Von Nikolaus Pevsner, Dresden
Mit Eigenaufnahmen des Heimatschutzes
Wenn Leipzig unter den deutschen Großstädten nicht im Rufe einer Kunststadt steht, soweit es die bildenden Künste angeht, so hat das seinen Grund im wesentlichen darin, daß es hier in der Tat niemals eine eigentliche Maler- oder Bildhauerschule von Bedeutung gegeben hat. Und auch für die Baukunst mußten die Dinge, sollte man meinen, ungünstig liegen. Für die Errichtung großer Bauten weltlicher Natur etwa, wie Schlösser oder Paläste, kam Leipzig, das nie der ständige Wohnsitz eines Herrschers gewesen ist, nicht in Frage. Um so mehr muß es Bewunderung erregen, daß die bürgerliche Architektur der Stadt es vermocht hat, sie überall mit Gebäuden von viel höherem Werte zu schmücken, als gemeinhin bekannt ist. Denn wenn der Leipziger wie der Reisende auch die Denkmäler der deutschen Renaissance des sechzehnten Jahrhunderts, wie das Alte Rathaus und das Fürstenhaus, kennt und schätzt, so gehen beide doch fast stets achtlos an all den Bauten vorbei, die den alten Straßen Leipzigs eigentlich ihr Gepräge und ihren nur ihnen eigentümlichen Wert verleihen. Ich meine die Wohn- und Handelshäuser der Barockzeit, also des Jahrhunderts zwischen dem Dreißigjährigen Kriege und dem Beginn der Aufklärungsperiode, der Zeit unserer Klassiker. Nur den wenigsten dürfte bekannt sein, daß keine deutsche Stadt eine solche Fülle größter Bürgerbauten von guter künstlerischer Qualität aus dieser Zeit besitzt, wie es in Leipzig noch vor dreißig Jahren der Fall war. Es wäre sonst nicht möglich gewesen, daß so wenig für die Pflege dieser Kunstdenkmäler geschah, daß wieder und wieder wichtige Häuser in der inneren Stadt abgerissen wurden, um Meßpalästen oder Banken Platz zu machen[1], und daß manche der bedeutendsten in ernstlichen baulichen Verfall gerieten. Noch bis vor kurzem ließ man ruhig die Fassaden abbröckeln, entfernte man große Teile ihrer Stuckverzierungen, ließ im Inneren, um die Zimmereinteilung zu ändern, Stuckdecken zerstören und verunzierte vor allem Portale und Torwege durch Schaukästen, ganze Fassaden durch Reklameschilder.
So hat es eine besondere Begründung, gerade an dieser Stelle auf die geschichtliche und ästhetische Bedeutung der Leipziger Häuser hinzuweisen, die zu allem übrigen bisher auch kunsthistorisch weit weniger bekannt waren, als es ihr Wert verdiente[2].
Je mehr man es sich überlegt, um so stärker muß es Wunder nehmen, daß Leipzig nicht schon deshalb diesen Baudenkmälern mehr Beachtung geschenkt hat, weil es in ihnen die aufrechten Zeugen seiner größten Zeit verehren muß. Denn das war ohne Frage jenes Jahrhundert nach dem großen Kriege, als hier an der Universität längere oder kürzere Zeit ein Leibniz, Thomasius, Christian Wolff, Carpzov, Gottsched, Gellert oder Christ tätig waren, oder als hier entscheidende Jugendeindrücke an die Großen der Dichtung, an Goethe und Lessing, an Günther und Klopstock vermittelt wurden. Und es war das nämliche Jahrhundert, da in den Kirchen als Kantoren oder Organisten Joh. Seb. Bach, Kuhnau, Schein und Telemann wirkten. Und wie sehr nahmen damals die führenden Kreise der Stadt an diesem Kunstleben teil, indem sie ihre Söhne selbst zu Gelehrten erzogen oder indem sie als Handelsherren ein offenes Auge und eine natürliche Vorliebe für die Künste hatten, sich Sammlungen anlegten und – vor allem – sich Villen, Parks und Stadthäuser bauten. Denn gerade die Baukunst war im achtzehnten Jahrhundert nicht nur eine Vorliebe der Gebildeten, sondern eine Leidenschaft, die Unsummen verschlang und der sich jeder widmete, der nur irgendwie die Mittel aufbringen konnte, ihr zu dienen. Die Überfülle herrlichster Bauten des Barock und Rokoko in Deutschland ist der schönste Zeuge dieser Passion. Wie ernstlich die Bauherren es damit meinten, beweist am besten, daß gründlicher Unterricht in der Architektur in Fürsten-, Adels- oder Patrizierfamilien zur notwendigsten Erziehung der Jugend gehörte, so daß die Bauherren fast stets imstande waren, selbst bei den Planungen mitzureden, selbst zu messen, zu zeichnen, ja zu entwerfen[3].
So fehlte es damals in Leipzig weder an vielseitiger Anregung, noch an Verständnis gerade für die Baukunst, noch gar an Mitteln. Alle Voraussetzungen waren gegeben, und ziemlich genau mit dem Jahre 1700 setzt nach etwa zwei vorbereitenden Jahrzehnten die eigentliche Blütezeit ein. Denn unmittelbar nach dem großen Kriege war die Stadt, die allein zwischen 1631 und 1642 fünf Belagerungen erlitten hatte, noch zu sehr geschwächt, um an monumentale Gebäude denken zu können. Immerhin entstand schon damals, in den fünfziger Jahren, das erste große und wertvolle Bürgerhaus der Barockperiode, Deutrichs Hof, dessen Hauptschauseite am Nikolaikirchhof, – ein erstes Opfer der Leipziger Achtlosigkeit – abgerissen wurde. Wie hoch aber auch in diesen Anfangsjahren schon die Qualität der Architektur war, lehrt neben den zahlreichen schönen, mit üppigem Pflanzenornament bedeckten Erkern, von denen auch viel zu viele Neubauten zum Opfer fielen, besonders das Kleinod der Alten Börse am Naschmarkte ([Abb. 1]), die 1678/87 von Christian Richter erbaut wurde und deren von Simonetti geschaffene schwungvolle Stuckdecke im Inneren dem reich und lebhaft geschmückten Äußeren mit seinen girlandenbehängten Pilastern, dem hohen Portal und der ausladenden Freitreppe ebenbürtig ist.
Abb. 1. Christ. Richter: Alte Börse am Naschmarkt (1678–1687)
Der Anstoß aber zum höchsten Aufschwung wurde erst 1701 gegeben, mit dem Amtsantritt des Bürgermeisters Franz Conrad Romanus, eines erst sechsunddreißigjährigen Schützlings August des Starken, der dem protestierenden Rate aufgezwungen wurde und die ganze lebenserfüllte Beweglichkeit seines Kurfürsten nach Leipzig einführte. Sofort begann er mit dem Bau eines Stadthauses, eines Palastes kann man wohl sagen, wie Leipzig ähnliches bisher noch nicht gekannt hatte, und verschaffte sich als Bauleiter einen Dresdner Meister, der eben damals, auch gegen den Wunsch der Zunft und der leitenden Stellen, zum Leipziger Ratsmauermeister ernannt worden war: Johann Gregor Fuchs, der nun bis zu seinem Tode, 1715, der tonangebende Künstler Leipzigs bleibt.