Abb. 8. Poletscher Grabstein von 1806
Kindergenien, die man in der vorausgegangenen Zeit Amoretten nannte, die Genien mit der Fackel, die weinenden Grazien, die trauernden Nymphen und Dryaden, Psyche selbst, der Schmetterling als Psyche, endlich Blumenkränze, Festons und Inschriften sind die Ausdrucksmittel der Empfindung. Sie schmücken Obelisken, Pyramiden, abgebrochene Säulen, Sarkophage. Die Totenurne spielt auf einmal eine merkwürdige Rolle in der Plastik. Wir finden sie überall, nicht nur im Friedhof, verwendet, ohne daß sie irgendwie eine andere Begründung hätte, als die allgemeine Stimmung der Zeit zum Ausdruck zu bringen.
Abb. 9. Grabmal der Familie Gehricke
Wenn wir einen alten Friedhof aus diesen Zeiten betreten, so spüren wir unbewußt diese Wahrhaftigkeit im Ausdruck und werden ergriffen von der stillen Weise seines Charakters, wie alles zusammenzugehören scheint, wie nicht nur das einzelne Grab, sondern die Friedhofsgemeinschaft zu reden beginnt von der Seele, die jener Zeit innewohnte. Nicht Wissenschaft und Logik, noch weniger Originalitätssucht leiten die Künstler, sondern innige Schlichtheit als Ausdruck eines tiefen echten Gemütes. So entstehen die einfach schmucklosen Grabplatten oder die in ihrem Umriß so fein abgewogenen kubischen Steine, und wo reichere Formen auftreten, gehören sie mehr oder weniger dem antikisierenden Stil des Empire an, aus dem ja überzeugend der empfindsame Geist spricht. Hierzu kommen die intimen Reize, die die Natur im Laufe der Zeit hervorgezaubert hat. Die aus gleichem Material geschaffenen Steine sind gleichmäßig verwittert und mit der Natur eng verwachsen. Sie webt einen dichten Schleier von eigenem Zauber um diese Monumente von Stein. Die beschattenden Bäume breiten schützend ihr Blätterdach über das Ganze, der Efeu klettert schirmend am Gestein empor oder überzieht die vielfach verwendeten Grabplatten, die so feierlich wirken und bis vor kurzem so ganz von uns vergessen waren. Welch malerische Stimmung und unvergleichliche Ruhe und Anmut liegt in solchem Friedhofsbild.
Wie anders auf unseren Friedhöfen, hundert Jahre später, mit dem wirren Wald von Kreuzen, Denksteinen und prunkenden Malen in den verschiedensten Materialien, als die Denkmalkunst in die Hände betriebsamer Steinmetzgeschäfte überging. Und wie im Leben sucht auch an der Stätte des Todes einer den anderen zu überbieten, keiner nimmt Rücksicht auf den Nachbar, niemand fragt, ob er mit seinem aufwendigen Mal alles andere totschlägt, im Gegenteil, letzten Endes verfolgt man dieses Ziel. So charakterisieren diese Steinfelder unserer Friedhöfe das Zeitalter der Unkultur treffender noch als manches Straßen- und Platzgebilde der Großstadt.
Mit der Wende des Jahrhunderts haben wir die Reformierung der Grabmalkunst in Angriff genommen. Seitdem erinnert man sich wieder der Schönheiten alter Friedhöfe. Die Höhe der Denkmäler, die Größen, das Material wird vorgeschrieben. Alles mit teilweise gutem Erfolg. In formaler Beziehung ist schon manches gewonnen, in zwecklicher Hinsicht viel erreicht, die Organisation des Begräbnisbetriebes ist mustergültig. Trotz allem aber haben wir noch keinen Friedhof wieder, wie ihn uns die Vorfahren hinterlassen haben. Wir Architekten und Gartengestalter mühen uns um die Form. Der Friedhof als Ganzes aber ist erst zu bauen mit Hilfe der Gemeinschaft des Volksganzen, getragen von einem Fühlen, einem Sehnen, einem Wollen. Diese Grundlage gab einst die Religion. Wir aber sind heute vielfältig zersplittert in unseren religiösen und geistigen Anschauungen, was in allen unseren Werken der Kunst zum Ausdruck kommt. Wir werden auch keine neue überzeugende Friedhofsgestaltung erreichen, bevor wir nicht einen gemeinschaftlichen Boden der Anschauung gefunden haben, der in der Seele des Volkes Wurzel geschlagen hat. Das Friedhofsproblem ist nur zu lösen, wenn es gelingt, den Friedhof wieder eng mit der Volksgemeinde verwachsen zu lassen. Das ist im großen Zentralfriedhof nicht möglich. So müssen die Friedhöfe wie die Großstädte selbst zu Einzelgebilden aufgeschlossen werden. Die Dezentralisation scheint mir die notwendige Voraussetzung zu sein für die Gewinnung einer neuen Friedhofskultur. Und wenn wir im an und für sich zu großen Friedhof reformierend eingreifen wollen, so müssen wir vor allem eine Gliederung in klar erkennbare Einzelteile durchführen.
Abb. 10. Sommerbild vom Friedhof
Der alte Johannisfriedhof in Leipzig kann dafür manchen Hinweis geben. Hier können wir die Bedeutung der Abgeschlossenheit studieren, die wir für unseren neuen Friedhof so dringend bedürfen. Sie wird durch Schaffung nicht zu großer, als Räume noch fühlbarer Teile erreicht. Hier ist die Konzentration der Gedanken erst möglich. Wir müssen uns bewußt werden, daß die Stimmung des Friedhofes um so friedlicher wird, je größer und tatsächlicher die Abgeschlossenheit ist. Sie kann, wie im Johannisfriedhof, durch die Erbbegräbnisse ausgestaltete Mauern erzielt werden, oder auch durch Hecken, und deren beider raumbildende Wirkung durch begrenzende Baumpflanzung erhöht werden. In solch geschlossenem Raum fügen sich dann die Gedenksteine um so besser und harmonischer ein, je bescheidener und gleichartiger sie gestaltet sind. Hier wird Beratung und gelinder Zwang von hoher Warte aus heute noch notwendig sein, um Geschmacklosigkeiten, wie wir sie vielfach in den Steinlagern unserer Steinmetzbetriebe finden, zu verhindern. Dann wird sich das Friedhofsbild auch wieder zu einem harmonischen entwickeln und Ruhe und Frieden über solchem Totengarten liegen.