Abb. 2. Aufgang zum Felsenkirchhof von Liebethal
Von Liebethal führt uns eine kurze Wanderung hinab zur Elbe nach Hosterwitz, dessen Gotteshaus früher so nahe am Strome stand, daß die Fluten die Mauer bespülten. ([Abb. 3.]) Ein uraltes Schifferkirchlein ist es, wie wir deren in Sachsen nur noch eins haben, das von Lorenzkirchen bei Strehla. Hier stiegen die Schiffer aus, verrichteten ihr Gebet und baten ihren Schutzpatron um glückliche Fahrt. Wenn auch heute der Kirchhof durch eine Wiesenaue von der Elbe getrennt wird, so reichen doch bei Hochwasser die Fluten bis heran. Wie oft haben sie das Gotteshaus bedroht! Auch anderer unangenehmer Besuch stellte sich ein: der berüchtigte Kirchenräuber Lips Tullian raubte ihm 1702 Pretiosen im Werte von 700 Talern. Er saß dann in den Kerkern der Augustusburg und endete als Raubmörder und Räuberhauptmann 1715 nach großen Qualen im Dresdner Blockhaus. Das Kirchendach erinnert mit der großen, aus dunklen Ziegeln bestehenden Zahl 1790 an eine in diesem berüchtigten Hochwasserjahre vorgenommene Erneuerung und Vergrößerung des Gotteshauses.
Abb. 3. Schifferkirche zu Hosterwitz
Das oft von Künstlerhand gemalte Kirchlein wird von einem mit Trauerbäumen bestandenen Kirchhof umgeben, auf dem seit Jahrzehnten keine Beerdigung mehr stattgefunden hat, soweit es sich nicht etwa um ein Erbbegräbnis handelte. Sein stimmungsvollstes Denkmal ist das »Grab des Silberpagen«, eines Herrn von Brandenstein, der in den Diensten des kursächsischen Hofes stand und 1788 im Alter von 18 Jahren beim Baden in der Elbe ertrank. Seine Freunde errichteten das Grabmal. Es wird gekrönt von einer Knabengestalt, die trauernd eine Vase voll Blumen ausgestreut hat. ([Abb. 4.])
Die übrigen Denkmäler sind künstlerisch weniger wertvoll, einige sogar die übliche üble Dutzendware. Doch ist eine ganze Reihe von ihnen in anderer Hinsicht recht bemerkenswert. Zunächst durch die Angabe von Berufen oder Amtsbezeichnungen, die man auf anderen Friedhöfen wenig oder gar nicht findet und die meist vergangenen Zeiten angehören. Wir lesen von Plantagengutsbesitzern, Schiffsherren, Erbschiffsmüllern, Weinbergsbesitzern, Amtszimmermeistern, Schloßpredigern, Kgl. Sächs. Bettmeistern und von einem Hofbettschreiber, dessen Stein uns erzählt, hier ruhe »die Asche eines Biedermannes«.
Schon die letzten Berufsangaben deuten auf die Nähe des Kgl. Hofes hin, der ja im Sommer in Pillnitz residierte. So ist es denn erklärlich, daß wir auf dem Hosterwitzer Kirchhof eine Unmenge Namen alter Adelsgeschlechter finden, die weit über Sachsen hinaus einen guten Klang haben. Sie gehörten wohl ausnahmslos dem Pillnitzer Hofstaat an. Prinzessin von Schönaich-Carolath, Gräfin Hohenthal, von Cerrini di Monte Varchi, von Römer, von und zu Egloffstein, von Tschirschky und Bögendorff, von Minkwitz, Sappeur-Capitain von Swett, Baron Seddeler, von Trautvetter und wie sie alle heißen.
Zu einem schlichten Denkstein aber muß ich noch hinführen, ehe wir den kleinen Hosterwitzer Friedhof verlassen. Da lesen wir:
Hier liegt
Johann Christian Gottfried KLEMM,
gest. 1. Aug. 1863,
54 Jahre Soldat der Sächs. Armee,
48 Jahre bei dem Kommando
zur Bedienung der Fähre
im Kgl. Hoflager zu Pillnitz,
38 Jahre als Pontonier-Sergeant und Feldwebel
Kommandant der ersteren,
noch im Tode mit der Ernennung zum Leutnant
von seinem Kriegsherrn geehrt.
Ein Muster treuer Pflichterfüllung.