Von E. Rich. Freytag, Borstendorf i. Erzgeb.
Auf der Ausstellung von Lehr- und Unterrichtsmitteln, die anläßlich einer sächsischen Lehrerversammlung in Plauen veranstaltet worden war, erregten einige auffallend große, für den Massenunterricht berechnete Zeichnungen die Aufmerksamkeit der Besucher. Die kräftigen Zeichnungen, ausgeführt in Holzschnittmanier, doch waren sie auch an manchen Stellen durch Farbe belebt, stellten Ansichten vogtländischer Städte aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor. Den Herstellern dieser Vergrößerungen dienten die in den Heften der »Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Denkmäler des Königreichs Sachsen« wiedergegebenen Federzeichnungen kursächsischer Städte und Schlösser vom Oberlandbaumeister W. Dilich als Vorlage. Mit der Darbietung dieses zeit- und kostenfordernden Anschauungsmittels bezeugte die Schule die außerordentliche Wichtigkeit, welche den Städteansichten Dilichs als Gesichtsquelle zuerkannt werden muß. Erhöht wurde der Lehrgehalt der vorgezeigten Städtebilder durch die gleichzeitige Vorführung von Bildern, die die Ansichten der Städte aus der Gegenwart veranschaulichten. Nun konnte man einen Vergleich über das Sonst und Jetzt mühelos anstellen, und sobald eine solche Übung in der Schule erfolgt, wird man auch die Ursachen, die solche Veränderungen herbeiführten, aufzudecken versuchen und so eine rege Teilnahme am Geschichtsunterricht erwecken. Die Dilichschen Federzeichnungen geben hierzu reichlich Anlaß. Es war daher ein mit Freude zu begrüßendes Unternehmen, daß die »Sächsische Kommission für Geschichte« im Jahre 1907 eine vom Oberbibliothekar Hofrat P. E. Richter (Dresden) veranstaltete Reproduktion des ganzen Dilichschen Werkes (hundertzweiunddreißig Aufnahmen) in die Reihe ihrer Schriften aufnahm, und daß die im Laufe der Jahrhunderte so rege begehrten Zeichnungen, von denen manche schon, aber meist verkleinert, bekannt geworden waren, mit vollkommener Treue in Originalgröße wiedergegeben wurden[2].
Die Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters haben insofern für uns eine Bedeutung, als sie für die meisten sächsischen Städte die ältesten Abbildungen darstellen. Sie führen uns siebenundsiebzig Ortschaften aus der Zeit von 1626–1629 treu und doch mit künstlerisch gebildetem Auge erfaßt vor. Dilich steht weit höher als seine Vorfahren auf dem Gebiete der Städtezeichnung. Er bietet keine trockene und plumpe Häufung von Detail, die noch jede Fähigkeit zur Komposition vermissen läßt. Dilich war der erste, dem das Stadtbild als Ganzes etwas bedeutete. Er erfaßte nicht nur die Einzelheiten, sondern das, was er vom gutgewählten Standpunkt aus vor sich sah, den »Prospekt«, wie man es damals ausdrückte, als etwas Einheitliches, durchaus Ganzes. Der Ort war ihm untrennbar von der Gegend, darin sie wurzelte, nur in und mit dieser will er ihr Bild erfaßt und charakterisiert wissen. Das Wohlgefallen an der Landschaft, welches Dilich innewohnte, seine Freude an der schönen Natur, beeinflussen ihn bei der Wiedergabe der Stadtbilder. Wie malerisch strecken sie sich am Flußufer hin oder sind eingebettet in den Talkessel. Wieder andere klettern am Schloßberge in die Höhe oder dehnen sich in der Ebene aus. Immer ist jedes Bild fein charakterisiert mit Hervorhebung der Stimmung der Gegend.
Bei allen seinen Städteaufnahmen, mögen manche auch etwas Skizzenhaftes an sich tragen, überzeugt uns der geschickte Zeichner, daß er in seiner Kunstfertigkeit mit geringen Mitteln viel zu sagen weiß, daß er, selbst ein Baukünstler, als solcher die Bauwerke anschaut und mit sicherer Freiheit wiedergibt.
Durchblättert man die schön ausgestatteten drei Bände der Federzeichnungen, so hat man den Eindruck, dem Dilich Ausdruck gab in der Vorrede zu seiner ebenfalls mit Stadtansichten von seiner Hand ausgestatteten hessischen Chronica: »Dem äußerlichen Ansehen nach sind sowohl die Dörfer als Städte ansehnlich wegen ihrer hohen Kirch- und anderen Türme und den beiliegenden hohen Berghäusern und Schlössern, inmaßen denn wenig Städte, bei welchen nit etwa ein solch Haus und prächtig Gebäu zu sehen oder zum wenigsten ein Antiquität und Anzeigung eines alten Gemäuers von denselben noch übrig, wie solchs aus beigesetzten Abrissen klärlich erscheinen. So sind zudeno alle Städte mit hohen Mauern und Türmen, wo nicht mit einem Wall und Graben, zum wenigsten mit einem Hagen von Dornen umgeben.« Wenn der begabte Zeichner aber weiter fortfährt über die im Hessenlande angeschauten Orte zu berichten, »daß man auf den Hügeln um die Städte zerfallene Türme und Warten sehen könnte, so vor etlichen hundert Jahren wegen des vielfältigen Streifens dero Reisigen von Städten, dem Ackermann des Feindes Ankunft darvon durch gewisse Zeichen anzudeuten und ihn zur Flucht anzumahnen, erbauet habe,« so findet dieser Hinweis keine Anwendung auf die Darstellungen kursächsischer Orte. Auf diesen sind zerstörte Burgen, Trümmer von Stadtmauern, »Rudimenta«, wie Dilich sich auszudrücken beliebt, nur einigemal zu sehen. Fast immer sind die Befestigungswerke in tadellosem Zustande, und die stattlichen Türme der vielen stilvollen Gotteshäuser verstärken den Eindruck, daß auch die Bevölkerung Kursachsens einen hohen kulturellen Aufstieg erlangt hatte. Noch ist alles unverletzt und zeugt von Wohlhabenheit und Gediegenheit. Die Stätten, wo die wehrhafte Bürgerschaft sich den Freuden der Geselligkeit hingaben, lassen ihr behäbiges Genießen und ihre hochgemute Lebensführung erkennen. Aber schon warf die Kriegsfurie ihre Schatten in das Künstlerschaffen Dilichs. Seine festgesetzte Entschädigung kann ihn bei der durch die Kriegsnot heraufbeschworenen Geldknappheit und der zerrütteten Finanzen nicht mehr rechtzeitig ausgezahlt werden. Nur wenige Jahre, nachdem er seine Stadtbilder vollendet hatte, lagen viele der Orte, deren »Prospekt« der Oberlandbaumeister aufgenommen hatte, in Schutt und Asche und der Wiederaufbau der eroberten, niedergebrannten und verwüsteten Städte, Dörfer, Schlösser und Burgen zeigte dann ein wesentlich verändertes Bild.
Die Wirkung der meisten Ortschaften, die sich damals ohne störende Einflüsse einer harmonischen Entwicklung und Ausgestaltung erfreuen durften, muß auf den Beschauer eine ausgesprochen malerische gewesen sein[3], so daß eine farbige Wiedergabe der Federzeichnungen in dem Bogen der stichbogig gewölbten Decke des Riesensaales im kurfürstlichen Schlosse vom künstlerischen Standpunkte aus vollkommen berechtigt war.
Sowohl die Anordnung in der Landschaft, zwischen Berg und Tal, die Ausschneidung der hohen und niedrigen Gebäude, ihre Einbettung zwischen den Schutz- und Obstbäumen, als auch der Farbenkontrast der grauen Schindel- oder gelben Strohdächer, der braunen Lehmwände, der roten Ziegel und der grünen Spaliere der Weingeleite und Baumwipfel, mußten ein ungemein reizvolles Bild darbieten. Manche im Vordergrunde der Zeichnungen zu erblickenden Gebäude lassen an der Außenseite Erscheinungen erkennen, die ihre besonderen tektonischen Bedeutungen haben. Schlösser, Türme und hervorragende öffentliche Gebäude mit ihren kunstvollen Giebelverkleidungen geben, obwohl die Wiedergabe der architektonischen Feinheiten nur sehr klein und zart gehalten werden mußten, zahlreiche Aufschlüsse über die Geschichte der Baukunst in Sachsen. Bohlenstühle oder Umgebinde der Häuser mit ihrem mannigfaltigen Verspannungs- und Aussteifungssystem, die in Bogen-, Wellen- oder Zackenlinien ausgeschnittenen äußeren Ränder der Giebelverschalungen, Laubengänge und anderes, lassen sich unschwer erkennen.
Abb. 1. Königstein