Abb. 2. Joh. Gregor Fuchs: Romanushaus, Katharinenstraße Ecke Brühl (1701–1704)
Das 1701 bis 1704 gebaute Romanushaus am Brühl ([Abb. 2]) mußte damals einen sehr starken Eindruck auf die Leipziger machen. Eine solche Größe, eine solche Pracht, die Monumentalität dieser hohen Pilaster der Mittelvorlage, der Schwung dieser Giebel, die saftige Schwere dieser Dekoration waren unerhört und regten die reichen Handelsherren der Stadt an, es dem neuen Bürgermeister gleich zu tun. Ein wahres Baufieber ergreift die Stadt und hält nun ununterbrochen Jahrzehnte hindurch an. Der beste Beweis für die Stärke dieser Leidenschaft ist ja das Schicksal des Romanus selbst, der, um sein Haus bauen zu können, städtische Gelder veruntreute und nach kaum vier Jahren der fürstlichen Herrlichkeit für immer in der Festung Königstein verschwand.
Abb. 3. Joh. Gregor Fuchs: Äckerleins Hof, am Markt (1708–1714)
Allein das schreckte niemand ab. 1705 ließ Dietrich Apel, derselbe, der später den schönsten Leipziger Park – Apels Garten – sein eigen nannte, das große »Königshaus« am Markt durch Fuchs errichten. Und mit dem Jahre 1708 beginnt Peter Hohmann, der reiche Bankier, seine Laufbahn als Bauherr mit einem der wichtigsten Leipziger Gebäude, Äckerleins Hof am Markte ([Abb. 3]). Die Größe solcher Stadthäuser ist natürlich nur dadurch zu erklären, daß von Anfang an außer der Wohnung des Herrn seine Geschäftsräume, Lagergewölbe und Mietswohnungen vorgesehen waren. Ja, auch diese letzten waren noch einem geschäftlichen Zwecke dienstbar; denn in der Messezeit, in der also schon damals Raumknappheit herrschte, wurden sie an Kaufleute für ihre Waren vermietet, wie wir es von Goethes Zimmer in der »Feuerkugel« aus Dichtung und Wahrheit wissen. Auch Äckerleins Hof, wie alle Hauptbauten der betreffenden Jahre, ist ein Werk Fuchsens, der hier beweist, ein wie entwicklungsfähiger Künstler er gewesen ist. Denn ein gut Teil der Schwere und Kraft des Romanushauses hat sich hier in Eleganz und eine – wenn auch krafterfüllte – Beherrschtheit verwandelt. Alle Bauglieder sind zarter und zurückhaltender geworden, die ganze Fassade hat weniger Reliefausladung und betont mehr ihren Flächencharakter. Auch hat Fuchs erst hier den so bezeichnenden Leipziger Durchgangshof ausgebildet.
Abb. 4. Christian Döring: Hohmannsches Haus, Katharinenstraße 16 (1715)
Ein neuer Beweis für die Bauleidenschaft der Zeit ist es, daß Hohmann ein Jahr nach der Vollendung dieses umfangreichen Gebäudes sogleich an den Bau eines an Fassadenbreite noch größeren desselben Zweckes geht. Mit dem 1715 begonnenen Hause Katharinenstraße 16 ([Abb. 4]) – neben dem Romanushause und Äckerleins Hof sicher das schönste der Stadt – konnte sich der Bauherr aber nicht mehr an Fuchs wenden und suchte sich mit bemerkenswert sicherem Urteil den weitaus begabtesten unter dessen Leipziger Kollegen, den jungen Mauermeister Christian Döring, aus. Dieser, ein Künstler von ganz eigenem und starkem Charakter, schuf in der Fassade des neuen Hohmannhauses ein Meisterwerk dekorativer Phantasie, stilgeschichtlich ebenso bedeutsam wie künstlerisch vollendet mit der wirkungsvollen Verteilung des Schmuckes auf die Mittel- und Seitenvorlagen, mit den merkwürdig gebrochenen Fensterverdachungen und -rahmungen, mit dem Ausklingen in den schwingenden Giebelungen der Dachluken. Mit Häusern wie diesem erreichte Leipzig das, was sich dem Charakter der Stadt als am gemäßesten erwies. Dieser Stil dekorativer Überfülle und Unmäßigkeit, schon seit Deutrichs Hof und der Börse vorklingend, wurde beibehalten, wenn auch natürlich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verändert. Döring gehört das Schönste der Zeit zwischen 1715 und 1725 an, Häuser wie Katharinenstraße 14, Grimmaische Straße 20 oder vor allem Neumarkt 12 ([Abb. 5]), von ganz besonders saftiger Üppigkeit in der Ornamentik. Auch der »Kaffeebaum« mit seinem bekannten Türrelief des sitzenden, Kaffee trinkenden Türken muß auf ihn zurückgeführt werden.
Abb. 5. Neumarkt 12 (Etwa 1718–1720)