Abb. 7. Das Fridericianum an der Schillerstraße

Wie anfangs erwähnt wurde, hat Schinkel den in Deutschland vertretenen Klassizismus mit seinem Namen beherrscht. Seine Bedeutung für diese Zeit war so groß, daß man ihr später allgemein die Bezeichnung Schinkelzeit zulegte, ohne damit immer den Begriff des reinen Klassizismus decken zu können. So hat dann auch Leipzig in seiner baulichen Entwicklung eine Schinkelzeit gehabt. Die Werke Dauthes und Geutebrücks geben von ihr noch lebhafte Kunde. Noch haben sie ihren Platz als stattliche Bauten im Stadtbilde behalten; noch bedeuten sie der Baugeschichte Leipzigs ein Stück steinerne Chronik!

Vom alten Johannisfriedhof in Leipzig

Von Dr.-Ing. Hugo Koch, Leipzig-Nerchau

Mit Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

»Liebe und Leid« ist die hohe Melodie der Totenstätte zu allen Zeiten gewesen und hat doch so verschiedenen Ausdruck gefunden. Jahrhunderte hindurch war der Friedhof eng verwachsen mit der Kirche. Die Namen »Kirchhof«, »Gottesacker« reden eine deutliche Sprache. Nicht anders in Leipzig. Die Friedhöfe der Peters-, Thomas-, Nikolai-, Pauliner- und Barfußkirche haben freilich schon lange der Stadtentwickelung weichen müssen. Erhalten ist nur in einem Teil der Friedhof zu St. Johannis. Heute liegt er im innersten Kern der Großstadt Leipzig, einst aber vor den Toren der Stadt. Seine erste Anlage soll um 1278 erfolgt sein mit der Gründung eines Leprosen- oder Aussätzigenhospitals, das Hospital zu St. Johannis genannt, und mit der Erbauung einer, Johannis dem Täufer geweihten, Kapelle zusammenfallen. So berichtet Paul Benndorf in seinem gründlichen Buche über diesen Friedhof (Verlag von Georg Merseburger, Leipzig 1907, in zweiter Auflage 1922 bei H. Haessel), dem wir unsere geschichtlichen Daten entnehmen. Bereits 1476 wird der Friedhof vergrößert. Nach einer Verordnung vom Kurfürsten Ernst sollen von nun an alle Verstorbenen aus den eingepfarrten Dörfern, aus den Vorstädten und den Stadtteilen, deren Bewohner nicht volles Bürgerrecht besitzen, nicht mehr auf den Kirchhöfen oder in den Kirchen der inneren Stadt, sondern auf dem Gottesacker vor dem Grimmaischen Tore beerdigt werden. Durch Ratsbeschluß von 1531 bzw. 1536 wird der Friedhof zu St. Johannis allgemeiner Begräbnisplatz.

Die Anlage umfaßte zu jener Zeit den abgestumpften keilartigen Platz an der Johanniskirche, umschlossen von Mauern, die in achtundachtzig Schwibbogen für die Familienbegräbnisse, zumeist mit gemauerten Grüften, aufgeteilt waren. Gegen den Friedhof waren die Gruftkapellen mit eisernen Gittertüren abgeschlossen. Die meist unverdeckten Grüfte ließen Gewölbe und Särge sichtbar. Schon 1580 machte sich eine Erweiterung um etwa das Doppelte nötig und 1616 eine zweite, so daß nun schon 259 Erbbegräbnisse an den Mauern gezählt wurden. 1623 begann man mit der Belegung des Hospitalgartens. Dann kamen schlimme Kriegsjahre. Zwar verschonten 1631 die Tillyschen Truppen den Friedhof, aber 1637 und 1644 wurden von den Schweden bei der Belagerung Leipzigs viele kunstvolle Denkmäler und Grüfte barbarisch zerstört und fast alle Schwibbogen eingerissen. Nach 1644 ging sogar eine Zeitlang die Landstraße über die niedergetretenen Grabhügel. Eine Urkunde vom 19. August 1647 berichtet: »Des hiesigen Gottes-Ackers mit wenigen denen Nachkommen zur Nachricht zu gedenken, so ist derselbe auff zweymal (weil die Stadt am Volcke sich gemehret) erweitert worden, und zum Unterscheid der Alte, der Mittlere und der Neue Gottesacker genannt worden, welcher mit hohen Mauern, Dächern und Schwibbogen um und um gar zierliches gebauet, und mit schönen und herrlichen kostbaren Epitaphien aus Marmorsteinen, Holtzwerck und Mahlwerck, mit biblischen Gemählden, Sprüchen, Figuren, Historien und anderen Gemählden von Bildhauern, Mahlern und Künstlern herrlich geziehret gewesen; die alten Geschlechter, welche vorlängst abgestorben, die hat man nebst ihren rühmlichen Thaten und Herkommen, nach ihren alten Gebräuchen, Trachten, Kleidungen und anderen Monumentis allda finden können. In Summa, dieser Leipzigische Gottes-Acker ist so wohl erbauet gewesen, daß, wenn fremde Nationes und Völcker anhero kommen, sie denselben als ein Wunder angeschauet, und ist dergleichen Gottes-Acker an Zierath, Gebäuden und Gemählden im gantzen Römischen Reiche nicht zu finden gewesen, und ob wohl der schädliche Krieg diese Lande vielmahl betroffen, und die Stadt Leipzig zu unterschiedenen mahlen von Kaiserlichen und Schwedischen Armeen belagert worden, dadurch die Vor-Städte abgebranndt und ruinieret worden, da sich denn auch bey denen Armeen Calvinische Bilder-Stürmer befunden, welche theils denen auff dem alten Gottes-Acker befindlichen Bildnissen und Gemählden die Augen ausgestochen, Nasen und Ohren abgeschnitten und sonst verstümmelt und geschimpfet, so ist doch der Gottes-Acker an alten Gebäuden und andere Zierathen, wie auch alten Gedächtnissen stehen geblieben, biß Anno 1642, als die Königlich Schwedische Armee unter dem Herrn General Feld-Marschall Leonhard Torstensohn am 16. Oktober diese Stadt belagert und sich mit der Armee in den Gottes-Acker gelagert ...«

Nach Überwindung der Kriegsschäden wurde 1680 eine dritte Erweiterung um vierundneunzig Schwibbogen erforderlich, da die Pest in diesem Jahre nicht weniger als dreitausendzweihundertzwölf Personen dahinraffte. Eine vierte Erweiterung erfolgte 1805 und schließlich die letzte 1827. Noch einmal wurde der Friedhof durch Kriegsgreuel schwer heimgesucht. In der Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober wurde er zum Lagerplatz der Verwundeten und Gefangenen. »In den Schwibbogen war das hölzerne Gevierte an den Senklöchern herausgerissen und verbrannt; in den Grüften lagen die Leichen, aus den Särgen geschüttet, mit grinsenden Schädeln umher, inmitten mancher hinabgestürzter Soldat, der da unten seinen Geist ausgehaucht hatte. Auf vielen hundert Wagen wurde der Kirchhof von dem Unflat gesäubert, und mehrere Eigentümer der Schwibbogen ließen dieselben wieder herstellen und die Leichen, so gut sich dies tun ließ, wieder in ihre Ruhestätte bringen.«