war. Wir schlugen daher Buch und Karte zusammen und schieden voneinander mit dem Versprechen, morgen früh Punkt sechs Uhr aufzubrechen.
Beim ersten Hahnenschrei lugte ich neugierig zum Fensterlein hinaus. O weh! Das Tal von unten bis oben hinauf ein einziges Nebelmeer! Noch beschied ich mich. Als sich mir jedoch um fünf und um sechs Uhr dasselbe trostlose Bild darbot, fing ich an, dem Wettergotte zu grollen. Es war aber auch fürchterlich. Von den schmucken Häuschen am Bergeshange war nichts und auch rein gar nichts zu sehen, so daß ich wirklich zweifelte, ob sie nicht ein böser Zauberer über Nacht habe verschwinden lassen. Verhüllt war der lenzfrohe Wald mit seinem herrlich leuchtenden jungen Grün. Die bunte Wiesenpracht, gestern abend noch unser Entzücken, erschien eintönig, und die Blütenköpfchen nickten verträumt und verschlafen. Selbst die große Schar der Vögel blieb heute länger stumm. Nur ein Fink rief wie zum Hohne sein ewiges, Regen kündendes: Rietsch! – rietsch! vom hohen Ahorn herunter. Und wirklich, der kleine Kerl sollte recht haben. Kurz nach sechs Uhr setzte der Regen ein. Der Wind fegte durch die Baumkronen, bog sie hin und her, schüttelte die Wipfel, jagte die Nebelschwaden auf, trieb sie gegen die Rücken der Berge und hob sie darüber hinaus. Wir zwei aber standen unter der Haustür und schauten sehnsüchtig hinaus und hofften von Minute zu Minute auf Besserung. Aber der Regen trommelte weiter. Es wurde acht, es wurde zehn Uhr. Jetzt schlug es elf, und unser Hoffnungsbarometer hatte fast den tiefsten Stand erreicht. Da gegen zwölf Uhr ein mächtiger Windstoß, die Nebelmassen wurden höher und immer höher emporgewirbelt, das Tal war frei, der Regen hörte auf, und die Buschmutter fing an, Kaffee zu kochen.
Nun gab es kein Halten mehr. Was kümmerten uns die Pfützen mitten auf dem Wege und der weiche, klitschige Boden, was kümmerten uns die düstren Wolken, die das Himmelsblau noch verdeckten? Wir waren voll frohen Sinnes und wußten es: Wir ziehen der Sonne entgegen. Vergessen war all das Trübe des Morgens. Wie die Kinder freuten wir uns der Wasserperlen auf den Blättern des Frauenmantels und der glitzernden Regentröpfchen, die an den Halmen der Gräser hängen geblieben waren und die, Diamanten gleich, in allen Farben aufsprühten, als der erste Sonnenstrahl sieghaft das eilende Gewölk durchbrach. Hinter den letzten beiden Häusern von Zaunhaus, wo ehemals der »Zaunknecht« sein Heim gehabt haben soll, überschritten wir die Grenze, und nun führte unser Weg in herrlichem Fichtenwalde dahin, der nur von Zeit zu Zeit den Ausblick auf die umliegenden Höhen und Hänge freigab. Die alten und jungen Bestände trugen gleicherweise noch schwer an der Last vorjähriger Zapfen. Ihrer so viele waren es, daß die Wipfel von ferne ganz rostrot erschienen und wir erst glaubten, die böse Nonne habe sich auch hier eingenistet.
Wo der Wald lichter ward oder eine kleine Strecke vom Wege zurücktrat, stellte die Sippe der Beeren sich ein: Heidelbeeren und Rauschbeeren schon mit grünen Früchtchen behangen, die dunkellaubige Preiselbeere über und über blühend, so schön, daß wir uns niederbeugten, um die zierlichen Glöckchen von nahem zu sehen.
Hinter dem Forsthause Kalkofen ward die Talaue flacher. Der Wald lichtete sich und löste sich seitwärts von uns in lauter Baumgruppen auf, vor denen wiederum einzelne Fichten gleichsam als Vorposten aufmarschiert waren. Wir befanden uns im Quellgebiet der Wilden Weißeritz, inmitten teils trockener, teils mehr oder weniger mooriger Bergwiesen. Bis dicht an den Wegrand heran drängte sich der stark duftende Köppernickel mit den fein zerteilten Blättern und den leicht ins Gelbliche spielenden Dolden. Weiterhin tauchten Riedgräser auf. Dazwischen lugten die zarten, roten Lippenblüten des Läusekrautes heraus, und von ganz drüben, wo das kleine Rinnsal die Wasser zu Tal führte, nickten die weißen Blütenschöpfe des Wollgrases. Wo das Land trockener wurde, verschwand das bleichgrüne Torfmoos. Das blaue Kreuzblümchen bildete dichte Rasen, und von der Böschung der Straße leuchtete uns weiß und rosa das zierliche Katzenpfötchen entgegen.
Langsam stiegen wir zum Kamme empor; denn in weitem Bogen umging die Straße den vorgelagerten Höhenrücken. Wir kamen jetzt in die Zugrichtung des Windes. Zwar wehte er augenblicklich nur mit mäßiger Geschwindigkeit, aber wir fühlten wohl, wie er hier oben zu toben und zu wüten vermag, wenn er den Bäumen die herbstlich-welken Blätter von den Ästen und Zweigen zaust. So arg und so oft hat er sein tolles Spiel mit den Bäumen getrieben, daß sie ihre Äste in der Windbahn weit, weit von sich strecken, als wollten sie ein großes Unheil abwehren.