Abb. 5. Nikolaikirche. Blick in den Chor. Heutiger Zustand

Die Nikolaikirche ist heute in ihrem Inneren das Ergebnis des höchst interessanten Versuches einer architektonischen Neuschöpfung des achtzehnten Jahrhunderts. Dem damaligen Baudirektor der Stadt, Johann Friedrich Dauthe, einem Künstler von starker Individualität, war die Aufgabe gestellt worden, die aus den Jahren 1513–1525 stammende dreischiffige spätgotische Hallenkirche von fünf Jochen, die in ihren Maßen etwa denen der Thomaskirche entsprachen, umzubauen, und er machte aus den schon ursprünglich eigenartig als Palmenstämme dekorierten achteckigen Pfeilern des Schiffes und dem gotischen Rippengewölbe einen ganzen Palmenwald in klassizistischem Stile. Wie Gurlitt hervorgehoben hat, war auch die zu dieser Zeit herrschende Ansicht, daß das gotische Netzgewölbe mit Erinnerungen an Palmen zusammenhinge, für diese Wahl maßgebend. Die Pfeiler wurden zu wuchtigen kanellierten Säulen, und eine breite Kapitellzone, die mit aufgereihten flach gehaltenen Palmenblättern bedeckt und von einer Rundplatte mit schön gerundetem Eierstab bekrönt erscheint, angeblich ein ägyptisches Kapitell, vermittelt nach oben zu den dichten Bündeln von Palmwedeln und Fruchtstengeln, die der Architekt mit noch ganz barockem Empfinden an den Gewölbeansätzen in Stuck hat auftragen lassen. Das Gewölbe selbst ist äußerst geschickt zu einer Kassettendecke umgedeutet. Diese architekturgeschichtlichen »Unmöglichkeiten« sind nun mit einem so sicherem Geschmack und einem so klaren Gefühl für die Proportionen des Raumes gestaltet worden, daß der Eindruck eines festlichen Saales erreicht ist, ohne daß die Würde des Kirchenraumes einen Augenblick außer acht gelassen wäre. Zu der geschlossenen Haltung des Ganzen tragen auch die breiten Horizontalen der streng geformten Doppelemporen bei, deren oberes Stockwerk das Gebälk einer ganz klassisch durchgebildeten korinthischen Säulenordnung ist. Auch farbig ist der Raum außerordentlich wohltuend in seiner bis zu den Sitzbänken einheitlich durchgeführten weiß-goldenen Dekoration und selbst die kleinsten Einzelheiten, wie der Schriftduktus der Nummern an den Bänken, sind dem Ganzen angepaßt. Dem Chorabschluß sind durch Dauthe je zwei hohe Fensteröffnungen zu beiden Seiten einer schlicht gehaltenen Altararchitektur belassen worden, und er wirkt daher in seiner guten Beleuchtung als gleichwertige Fortsetzung des Hauptsaales.

Abb. 6. Nikolaikirche. Blick in den Chor nach Aquarell von K. B. Schwarz (um 1784)

Von dem ursprünglichen Aussehen des Kircheninnern hat man durch zwei kurz vor Dauthes Umbau gemalte Aquarelle Kenntnis, und wenn man auch bedauern mag, daß manche hübsche Einzelheiten völlig verschwunden sind, wird man doch angesichts einer so mutigen und künstlerisch bedeutenden Tat, wie sie diese Umwandlung darstellt, sehr zufrieden sein, daß ein so eigenartiger Baugedanke Verwirklichung gefunden hat. Das hervorragendste Einzelkunstwerk aus der älteren Kirche ist die wahrscheinlich 1521 entstandene Kanzel, an deren Brüstungswänden unter reichen gotischen Baldachinen die Gestalten des Schmerzensmannes und der vier Kirchenväter in hohem Relief erscheinen. Sie ist ein Zeugnis für die mit dem zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts rasch aufsteigenden Reichtum der Stadt verbundene letzte üppige Blüte der Spätgotik in unserer Gegend.

Abb. 7. Nikolaikirche. Blick auf die Orgelwand nach Aquarell von K. B. Schwarz (um 1784)

In ihrem Äußeren ist die Nikolaikirche ein merkwürdig formloses Gebilde von geringem künstlerischem Wert. Doch hat die massige Westfassade mit ihrem mitten zwischen zwei alten Turmstümpfen sich erhebenden Barockturm, der dem der Thomaskirche verwandt ist, entschieden einen malerischen Reiz.

Abb. 8. Nikolaikirche. Kanzel von 1521