Abb. 1. Durchblick, der die Anlage der Wandstellen zeigt
Was heute vom alten Johannisfriedhof noch erhalten ist, sind die von 1628 bis 1827 geschaffenen Teile, während die übrigen, soweit sie nicht schon früher beseitigt waren, durch die Anlegung der Promenadenanlagen 1883 fielen. Zwei Jahrhunderte also sprechen aus dem noch erhaltenen Friedhofsteil und doch, welche Einheit tritt zu Tage, gegenüber der Fülle und Unklarheit der Friedhöfe im letzten Jahrhundert. Jede Erweiterung des Friedhofes ist gewissermaßen als ein Friedhof für sich aufgefaßt. Die Abmessungen sind so gewählt, daß das Ganze als ein einheitlicher Raum noch empfunden werden kann. Die Raumgrenzen ergaben die Friedhofsmauern, welche zu Erbbegräbnissen ausgestaltet sind. So ist ein Motiv durch die Jahrhunderte klar durchgeführt. Durch diese Wiederholung des einfachen Grundmotivs ist ein klarer Rhythmus gewonnen, er gibt der ganzen Friedhofsschöpfung die Ruhe und Größe, das Versöhnende, was wir auf den Friedhöfen unserer Zeit mit ihren verschiedenartigsten, individualistischen Denkmälern so schmerzlich vermissen. Das große Geheimnis aller wahren Kunst, die Einheit und Größe der Grundform ist hier gewahrt durch die Jahrhunderte – ohne den Zeitgeist zu verleugnen. Der spricht sich lebendig aus in den dekorativen Einzelheiten. An diesen noch heute erhaltenen Mauern kann man die Formenwelt von zwei Jahrhunderten verfolgen, vom ausgehenden Zeitalter der Renaissance über das Barock-Rokoko zum Klassizismus und der Neugotik des 19. Jahrhunderts.
Abb. 2. Wendler-Fockesche Gruft. Vom Ende des 17. Jahrhunderts
In der ältesten Gruft, der Ruhestätte der Familien Augustin, Schillbach und Weinedel ist das sich früher vielfach wiederholende Motiv der bescheidenen Bogenstellung auf toskanischen Säulen heute noch gut erhalten. ([Abb. 3.]) Reich ausgestattete Barockgitter grenzen die Gruft nach außen ab. An diese Gruft schließt sich das 1833 errichtete Leichenhaus an in den einfachen Formen der Biedermeierzeit, in dessen Kammer sich ein Weckapparat für Scheintote erhalten hat. An Händen und Füßen wurden Ösen und Ringe befestigt, welche durch Schnuren mit einer Rolle in Verbindung standen, die eine Weckglocke in Tätigkeit setzte.
Abb. 3. Gruft der Familien Augustin, Schillbach, Weinedel von 1687
Am Eingange zum heutigen Friedhof ist die Gruft der Familie Baumgärtner als Pavillonbau errichtet, die in Umriß und Detail ganz den barocken Geist ihrer Entstehungszeit um 1720 atmet. ([Abb. 4.]) Wohl das schönste schmiedeeiserne Ziergitter der Barockzeit ist an der Eingangstür zur Löhrschen Gruft erhalten, die um 1740 erbaut wurde und in ihren reichen Architekturmotiven schon den Geist des Rokoko charakterisiert. ([Abb. 5.]) In der klassizistischen Zeit werden die Formen einfacher. Die Friedhofsmauer erhält meist nur eine Inschriftstafel oder eine Nische mit plastischem Schmuck, wie beispielsweise die Grüfte der Familien Storch und Meißner um 1790 und Weinhold und Sixdorf um 1804.
Abb. 4. Baumgärtnersche Gruft. Um 1720