Ich weiß auch, daß jemand von Euch gesagt hat: Diejenigen, die in unserem Klima wirklich einen Pelz brauchen, sind die, die als Fahrzeugführer zu tun haben. Alle anderen – fast ohne Ausnahme – tragen ihn als Modestück. Aber eins haben uns unsere Vertrauensleute doch noch nicht gemeldet, daß ein angestellter Fahrzeugführer einen Pelz aus unseren Fellen getragen hätte.

Doch zurück zu meiner Anzeige. Was bringt mich darauf? Ich habe von verschiedenen Seiten vernommen, daß Euch die Maikäfer Sorgen bereiten. Die Biologische Reichsanstalt versendet seit einigen Jahren Maikäfermerkblätter. Nach der ganzen Arbeitsweise dieser Anstalt kann ich nicht annehmen, daß sie das nur tut, um etwa die Verbreitungsbezirke vom gewöhnlichen Maikäfer und vom Roßkastanien-Maikäfer klarzulegen. Das Wort Maikäferjahre wird oft genannt.

Man versucht die Zusammenhänge aufzudecken, die jedes Lebewesen als Glied einer geschlossenen Kette erkennen lassen. Man zeigt, wie eine Veränderung an irgendeiner Stelle der Kette zwingend auf alle anderen Glieder einwirken muß. Da taucht auch die Rede auf von den Maikäfern, die Euch Menschen die Milch wegtrinken. Das ist närrisch, aber leider wahr. Überlegt es Euch einmal. Wenn jemand sagte: Maikäfer, die Euch die Kartoffeln wegfressen, so hätte der auch recht.

Im schweizerischen Rhonetale soll eine Gemeinde einmal versucht haben festzustellen, ob es wirklich an dem sei, daß Engerlinge den Grasnutzen merklich schmälern und dadurch die Futtermenge, die Milchviehhaltung und den Milchertrag merklich mindern könnten. Das Ergebnis ist wohl so gewesen, daß auf einen Hektar engerlingsfreier Wiese etwa zwanzig Zentner Heu mehr geerntet worden sind als auf den Wiesen, die engerlingsreich waren. Verbürgen kann ich mich für diese Angaben nicht, aber ein gut Teil Wahrheit steckt dahinter. Hätte man statt des Wiesenlandes Kartoffelland zu diesen Untersuchungen benutzt, so wären sicher ähnliche Ergebnisse zutage getreten. Jetzt werden Mittel gesucht, die den Engerlingsschaden mindern und damit die Erträgnisse der Ländereien unter sonst gleichen Bedingungen heben sollen. Aber keins wird darunter sein, das ohne Opfer an Zeit und Geld anzuwenden wäre.

Was haben aber wir Mulle damit zu tun? Daß wir Engerlinge fressen, das ist wohl bekannt. Herr Wiesenbaumeister Bernatz hat ja nun gefunden, daß wir nur zweimal im Jahre Engerlinge fräßen, hat das auch mit seinen Erfahrungen belegt. Das eine Mal wäre es im Frühjahre, wenn die Engerlinge aus den frostfreien Schichten zu den Graswurzeln, Kartoffeln usw. emporstiegen. Das andere Mal wäre dann, wenn sie im Herbste wieder zur Tiefe gingen. Dabei müßten sie unser Röhrennetz schneiden und fielen uns zur Beute. Zu anderen Zeiten erwischten wir keine. Unsere Gänge seien im Sommer unter den Engerlingen, im Winter über ihnen. Ich halte dem entgegen: Es haben etliche von Euch Versuche mit gefangenen Brüdern von mir angestellt, ob wir unsere Beute auf gewisse Entfernungen hin, durch Erdschichten hindurch usw. auch zu wittern vermöchten. Die Versuche haben Euch gezeigt, daß wir das können. Und unser Jungvolk fährt zumeist dicht unter der Erdoberfläche dahin. Da muß mancher Engerling gewahr werden, daß er nicht bloß im Frühjahr und im Herbste sich vor uns sichern möchte.

Aber mag daran sein, was will. Jeder Engerling, der von uns gefressen wird, bedeutet für Euch Gewinn an Graswuchs, an Kartoffelwuchs, an Futter, an Kartoffeln, an Milch, an Fleisch. Aus den Engerlingen werden Käfer. Auch diese fressen. Jeder Fraß am Baume mindert in entsprechendem Maße den Ertrag an allem, was der Baum bietet. Schwingt Euch einmal zu den Gedankengängen eines Leberecht Hühnchen auf, der sich ausmalt, was er alles verzehrt, wenn er ein einziges Hühnerei genießt: einen ganzen Hühnerpark. Wendet das auf uns an. Was verzehren wir alles, wenn wir einen einzigen Engerling auffressen! Liegt auch eine starke Übertreibung darin, so ist eine solche Betrachtung doch sehr lehrreich und bedeutsam. Was ich hier auf den Engerling bezogen habe, das könnt Ihr auch auf jeden anderen tierischen, innerirdischen Bewohner Eurer Grundstücke anwenden, den wir zu überwinden vermögen.

Ich gehe noch weiter und schlage vor: Nehmt zwei Stück gleichwertiges Land, zwei Wiesen oder zwei Stück Kartoffelland. Das eine säubert von uns; auf dem andern laßt uns in Ruhe. Prüft von beiden die Erträge. Setzt bei der Wiese ruhig in Rechnung, daß Ihr wegen unserer Hügel die Sense vielleicht etwas höher einsetzen müßt, daß daher höhere Grasstoppeln stehen bleiben, als unbedingt nötig wäre. Ich habe die Zuversicht, daß wir uns trotz allem nicht als so schlimme Gäste erweisen werden, als die wir von verschiedenen Seiten her immer hingestellt werden. Daß wir ihrer auf einem Stück nicht zuviel werden, dafür sorgen wir schon selbst. Wir haben eine große Freßlust. Auf einem Stück, auf dem einer von uns gerade satt wird, da duldet er keine weiteren Mitfresser. Einer muß weichen; da gibt es kein Erbarmen.

Ich glaube, meine Anzeige wird jetzt deutlich. Für uns Mulle allein will ich auch nicht sprechen. Ich will nur immer und immer betonen: Ihr Menschen, stört nicht ohne dringende Not das Gleichgewicht in der Natur! Habt Ihr Eingriffe in den Gleichgewichtszustand vor, dann fragt Euch ernstlich: Was für unmittelbare Folgen wird unser Eingriff haben? Aber seid damit noch nicht zufrieden, sondern stellt Euch die viel schwerere Frage: Was für mittelbare, weitgehende Folgen können aus diesem Eingriff erwachsen? Bedenkt dabei, daß diese mittelbaren Folgen Nachteile zu bringen vermögen, die den unmittelbaren Nutzen zunichte machen können. Ein augenblicklicher, vielleicht nur persönlicher Gewinn kann ausschlagen zum dauernden Schaden, den meist die Allgemeinheit zu tragen hat.

Darum will ich zum Schlusse Ihnen noch ein weiteres Bedenken, das mich beunruhigt, vorbringen: Die Kiefernwaldungen werden in gewissen Gegenden von einem Nachtschmetterling, einer sogenannten Eule, schwer heimgesucht. Die ausgedehnten Bestände sind dem Untergange nahe. Einmal die Nonne, dann diese Eule! Ist diese Massenhaftigkeit des Auftretens dieser zwei Waldverderber nicht vielleicht auch eine mittelbare, weittragende Folge einer Gleichgewichtsstörung im Walde? Es wird doch jetzt so viel geredet und geschrieben vom Mischwald, vom Dauerwald. Nun sucht Ihr nach Abwehrmitteln und wollt es jetzt mit einem starken Gift versuchen, das Flieger über den befallenen Waldungen von ihren Flugzeugen aus abblasen sollen. Ich weiß nicht, von mir aus gesehen – ich betrachte die Dinge nur aus der Maulwurfperspektive, nicht von Eurer erhabenen Warte aus – scheint das wieder eine Gleichgewichtsstörung zu werden. Dieser Eule gegenüber wird dieses Mittel wahrscheinlich einen augenblicklichen, vielleicht auch einen auf gewisse Zeit anhaltenden Erfolg bringen. Ich denke aber an die mittelbaren Wirkungen, die nicht heute, nicht morgen in die Erscheinung zu treten brauchen, aber sicher einmal zu spüren sein werden. Wird nur der Schmetterling vernichtet werden? Wird der Gifttod nicht auch andere Lebewesen raffen, auch solche, die er nicht treffen sollte?

Dies wäre von Ihnen und denen, die dem Heimatschutz und damit dem Naturschutz nahestehen und ein Wort dazu zu sagen vermögen, wohl zu bedenken. »Zu spät« ist ein furchtbares Wort. Sorgen Sie mit dafür, daß dieses Wort verschwinden, daß die Tragödienreihe aus Tier- und Pflanzenreich nicht immer neue Fortsetzungen finden möge, die Reihe, die unter der Überschrift steht: »Zu spät« durch menschliche Verblendung!