Das Schloß wird ganz ausgeschieden aus der Planung, die Hauptachse der Gartenanlage auf das von Knöfel erbaute Orangeriehaus verlegt und an dessen Stelle ein großer Schloßbau geplant. Diese Achse wird im Garten zur beherrschenden erhoben durch reiche Kaskadenanlagen, die sich die Taleinsenkung des Geländes zunutze machen. Zu beiden Seiten sollte in der Tiefe, symmetrisch zur Hauptachse, je ein Orangerieparterre mit Orangeriehaus liegen, von denen nur das linke zur Ausführung kam. In ihrer Mittelachse führen aufsteigende heckenbegrenzte Wege zu einem quadratischen Platze, der, dem Schloß gegenüberliegend, als Abschluß der den Wald durchschneidenden Kaskade geplant war. In seiner Mitte liegt ein großes Wasserbecken. Ein Parterre von achteckiger Form, mit Pavillonbauten an den Eckpunkten, umschließt es. Eine lange Allee in der Achse des Schlosses führt den Blick in die weite Landschaft, und weitere zwei- und vierreihige Alleen stellen die Verbindung mit der übrigen Gartenplanung her; denn seitlich der Orangerieparterre schließen weitere Anlagen an, die als Waldstätten durchgebildet sind und im Geiste der Zeit Stätten gesellschaftlichen Lebens, Stätten des Spiels, lauschige Plätze und ruhige Wasserbecken bergen.
Abb. 10. Großsedlitz. Aufgang am Orangerieparterre, genannt »Die stille Musik«
Damit war eine Planung geschaffen, die durchaus den Anforderungen eines glänzenden Hofes in einer prachtliebenden Zeit entsprach. In ihrem architektonischen Aufbau wie in der Einzeldurchbildung stellt sie ein Meisterwerk dar, dessen einzigartige Wirkung wir uns wohl vorzustellen vermögen, wenn wir die auf uns überkommene Anlage im Geiste entsprechend ergänzen. Denn leider reichten die Mittel des Königs nicht zur völligen Durchführung des Planes. Von dem gesamten Entwurf kam nur der östliche Teil, und auch dieser nur teilweise zur Ausführung.
Abb. 11. Großsedlitz aus der Vogelschau
(Nach einer Zeichnung des Verfassers)
Ein Originalplan der Staatsbibliothek in Dresden, bezeichnet: »Plan de Sedlitz 29. Januar 1732«, gibt den Zustand der Schöpfung wieder, wie sie gegen Ende der Regierungszeit Augusts des Starken geplant war und wie sie nahezu auf uns überkommen ist. ([Abbildung 3.]) Denn nach dem Tode des kunstsinnigen Königs (1733) erlosch das Interesse für Großsedlitz. Sein Sohn und Nachfolger August II. führte den großzügigen Plan seines Vaters nicht weiter, wenn er auch hier oft sein Hoflager aufschlug und die Ordensfeste in alter Pracht mit wenigen Unterbrechungen jährlich am 3. August hier feierte. Noch 1756, während Friedrich der Große schon seine Zurüstungen zum Einmarsch in Sachsen vorbereitete, hielt er unter Lust und Jubel ein Ordensschießen ab. Niemand ahnte wohl damals, daß anstatt der lustigen Fanfaren beim Ordensfest schon wenige Wochen danach die Kriegstrompete hier erschallen würde, daß die friedlichen Räume und die Wasserkünste zerstört, die kupferne Bedachung des großen Orangeriehauses herabgerissen und in die feindlichen Arsenale gesendet, die Statuen aber fast ohne Ausnahme verstümmelt sein würden, wie uns Abendroth berichtet. Neue Kriegsstürme um 1813, in welchen der Garten selbst zum Schauplatze von Kämpfen wurde, schlugen weitere Wunden.
Abb. 12. Großsedlitz. Blick auf das Orangerieparterre
von der Terrasse oberhalb der stillen Musik
Erst unter König Friedrich August II. (1836 bis 1854) und seinem Nachfolger ging man an den Wiederaufbau. Zunächst wurde ein Teil der Statuen, die neunzig Jahre verstümmelt und grau mit Moos und Flechten überwachsen auf ihren Postamenten gestanden, in alter Weise hergestellt, ein Umbau der großen Freitreppen am Orangerieparterre vorgenommen und die Orangeriehäuser erneuert. Das 1813 zerstörte Schloß wurde in den Jahren 1872 bis 1874 nur etwa in ein Drittel der alten Größe wieder aufgebaut. War es schon vorher zu bescheiden in seinen Abmessungen, um der großzügigen Gartenplanung einen wirkungsvollen Abschluß zu geben, so steht es nunmehr als ein bescheidener Bau ohne rechte Beziehung ziemlich verloren in der Gesamtanlage. Und endlich wurde aus mangelnden Mitteln auf die Wiederherstellung der Wasserkünste verzichtet und damit der Anlage ein Hauptreiz genommen. Wenn wir auch annehmen müssen, daß die früheren Wassermengen nicht eben bedeutende waren, so dürften sie doch genügt haben, um die gewollte Wirkung einigermaßen zu erreichen. Die wenigen durch eine neue Leitung heute mit Wasser gespeisten Becken können nicht als Ersatz gelten. Wenn trotzdem der Garten von Großsedlitz auch heute noch eine tiefe Wirkung ausübt, so vermag man zu erkennen, welch bedeutsames Kunstwerk hier entstehen sollte, dessen heutige Gestalt wir nunmehr durch einen Rundgang kennenlernen wollen.