Abb. 2. Thomaskirche. Zustand vor 1877, nach Zeichnung von Kratz
Über der Empore links der Fürstenstuhl
Abb. 3. Thomaskirche. Grab des Ritters Hermann von Harras († 1451)
(Das Denkmal ist erst gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts entstanden)
Der Thomaskirche, deren unvergänglicher Ruhm es geworden ist, daß Johann Sebastian Bachs unsterbliche Werke zum ersten Male in ihr erklungen sind, und die noch heute die große, fast vierhundertjährige Tradition der protestantischen Kirchenmusik in vorbildlicher Weise pflegt, hat die letzte Restauration in der schlimmsten Epoche deutscher Baugeschichte (um 1880) im Inneren die imponierende Raumwirkung nicht rauben können, obwohl aus dieser Zeit die Bemalung stammt, die ihrer Würde so ganz und gar nicht entspricht. Sie präsentiert sich beim Eintritt durch das ganz moderne Westportal und ebenso vom Chore aus mit ihren drei gleichhohen Schiffen, deren Gewölbe von schlanken aufstrebenden Achteckspfeilern getragen werden, als eine helle geräumige Halle von vornehmen ruhigen Proportionen, und die an drei Seiten umlaufenden, bis annähernd in Drittelhöhe heraufreichenden Emporen, die man gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts eingebaut hat, würden diesen Eindruck viel weniger stören, wenn sie nicht durch den auffallenden, wenig erbauenden Bilderschmuck, den sie vor einigen Jahrzehnten erhalten haben, noch besonders hervorgehoben würden.
Abb. 4. Thomaskirche. Grabsteine des Ehepaars von Wiedebach (1517)
Das achtjochige Langhaus ist nach einem einheitlichen Plane von 1483 bis 1496 dem eigentümlich verkümmerten Querschiff und dem niedrigen einschiffigen Chor aus einer etwa siebzig Jahre früheren Bauperiode vorgelegt worden, die gegen das Langhaus schief orientiert sind. Dieser ältere Bauteil wirkt als eine dunkle Masse, da er sein Licht nur durch die nicht besonders hohen, heute zudem mit dunklen Glasbildern versehenen Fenster im fünfeckigen Chorabschluß erhält. Von dem Aussehen der Kirche in katholischer Zeit werden wir uns heute schwerlich mehr ein Bild machen können, da von ihrer inneren Ausstattung, wie auch von der Ausschmückung der Kapellen, die an die Seitenschiffe anschließend, noch bis zur Zeit des letzten Umbaus standen, das Meiste längst verloren ist. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert hatten sich über den Emporen und sogar über dem Triumphbogen vor dem Chore balkonartige Logen von den verschiedensten Formen eingenistet, die ein sehr malerisches Bild geboten haben müssen, allerdings zum Teil die Seitenschiffenster verdeckt haben werden. Die moderne puristische Restauration hat damit aufgeräumt. Dadurch ist eine gewisse freudlose Nüchternheit in die alte Kirche eingezogen – bekanntlich das Schicksal vieler alter Kirchen in protestantischen Gegenden. Die prächtigste Loge, der 1683 zur Erinnerung an die Türkensiege Kurfürst Johann Georg III. über der linken Seitenempore aufgebaute »Fürstenstuhl« ist sogar noch 1889 abgebrochen worden, »weil er in den Stil der Renovation nicht paßte.« Er konnte aber später wenigstens Aufnahme im Stadtgeschichtlichen Museum finden.
Von den zahlreichen Grabmälern aus älterer Zeit sind immerhin noch mehrere in der Kirche erhalten, z. B. der gut gearbeitete Grabstein des Hermann von Harras, ein ausgezeichnetes Beispiel einer Ritterfigur aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, aus dem Jahre 1517 der Doppelgrabstein des kurfürstlichen Amtmanns Georg von Wiedebach und seiner Frau Apollonia mit den sehr charakteristischen Porträtfiguren des Paares, dessen Züge uns auch durch Cranachsche Bildnisse im Museum überliefert sind, und die ausgezeichneten Bronzeplatten mit Reliefbildern der beiden in der Geschichte des sächsischen Protestantismus berühmten Pfarrer Nikolaus Selnecker († 1592) und Johann Benedikt Carpzow († 1699). Die Kirche ist außerdem noch reich an architektonisch gestalteten und meist mit Reliefs gezierten Epitaphien des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts.
Außen dominiert für den Eindruck das hohe Satteldach und der über dem südlichen Querschiffrest aufragende Turm mit seinem sich zu achteckigem Baukörper verjüngenden schlanken Oberbau, der in eine kupfergedeckte Haube des achtzehnten Jahrhunderts ausgeht.