Die Augustusburg, 1568 bis 1572 erbaut, ist die Nachfolgerin der mittelalterlichen Burg Schellenberg. Diese lag, ebenso wie das heutige Schloß, auf der gewaltigen, rechts von der Zschopau, links von der Flöha umspülten Porphyrplatte, die wie ein gewaltiger Eckturm den Nordrand des eigentlichen Erzgebirges und zugleich den Punkt bezeichnet, in dem sich das westliche von dem östlichen Gebirge scheidet. Das Flöhatal gilt als die Grenze der beiden Gebiete. Diese Porphyrplatte schiebt sich von Öderan (d. h. »Ort bei den Edern« = Zäunen, Grenzen) südwärts in den ungeheuren Grenzwald vor, der in alter Zeit als ein unbewohntes Puffergebiet zwischen der Mark Meißen und dem Herzogtum Böhmen lag. Dieser Grenzwald war kaiserlich, ebenso der hier hindurchführende Paß von Öderan über Zöblitz und Sebastiansberg nach Komotau oder von Chemnitz über Zschopau-Wolkenstein nach Preßnitz und ins Egertal. Der Eingang zu beiden Straßen, die zu den wichtigsten Verbindungsgliedern zwischen Nord- und Süddeutschland gehörten, wurde von der Burg Schellenberg beherrscht. Deshalb waren die ritterlichen Herren von Schellenberg, denen auch die Burgen Rauenstein an der Flöha und Lauterstein bei Zöblitz als südlich vorgeschobene Posten gehörten, nicht Vasallen der Meißner Markgrafen, sondern standen als edelfreie Ritter unmittelbar unter dem Kaiser. Erst als die kaiserliche Gewalt zertrümmert und das reichsunmittelbare Geschlecht der Schellenberg wegen eines Frevels, den es gegen das Kloster Altzella verübt hatte, geächtet war (1323), kam der wichtige Porphyrfelsen mit seiner Burg in den Besitz der Wettiner (5. April 1324), und nach der Leipziger Teilung (1485) in den Besitz der Albertinischen Herzöge von Sachsen. In der Zeit, wo sich der Schmalkaldische Krieg vorbereitete, hat sich in der Burg Schellenberg eine denkwürdige Szene zugetragen. Der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, in Sorge um die Zukunft seines vom Kaiser Karl V. mit Ächtung bedrohten Hauses, besuchte dort im Jahre 1545 zur Zeit der Hirschbrunft seinen Vetter Herzog Moritz und suchte im Vertrauen auf seine eigene Trunkfestigkeit dem in diesem Punkte schwächeren Moritz beim nächtlichen Gelage seine politischen Geheimnisse zu entlocken. Aber Moritz verriet sich nicht, nur wäre er bei der Heimreise nach Dresden an den Folgen des schweren Trunks fast gestorben. In der Tat wurde das Jahr 1547 das Schicksalsjahr der Ernestiner: sie verloren den größten Teil ihrer Länder an die Albertiner, aber es wurde auch das Schicksalsjahr der Burg Schellenberg: sie brannte im Jahre 1547 durch Blitzschlag ab. Zwanzig Jahre lang lag nun die Burg in Schutt und Asche. Da faßte Kurfürst August im April 1567 voll Siegesfreude über die Eroberung der Feste Grimmenstein zu Gotha den Plan, »weil solches des Hauses Sachsen ältesten Schlösser eines, aus erforderter Notdurft, auch zur Zierde des Landes alle solches Schlosses alte Gebäude abtragen zu lassen und zu verordnen, daß an der Stelle ein neues Schloß gebaut werde.« Er gewann dafür als Baumeister den Leipziger Bürgermeister Hieronymus Lotter, der elf Jahre zuvor mit unerhörter Geschwindigkeit den reizvollen Hallen- und Giebelbau des Leipziger Rathauses geschaffen hatte, und dieser an der Schwelle der Siebzig stehende Mann brachte wirklich in vierjährigem, heißem Bemühen den umfangreichen Schloßbau zustande (1568 bis 1572), die letzte Vollendung aber wurde, weil Lotter unverdientermaßen bei dem ungeduldigen Bauherrn in Ungnade gefallen war, dem italienischen Grafen Rochus zu Lynar anvertraut. Außer der Vorburg mit dem gewaltigen äußeren und inneren Tor und der hochgelegten steinernen Auffahrt zeigte das Schloß vier wuchtige, breit dastehende Ecktürme, die durch meist dreistöckige Flügel untereinander zu einem großen Rechtecke verbunden sind. Sie enthielten in reicher Fülle die Säle und Gemächer für einen groß zugeschnittenen fürstlichen Hofhalt. Der Außenbau ist in schlichten, aber markigen Formen gehalten, die Innenräume waren vom Hofmaler Heinrich Göding nach den Angaben des Kurfürsten mit sinnvoller Malerei ausgeschmückt von teils lehrhafter, teils humorvoll-satirischer Art. So war in der »Turteltaubenstube«, wo sich die Hoffräuleins aufzuhalten pflegten, die Kurfürstin Anna über der Tür gemalt, wie sie mit strengem Blick darüber wacht, daß ja nichts Anstößiges geschieht, und neben ihr stand ein Fräulein, das den Pferdefuß, der als Strafe für Verstöße gegen den Anstand verwendet wurde, auf der Schulter trug. Weit berühmt waren die Bilder des »Hasenhauses«, in denen Göding, den Schlußgedanken des »Mümmelmann« von Hermann Löns vorwegnehmend, die Hasen als die eigentlichen Herren der Erde in der Ausübung aller menschlichen Geschäfte, auch als Staatsmänner und Kriegsleute dargestellt hatte, doch so, daß sie zuletzt wieder den Menschen unterliegen und wie einst in Pfannen und an Bratspießen ihr unrühmliches Ende finden.

Abb. 3. Das innere Tor der Augustusburg

Abb. 4. Der Kirchenflügel der Augustusburg

Abb. 5. Schmalseite der Kirche mit der Kanzel und einem Teil der Decke

Ganz eigenartig ist die von dem Niederländer Erhard van der Meer geschaffene Schloßkirche. Sie entspricht als rechteckige Saalkirche durchaus den Anforderungen einer Predigtkirche. Über dem Schiff erheben sich die unten von steinernen Bögen und toskanischen Säulen, oben von jonischen Säulen getragenen Emporen, die von einer Decke überwölbt werden, bei der das gotische Rippenwerk durch ein der Kassettendecke sich näherndes System aus rotem Rochlitzer Stein ersetzt ist. Das Altarbild, ein Werk des jüngeren Cranach, zeigt unter dem Gekreuzigten den Kurfürsten mit acht Söhnen und die Kurfürstin mit sechs Töchtern. Es ist zugleich ein Totenmal: denn nur zwei von den Söhnen sind durch Medaillen an der Halskette und nur zwei von den Töchtern sind durch Kränze als noch lebend bezeichnet. Im Hintergrunde des Bildes sehen wir rechts die ehemalige Burg Schellenberg und links die Annaburg (in der jetzigen preußischen Provinz Sachsen). Kurfürst August war bei manchen Bedenken, die man gegen seinen Charakter erheben darf, ein ausgezeichneter Organisator der Volkswirtschaft und vor allem ein großer Lebenskünstler. Als Lotter wegen der starken Wirkung von Wind und Wetter auf der ganz frei gelegenen Höhe die Maße für die Fenster des Schlosses etwas klein genommen hatte, befahl ihm der Kurfürst in einem Briefe, sie größer zu machen, weil »in gewelben, tie (die) nicht genugksamb Wetter und Licht haben, ganz verdrießlich und langweilig zu wohnen« sei. Deshalb hatte der Kurfürst auch, die Gunst der Lage benutzend, angeordnet, daß der ganze Bau in der Höhe des dritten Stockes von einer breiten Galerie umzogen werde, die nach allen Himmelsgegenden hin freie Aussicht gestatte. Von dieser Galerie zeigte er im Jahre 1575 das vollendete Werk dem ihm gesinnungsverwandten Kaiser Maximilian II. und genoß mit ihm die herrliche Aussicht namentlich nach Süden in die wildreichen Bach- und Flußtäler und hinüber bis zur Kammlinie des Erzgebirges, die das entzückte Auge hier vom Keilberg im Westen bis zum Geising im Osten beherrscht. Von besonderen Merkwürdigkeiten erwähne ich noch die uralte sieben Meter im Umfang haltende, aber nur zwei Meter dreißig Zentimeter hohe Linde, die mit der Krone in die Erde gepflanzt sein soll und sich so breit verästelt, daß sie von einem Balkengerüst gestützt wird, und den vom Freiberger Bergmeister Martin Planer in siebenjähriger Arbeit fast durch den ganzen Porphyrmantel des Berges einhundertundsiebzig Meter tief gesprengten Brunnen, für dessen Betrieb ein besonderes Göpelwerk vorhanden war.

Abb. 6. Kanzel und Altar der Kirche in Schloß Augustusburg