Zum Andenken Verunglückter hat man das Marterl hier am Weg errichtet, damit Vorübergehende ein Vaterunser oder ein Ave Maria beten. Auf dem Bildchen ein Mensch, langhingestreckt unter einen eben gefällten Baum oder mit Pferd und Wagen in die Tiefe stürzend oder von einer Lawine verschüttet und ähnliche Unglücksfälle. Oben die Himmelskönigin, die Jungfrau Maria, mitleidsvoll die Arme ausstreckend, unten der Name des Toten, eine kurze Schilderung des Unfalls und ein Verschen, das in seiner Originalität allerdings manchmal eher erheiternd als betrübend wirkt.
Auch hierfür zuletzt noch ein Beispiel:
Wie wahr, o, wie wahr!
Als ich in meinem 68. Lebensjahr
den 17. August 1763
für meine Geißen Gras zu Heu machen wollte,
stürzte ich über diese hohe Felswand.
Meine Sackuhr ging noch eine Zeitlang,
doch meine Lebensuhr blieb plötzlich stehen.
Mein Fleisch und meine Gebeine verdorreten,
sind bereits verfault, da Du dieses liesest.
Wanderer, bete für mich!
Eugen Haslmann aus Buchsgarten.
Das schlichte Kreuz auf der Höhe, das Marterl am Wege, der alte Leichenstein auf dem Friedhofe, die efeuumsponnene Grabplatte an der Kirchenmauer – ein gut Stück Kulturgeschichte und Volkskunst ist in ihnen enthalten. Von Menschennot und Menschenschicksal, aber auch von Glaubensmut und Ewigkeitshoffnung wollen sie singen und sagen den spätesten Geschlechtern.
Zu Gast in der Au
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
Eigenaufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Der Sonntag Kantate – die kleinen Vögel in den Bürgergärten von Radeburg lassen es sich gesagt sein. Was aus den Kehlen heraus will, schmettern sie hinein in den sonnigen Maimorgen, und die beiden jungen Pärlein vor mir tun es ihnen nach in herzensfroher Jugendlust.
Und auf einmal lächle ich. Ein Erinnerungslächeln aus ferner Kinderzeit. Ein Sonntag Kantate war es, als wir Kinder um das Söhnchen aus unserer Nachbarpfarre geschart standen, das uns nach seiner Art auf die Bedeutung des Tages hinzuweisen sich verpflichtet fühlte. Auf dem Torpfeiler zum Pfarrgarten saß der kleine Mann, die festen runden Beinchen um die gewaltige Sandsteinkugel geklemmt, die den altersgrauen Pfosten krönte. Umständlich räusperte er sich, und dann warf er, wie er es vom Vater gelernt, beide Arme in die Luft. »Meine geliebte Gemeinde, wir feiern heute den Sonntag Kandidate ...« Knacks sprach es oben, und bums – samt seinem Predigtstuhl lag der kleine Pfarrherr im Grase; ein Glück, daß ihm sonst nichts weiter geschehen war.