Zum zweiten ist es durchaus erforderlich, bei Neubauten im Inneren alter Häuser historisch gebildete Sachverständige zu Rate zu ziehen. Wie viele gute Stuckdecken, die noch in Gurlitts Werk aufgezählt sind, hätten dadurch erhalten bleiben können, – von dem absoluten Werte der alten, beabsichtigten Zimmereinteilung gar nicht zu reden.
Drittens – und gerade das ist für die Wirkung der Häuser so sehr wichtig – sollte behördlicherseits gegen die Verunzierung schöner Fassaden durch Reklameschilder und Schaukästen vorgegangen werden. Daß dies so oft nötig wäre, liegt eben auch daran, wie wenig bekannt der Wert dieser Barockhäuser in weiten Kreisen ist. Denn aufdringlich angebrachte Geschäftsauslagen und Plakate bringen nicht nur die ganze Schauseite um ihre Wirkung, sie können auch wirklichen Sachschaden anrichten. So hat sich ein solcher z. B. gezeigt, als jüngst das Hohmannhaus in der Katharinenstraße von dem Schild befreit wurde, das in der Höhe des Fußbodens der ersten Etage den ganzen Erker verdeckte. Der Regen, der jahrelang durch das Schild am Abfließen verhindert worden war, hatte sich gesammelt und schwere Zerstörungen an den Figuren des Portalgiebels angerichtet. Ebenso würde man beim Abnehmen von Schaukästen an den Haustoren erst sehen, wie die feine Ornamentik gerade dieser Teile gelitten hat. Aber selbst von solchen Schäden abgesehen, genügten auch reichlich die anderen, die der Schönheit der Häuser durch diese Reklamen angetan werden, um städtischen oder staatlichen Einspruch zu rechtfertigen. Freilich, besser noch wäre es, die Besitzer der Häuser sähen das von selbst ein und gingen endlich alle dagegen vor.
Abb. 8. Fr. Seltendorff oder George Werner: Katharinenstraße 19
Fr. Seltendorff, Katharinenstraße 21 (1748–1750)
Und gerade hier – das muß erfreulicherweise gesagt werden – scheint sich eine Wendung zum Guten zu zeigen. In den letzten Jahren ist man daran gegangen, die schönsten der Leipziger Häuser abzuputzen und hat öfters dabei auch das Reklameunwesen abgestellt. Mit Äckerleins Hof begann es, Kochs Hof und Hohmanns Hof folgten, so daß ein Anfang jedenfalls gemacht ist. Diese anscheinende Besserung der Sachlage offenbart, daß den Gebildeten der Stadt allmählich aufgeht, welchen Schatz bedeutender Kunst sie an ihren alten Handelshäusern noch besitzen. Trotzdem muß man immer noch nur zu oft die Beobachtung machen, daß diese Erkenntnis noch viel zu wenig verbreitet ist, und, da darin sicher der Urquell aller der gezeigten Schäden beruht, so mußte es die Hauptaufgabe dieser Betrachtung sein, darauf hinzuweisen und auf die Notwendigkeit sorgfältigster Schonung und Pflege dieser Denkmäler mit Nachdruck aufmerksam zu machen.
Fußnoten:
[1] Nur durch die reiche Photographien-Sammlung in den Schaukästen und Schränken des Stadtgeschichtlichen Museums kann man sich noch einen Begriff von all dem verschaffen, was zu Grunde gegangen ist.
[2] Trotz der Besprechung Cornelius Gurlitts in den Älteren Bau- und Kunstdenkmälern Sachsens, Heft 18, die sich eingehend und liebevoll mit dem Leipziger Barock befaßt, leider aber ganz ohne archivalische Fundierung blieb. In einer größeren Arbeit über die Leipziger Baukunst der Barockzeit (Dissert. Leipzig 1924) konnte ich das außerordentlich reichlich vorhandene Aktenmaterial verwenden und auf Grund der dadurch sich ergebenden Daten eine kunstwissenschaftliche Geschichte der Leipziger Barock-Architektur vorlegen, auf die ich für alles folgende verweise.
[3] Auch in Leipzig findet sich mehrfach der Fall, daß als Entwerfer von Bauten keine Berufs-Architekten, sondern Patrizier der Stadt überliefert sind, für das ehemalige Georgenhaus z. B. der Kaufherr Georg Bose oder für das alte Gewandhaus der Appellationsrat Chr. Ludw. Stieglitz.
[4] Vgl. Otto Holtze: Leipziger Barockplastik. Ein Rettungsversuch. Leipz. Tageblatt, 26. Januar 1922. – Darüber den folgenden Artikel.