Nach 1725 wird George Werner der führende Meister in der Stadt, auch er vom Geiste äußerster Schmuckfreudigkeit erfüllt. Dies ist bei ihm um so beachtenswerter, als Dresden, das nächste Kunstzentrum neben Leipzig, und ebenso ganz Norddeutschland, ebenso Wien sich damals schon vom eigentlichen deutschen Barock abgewandt hatten und den Zielen des von Frankreich beeinflußten Rationalismus nachgingen. Nur Böhmen, Sachsens südlicher Nachbar, hielt mit ebensolcher Zähigkeit an dieser, gerade seiner deutsch-slawischen Mischkultur sehr entsprechenden Freude an überquellender Zier und den phantastischsten Schmuckformen fest. In Leipzig herrscht im wesentlichen bis 1740 dieser eigentliche deutsche Barock; denn Werners Hauptbauten, der 1728 bis 1729 errichtete Hohmanns Hof auf der Petersstraße ([Abb. 6]), das dritte der großen Leipziger Hohmannhäuser, und Kochs Hof am Markt von 1735 bis 1739 ([Abb. 7]), das größte von allen Bürgerhäusern der Stadt, dessen Errichtung Hohmanns Kompagnon Koch 133 000 Taler gekostet hat, sind ganz von ihm durchdrungen, wenn der stilgeschichtlich schärfer Blickende gerade in Kochs Hof auch schon Ansätze zu einer Rückbildung finden kann; ein beginnendes Streben nach Beruhigung der Formen, der Fensterverdachungen z. B., und nach einer Beschränkung der reichen Dekoration auf die baulich wichtigsten Teile der Fassade.

Abb. 6. George Werner: Hohmanns Hof, Petersstraße 15 (1728–1729)

Aber selbst als gegen 1740 von Dresden her jener stillere und dabei französisch elegantere Stil einzieht, wandelt auch er sich unter den Händen der Leipziger Baumeister sogleich ins Belebtere und Dekorative. Gerade für diese Zeit hat die traurige Umgestaltung der inneren Stadt um 1900 besonders viele Lücken gerissen und das Schönste vom Erdboden verschwinden lassen. Doch zeigen immerhin noch Häuser wie Katharinenstraße 19 oder 21 ([Abb. 8]), wie in diesen Jahren die Künstler – Werner und Fr. Seltendorff kommen vor allem in Betracht – klare und ruhige Gliederung der Fassaden mit noch immer blühender und phantasievoller Ornamentik zu vereinen verstanden.

Abb. 7. George Werner: Kochs Hof, am Markt (1735–1739)

Ihr wirkliches Ende findet diese Blütezeit der Leipziger Kunst erst durch den Siebenjährigen Krieg mit der Besetzung der Stadt und den schweren Kontributionen und durch die gleichzeitig überall einsetzende Abwendung vom Rokoko, die schon in Goethes Leipziger Studentenzeit ihre Rolle spielt. Ein Jahrhundert ziemlich genau ist es also, dem die Leipziger Barockhäuser ihr Entstehen verdanken, Häuser von hohem Werte, wie wir gesehen haben, die von Leipziger Meistern stammen und vom Geiste der Stadt erfüllt sind. Und wenn all das, was ein jeder in der Stadt mit Augen sehen kann, noch nicht hinreichte, um über die Bedeutung dieser Bauten aufzuklären, dann sollte doch die Erinnerung an die Hochachtung, mit der Goethe so viele Jahre nach seiner Leipziger Zeit in Dichtung und Wahrheit von ihnen spricht, ein übriges tun.

Nicht eindringlich genug kann also davor gewarnt werden, daß Leipzig seinen wichtigsten Denkmälerbestand aus Fahrlässigkeit allmählich zugrunde gehen läßt. Zu viel ist bereits geschehen, und man muß mit dem, was übrig ist, sparsam sein. Unvernünftige Wiederherstellungen der Kirchen »im alten Stil« haben in den achtziger und neunziger Jahren dazu geführt, daß die barocken Altäre und Einbauten schonungslos entfernt und durch trocken neugotische Geräte ersetzt wurden, wobei auch Stücke von so großer Schönheit, wie der Fürstenstuhl der Thomaskirche (jetzt im Stadtgeschichtlichen Museum) keine Gnade fanden. Und wie gut hatten all diese malerischen Gebilde in die Leipziger Hallenkirchen der Reformationszeit gepaßt! Ja, an der Matthäikirche hat man sogar die Vorhalle der Barockzeit und den Dacherker derselben Epoche beseitigt.

Um so schonender muß die Stadt und müssen die Bürger mit ihren weltlichen Baudenkmälern umgehen. Denn hier ist trotz so vieler Sünden noch genug vorhanden, um Leipzig den Ruhm einer wirklichen Bauschule in der Barockzeit zu sichern. An dieser Stelle ist es, wo die Denkmalpflege einsetzen muß, und zwar nicht nur die amtliche, sondern vor allem die private der Besitzer wertvoller Häuser und die städtische, d. h. die Vorsorge des Rates und der Baupolizei.

Fassen wir in diesem Sinne zusammen, welche Maßnahmen notwendig sind, und welche Schäden ihre Nichtachtung der Stadt und ihren Denkmälern bringen würde: Zunächst ist selbstverständlich Sorge zu tragen, daß nicht mehr zu Meß- oder ähnlichen Zwecken Häuser von kunstgeschichtlicher Bedeutung abgerissen werden. Noch dem Neubau der Darmstädter Bank am Markt fiel kurz vor dem Krieg eines der besten Leipziger Rokokogebäude zum Opfer. Es handelt sich ferner nicht nur darum, die Häuser vor dem Abbruch zu schützen, sondern auch, wo ein solcher unvermeidlich ist, darum, ihren beweglichen Kunstbesitz zu retten. Durch das Eingreifen des Kunsthistorikers Dr. Holtze wurde beispielsweise der völlige Ruin der besten Gartenfiguren des Barock verhindert, die Leipzig aus der Blütezeit seiner Parks noch besaß: des Jupiter und der Juno von Permoser, die nun in den Palmengarten überführt wurden[4].