Abb. 7. Ein Saal des Hasenhauses in der Augustusburg
Leider ist von der ursprünglichen Schönheit der Augustusburg im Laufe der Jahrhunderte durch widrige Schicksale und Vernachlässigung viel abgebröckelt. Die Malerei ist an den meisten Stellen verblaßt, die aussichtsreichen Galerien und die sie überragenden Giebel und Dachgeschosse sind 1798 wegen Baufälligkeit abgebrochen worden. Dagegen ist die Kirche, abgesehen von einem, die alte feine Farbenstimmung störenden inneren Anstrich, völlig unversehrt erhalten, ebenso das gewaltige Mauerwerk der Türme und des ersten und zweiten Stockwerkes, auch ist das Schloß noch jetzt in allen Teilen bewohnbar. Einige Räume sind dem Erzgebirgs-Verkehrs-Museum zugewiesen, andere sind von Beamten und Behörden eingenommen, andere stehen leer, im Erdgeschoß herrscht ein lebhafter Gastwirtschaftsbetrieb. Denn Schloß Augustusburg ist schon jetzt zu allen Jahreszeiten das Ziel von Tausenden von Wanderern, die aus der näheren und weiteren Umgebung dort zusammenströmen.
Abb. 8. Blick von der Augustusburg in das Flöhatal
Abb. 9. Blick nach Augustusburg auf dem Wege von Öderan
Aber – und nun kommen wir zur Hauptfrage – ist es denn geeignet, eine würdige Erinnerungsstätte an unsere Toten aus dem Weltkriege zu werden? Ich kann diese Frage nur bejahen. Denn hier vereinigen sich alle Erfordernisse der Natur und Lage, der Geschichte und Kunst zu einer nur an wenigen Punkten in gleichem Maße wiederkehrenden Harmonie. Die riesige Porphyrplatte (zweihundertundzwanzig Meter über die Umgebung emporragend) ist auch ohne das darauf ruhende Schloß ein bedeutendes Denkmal der Natur, eine Art von natürlichen Aussichtssöller für das Mittelstück des deutschen Mittelgebirges, und die darauf errichtete Burg war gleich von Anfang an ein Stück steingewordener Fürsorge der lebendigen Reichsgewalt, eine Warte des nord- und süddeutschen Verkehrs in der großen Zeit der Kreuz- und Römerzüge und dann eine weithinleuchtende Stätte landesfürstlicher Wirtschaftlichkeit. Aber auch ohne alle diese geschichtlichen Erinnerungen eignet sich Schloß Augustusburg zum Reichsdenkmal der Gefallenen durch die ganze würdige und großzügige Art des Bauwerks, durch seine schöne Lage und leichte Erreichbarkeit. Hier brauchen nicht ungezählte Millionen in einen ungewissen Baugrund versenkt zu werden: das Schloß thront auf seinem Porphyrfelsen wie ein Bau für die Ewigkeit, das vorhandene Mauerwerk ist stark und tragfähig. Es kommt nur darauf an, das Schloß in seiner ursprünglichen Höhe wieder herzustellen, d. h. das abgebrochene dritte Stockwerk, von dem es gut beglaubigte Abbildungen gibt, in seiner alten Höhe und Schönheit wieder aufzubauen und mit der nach allen Himmelsrichtungen ausschauenden Galerie zu umziehen. Diese bietet dann Raum, daß an Sonn- und Festtagen Hunderte von Menschen gleichzeitig den entzückenden Ausblick in die nahen Wald- und Flußtäler, über die reich angebaute Landschaft, die deutschen Ackerbau und deutsche Industrie vermählt, und hinüber auf die stille Kammlinie des Gebirges genießen und dabei an ihre gefallenen Lieben und an die Zukunft des deutschen Volkes denken können. Alle Wohnungen, Amtszimmer und der Gastwirtschaftsbetrieb müßten natürlich aus dem Schlosse verschwinden; dann würden seine Säle und Zimmer dazu ausreichen, für die Toten jeden Armeekorps und jedes Geschwaders unserer Marine einen besonderen Erinnerungsraum zu schaffen! Die Kirche wird der natürliche Ort werden für Gedenkfeiern der Vereinigungen ehemaliger Frontkämpfer; ein gewaltiger Felsblock im Hofe oder im Schloßgarten würde die lapidare Weiheinschrift für das Ganze enthalten. Die ganze Umgebung des Schlosses müßte durch Haine mit deutschen Laub- und Nadelbäumen und Zypressen auf die im Schlosse herrschende Stimmung vorbereiten, ebenso die aus der Ebene und aus den Waldtälern zum Schlosse führenden Wege und Straßen. Und wie leicht ist dieses in der Mitte Sachsens, im innersten Herzen des Reiches gelegene Denkmal auch von den Rändern der deutschen Erde zu erreichen! Es ist schon jetzt mit der großen Verkehrslinie München–Hof–Dresden–Breslau von der Station Flöha aus durch die Zschopautalbahn und eine Drahtseilbahn verbunden. So führt also die Linie Hof–Chemnitz den süddeutschen, die Linie Leipzig–Chemnitz den westdeutschen, die Linie Berlin–Chemnitz den nord- und nordostdeutschen, die Linie Breslau–Dresden den ostdeutschen Verkehr heran, und bei ganz großen nationalen Feiern gestattet die Nähe der Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz, auch sehr große Volksmassen unterzubringen. Schon jetzt sieht jeder, der von Hof oder Zwickau nach Dresden und Breslau fährt, die eigenartige Umrißlinie des Schlosses Augustusburg am Horizont auftauchen und wieder verschwinden und wieder auftauchen. Um wieviel mehr wird das der Fall sein, wenn der Bau in seiner alten Höhe wieder hergestellt ist und wenn seine ganz besondere Bestimmung und Weihe die Blicke aller Mitreisenden in ganz anderem Maße und mit viel tieferer innerer Teilnahme darauf hinlenken.
Abb. 10. Blick auf Erdmannsdorf und die darüberliegende Augustusburg