Noch einmal grüßten wir das hochgelegene Neustadt, dann eilten wir am Kreuze vorbei, wo die Straßen von Norden her strahlenförmig zusammenlaufen, den Steilhang hinab. Bunte Porphyrfelsen mit winzigen Kohlenflözen durchsetzt, säumten unseren Weg zur Linken. Zur Rechten sahen wir tief unter uns die Geleise der Gebirgsbahn Eichwald–Moldau. So hoch standen wir, daß wir fast glaubten, die Strecke sei schmalspurig angelegt. Wir berichtigten jedoch unseren Irrtum, als wir uns gleich darauf fast senkrecht über dem schwarzen Mundloch des Hirschbergtunnels befanden. Von hier aus folgten wir mit dem Blicke dem Schienenstrange, der sich lang, lang hinzog, oft frei am Hange liegend, oft auch links und rechts von Felsen eingeschlossen. Wir bogen kurz nach Osten um und standen unmittelbar darauf am Fuße einer der gewaltigen Stützmauern, die ein Abrutschen des Bahnkörpers verhindern sollen. Oben am Bahnhof Niklasberg überschritten wir die Schienen, um des weiteren einem schattigen Waldpfade zu folgen. Bald gelangten wir auf eine Schonung, wo junge Fichten und harzduftende Lärchen zwischen Heidekraut und hohem Grase zum Lichte emporstrebten. Nun ein letzter Anstieg, und wir betraten die Porphyrklippen des Warteck. Wieder weidete sich das Auge an der von Sonnenglanz und Himmelsblau verklärten Landschaft, die wir jetzt weiter nach Osten zu überblickten. Greifbar nahe, in allen Einzelheiten erkennbar, ragte der Mückenberg gar keck vor uns auf, gerade so, als müßte es jeden Tag so sein und als wären ihm Wolken und Nebeln immer bekannte Gesellen. Täusche uns nicht! Wir schwören feierlich, daß es vor wenig Stunden auch um deine Höhe braute und brodelte, als wärest du eingehüllt in Qualm und in Rauch.
Wie von selbst wurden unsere Gedanken auf die wechselvollen Geschicke unserer Umgebung hingelenkt. Wir durchmaßen im Fluge die Jahrmillionen und versuchten, die Landschaft als das Ergebnis eines gewaltigen, ewigen Werdens und Vergehens zu begreifen. Fast am Ende der schier endlosen Entwicklungsreihe erschien der Mensch und versuchte, mit seiner schwachen Kraft und seinem überlegenen Geiste bestimmenden Einfluß auf die Natur zu gewinnen. Und jetzt tauchten sie vor unserem Auge in langer Reihe auf: die kühnen Männer, die ihre Axt zuerst in die Stämme der unwirtlichen Wälder schlugen, die Bergleute, die mühsam ihre Stollen gruben, um in harter Fron den Geistern der Tiefe die kostbaren Schätze zu entreißen. Waffenstarrendes Kriegsvolk strebte vom Kamme hinunter in die Ebene und von der Ebene wieder empor zur Höhe. Friedliche Kaufleute führten wertvolle Güter auf hochbepackten Frachtwagen zu Tal. Wetterharte Fuhrleute aus den Dörfern am Kamme verfrachteten aus den Schächten drunten die Braunkohle weit, weit hinein ins Sachsenland. Langsam kroch ihr schweres Gefährt zur Höhe empor. Oft mußten die schweißtriefenden Tiere rasten, um neue Kräfte zu sammeln für den weiteren Anstieg. Frauen und Männer, den Korb schwer mit Mehl oder Obst beladen, suchten auf steilem Fußpfade abseits von der Straße die Höhe zu gewinnen. So spannen wir unsere Gedanken weiter und waren der Gegenwart entrückt, bis uns der herankeuchende Zug aus unserem Sinnen aufschreckte.
Wir griffen flugs zum Stabe und folgten dem schmalen Steige, der sich bald im Hochwalde verlor. Die Äste der Fichten reichten von einer Seite zur anderen hinüber, als wollten sie sich fassen und bildeten ein natürliches, nur etwas niedriges Dach, unter dem wir im kühlen Schatten dahinwanderten, bis wir an den Rand einer Wiese gelangten. Fast jäh senkte sich hier der Pfad hinab, und Steine, klein und groß, eckig und rund, lagen genug umher. Aber tapfer hielt meine frohe Gefährtin aus, ein paar Sprünge, wieder ein Überqueren der Geleise, und wir standen vor dem Bahnwärterhäuschen, das wie ein rechter Luginsland hier oben an dem Hange gebaut ist. Wie zum Lohne für den mühsamen Abstieg gewannen wir bald die gut gehaltene Fahrstraße, die uns immer im herrlichsten Forste bis nach Eichwald hinabführte. Jetzt schrillte der Fink nicht mehr sein eintöniges Rietsch! Rietsch! Wohl aber rief der Kuckuck bald von ferne, bald ganz nahe bei uns, und die Sonne meinte es herzlich gut mit uns und bräunte uns Wangen und Hände, wenn sie uns in einer Lichtung erhaschen konnte. Leicht und froh schritten wir dahin. Es war uns, als sollten wir immer so weiter ziehen Seite an Seite, immer weiter in den wonnigen Tag hinein, wortlos, wunschlos – wanderselig. Aber da tauchten schon die Häuser von Eichwald auf. Wir waren am Ziel.
Ein Blick auf die Uhr belehrte uns, daß wir den Zug nach dem Gebirge noch erreichen konnten. Für 1.80 Kronen lösten wir uns eine Fahrkarte nach Neustadt. Die Wagen waren dicht besetzt, vor allem an der Seite, die den Ausblick nach der Ebene und dem Mittelgebirge gestattete. Wir zogen es daher vor, im Gange zu bleiben, und unter Anwendung aller nur möglichen Kreisbewegungen gelang es uns auch, unseren Stehplatz am Fenster zu behaupten. Jetzt wurden die Abteile abgeschlossen, ein kurzes Signal – die Lokomotive zog pustend und schnaubend an. Wir fuhren bergwärts.
Dann und wann gestattete der Wald einen Durchblick nach Süden, und nicht nur einmal erkannten wir den Weg wieder, den wir vorhin selbander gegangen. Zur Linken tauchte unser Bahnwärterhaus auf, zur Rechten ragten hoch über uns die Felsen des Warteck und ehe wirs uns versahen, hielt der Zug in Niklasberg. Hinter uns drängten sie vorbei mit Rucksäcken und Körben, die Männer und Frauen, die von der Arbeit drunten in der Ebene heimkehrten und nun, müde vom emsigen Schaffen, langsamen Schrittes zu ihren Häuschen hinabstiegen, aus deren Essen der Rauch als freundlicher Willkomm für die Heimkehrenden emporkräuselte. Unmittelbar hinter dem Bahnhof Niklasberg gähnte schwarz und schauerlich der Eingang zum Hirschbergtunnel, der in S-förmiger Windung auf dreihundert Meter Länge durch den Berg hindurchgebaut worden ist. Tiefe Finsternis umfing uns. Im Abteil drinnen verstummte unwillkürlich die Unterhaltung, um erst wieder aufzuleben, als heller Schein an den Tunnelwänden verkündete, daß uns die Tiefe dem Lichte wiedergegeben hatte.
Wir sahen die neue Straße in mächtigen Kehren am Hange sich emporziehen. Eben wollte ich meiner Gefährtin berichten, wie zauberisch schön es in dunklen Herbstnächten hier oben ist, wenn drunten in der Ebene die tausend und abertausend Lichtlein aufleuchten und über uns das sternenbesäte Firmament sich wölbt, da umfing uns abermals schwarze Nacht. Unser Zug brauste durch den zweihundert Meter langen Wasserscheidentunnel. Wenige Minuten später hielt er in Neustadt. Dienstfertig eilte der Schaffner herbei, unser Abteil aufzuschließen. Froh, der Enge des Wagens entronnen zu sein, wandten wir uns dem Dorfe Neustadt zu. Durch Wiesen, die der Mahd entgegenreiften, führte unser Pfad hinauf bis zum buchenbestandenen Gipfel des Stürmers, wo er uns am südlichen Hange entlang leitete, so daß wir den Blick noch einmal – so weit Baum und Strauch es gestattete – in die reich gesegneten Gaue unter uns hinabtauchen lassen konnten. Schon ballten sich merkbar die Dunstschwaden zusammen, so daß wir manchen Punkt, an dem wir uns wenige Stunden vorher erfreut, nur mühsam zu erkennen vermochten.
Um so mehr erregten unsere Aufmerksamkeit die Einflüsse der rauhen Witterung auf die Vegetation hier oben. Da – die gipfelumsäumenden, kurzstämmigen Buchen mit den breiten Kronen. Ists nicht so, als wollten sie jedem zuraunen, wie schwere Lasten an Schnee und an Eis sie Jahr um Jahr tragen müssen? Und hier die Fichten – zerzaust und fast alle des Wipfels beraubt in grausigen Winternächten, wo der Rauhreif sich dick um Zweig und Nadeln legte und der Sturm heulend und hohnlachend die steifgewordenen, schwerbeladenen Glieder brach. Ein Lied, ein ernstes Lied von hartem Kampf und schwerem Sterben war es, das uns hier entgegenklang, aber auch ein hohes Lied von zähem Ausharren und trutzigem, reckenhaftem Heldentum. Glückstrahlenden Auges wies meine Begleiterin auf die Tausende von Schattenblümchen hin, die ihre feinen weißen Ährchen verlangend uns entgegenstreckten. Vom Wiesenrande her schlug jubelnd das Trillern der Lerchen an unser Ohr, und wir jubelten mit aus voller Brust, jubelten, daß auch wir dem Leben gehörten.
Lang, sehr lang malte die tiefstehende Sonne die Schatten der Bäume auf Matte und Weg, als wir zum Dorfe Neustadt zurückpilgerten. Hier gingen wir von einem Häuschen zum anderen und bewunderten die zierlich mit Schindeln und Latten beschlagenen Giebel, von denen wohl keiner dem anderen glich. Volkskunst, Heimatkunst aus Heimatliebe entsprossen. Wir schauten zu den Fenstern hin, aus denen rote Geranien und bunte Gauklerblumen leuchteten und das fleißige Lieschen uns grüßte, als wollten sie alle, alle uns künden: »Auch bei uns wohnt das Glück«.
Wir wandten uns nordwärts – heimwärts. Hinter uns, tief unter uns, weit entfernt, verdeckt durch den Rücken des Stürmers, lag die vielgestaltige Welt des Mittelgebirges, ragten in der Ebene die tausend Schlote und Essen. Vor uns, wohin wir schauten, spannten sich weite, feingeschwungene, große, ruhige Linien. Es erschien uns diese Landschaft wie das Antlitz eines Greises, dem die Leidenschaft fremd geworden und dem nur noch die abgeklärte Ruhe des Alters geblieben ist. In Erinnerungen uns versenkend, folgten wir dem langsam fallenden Pfade durch Wald und Wiese bis zur Weilersiedelung Kalkofen und dann hinab ins liebe Vaterland. Still und feierlich zog der Mond am Himmel herauf und übergoß die Flur mit seinem magischen, bleichen Silberlichte. Drunten im langgestreckten Wiesengrunde, dicht über den Wassern, brauten die weißen Nebel, und leichtfüßige Elfen wiegten sich im nächtlichen Reihen.