Abb. 13. Großsedlitz. Die große Freitreppe zwischen Orangerieparterre und Kaskadenanlage

Wir betreten heute den berühmten alten Garten durch die Gärtnerwohnung hinter dem Knöfelschen Orangeriebau und befinden uns hier auf der oberen Terrasse, auf welcher in der Planung Augusts des Starken ([Abbildung 2]) die Schloßbauten entstehen sollten. Hier erschließt sich ein reizvoller Blick auf die Rückseite des Knöfelschen Orangeriebaues. ([Abbildung 4] und [5].) Beschnittene Hecken säumen die Wege und umschlossen einst ein großes Wasserbecken ([Abbildung 3]) von dem die Speisung einiger Wasserkünste erfolgte. Heute ist die Fläche zu Frühbeetanlagen ausgenutzt. In der Mittelachse führt eine breite, im Schnitt gehaltene Allee (i i auf [Abb. 3]) auf der oberen Terrasse entlang, mit steinernen Ruhebänken zu beiden Seiten. In der Mitte öffnet sich eine freie Aussicht auf den tiefer liegenden Garten. Wir stehen oberhalb eines runden Wasserbeckens, aus welchem ehemals drei glitzernde Wasserstrahlen emporstiegen. Feingeschwungene Freitreppen vermitteln den Höhenunterschied von etwa vier Meter. Die Balustraden zieren große Vasen mit Reliefporträts in feiner Sandsteinarbeit. ([Abb. 6.]) Wir gelangen hinab in ein großes Parterre, einem ebenen Wiesenplan, der ehemals durch eine reich verzierte Borde eingefaßt war. Nach einem Plane in der Sammlung für Baukunst sollten an den Längswänden, die durch Heckenwände oder Gitterwerk gebildet waren, zwischen Ruheplätzen in halbkreisförmigen Nischen je fünf Wasserkünste, insgesamt zwanzig, das Bild beleben. Heute sind nur noch die begrenzenden Heckenwände vorhanden und trotz aller Einfachheit ergibt sich auch heute noch durch die fein abgewogenen Raumverhältnisse ein starker Eindruck. Rechts, nach dem Schlosse zu, ist das Parterre durch eine Steinbalustrade abgeschlossen. Zwei steinerne Sphinxe bewachen den Eingang, während nach links Waldstätten anschließen. Wir gelangen hier zunächst in ein großes Rundteil von etwa achtundzwanzig Meter im Durchmesser, wo vier Statuen, die Allegorie des Ackerbaues, der Fischerei, die Siegesgöttin Viktoria und die Hygiea wirkungsvolle Aufstellung gefunden haben. In den anschließenden Waldstätten war eine Kegelbahn untergebracht und ein Naturtheater geplant, was jedoch heute nicht mehr vorhanden ist und wohl überhaupt nicht zur Ausführung kam. Die Längsachse des großen Wiesenparterres findet nach links ihren Abschluß durch ein sogenanntes »Aha«. Die Einfriedigungsmauer ist hier unterbrochen und der Abschluß durch einen gemauerten Graben ersetzt, damit der Blick ins Weite geführt wird. Im Vordergrund auf [Abbildung 7] ist das Aha zu erkennen und zeigt das Bild den Blick von hier nach dem Schlosse zu.

Wir kehren nach dem Wiesenparterre zurück und treten auf einen der drei bastionartigen Austritte oberhalb des durch Longuelune geschaffenen Orangeriegebäudes. Hier bietet sich ein köstliches Bild. ([Abb. 8] und [9].) In der Tiefe breitet sich das Orangerieparterre aus, dessen ursprüngliche Gestalt in einem Originalplan in der Sammlung für Baukunst ersichtlich und in meiner »Sächsischen Gartenkunst« wiedergegeben ist. Den Mittelweg flankieren zu beiden Seiten lange schmale Wasserbecken, in denen einst je neun kleine Fontainen sprangen. Auf den Wegen, die den vertieften Rasenplatz umgeben, stehen noch heute eine große Anzahl Orangeriebäume. Ehemals war die Orangerie dieses Gartens sehr berühmt. Iccander berichtet »von dem Hoch-Reichs-Gräflichen Wackerbarthischen Garten zu Sedlitz, der seinesgleichen weit und breit in Deutschland nicht haben wird, daß der fleißige orientalische Kunst- und Lustgärtner Herr Meyer mehr als zwanzigtausend rare Indianische und andere ausländische Gewächse konservieret und man zwei amerikanische Aloen siehet, die wohl in kurzer Zeit zur Blüte getrieben werden dürften«. Am etwas erhöhten äußeren Rand des Parterres stehen stumpfe, kegelförmig verschnittene Buchen, so weit gesetzt, daß der Durchblick noch frei, aber in der Perspektive das Bild geschlossen erscheint, und der Blick auf die Mittelgruppe, die sogenannte »stille Musik«, gelenkt wird ([Abb. 10]), ein Meisterwerk Pöppelmannscher Gestaltungskraft. Zu beiden Seiten eines Wasserbeckens führen geschwungene Treppen hinauf zum oberen Parterrerundgang. Zwölf kleinere Figuren von ungemein reizvoller Wirkung zieren die Treppenbalustraden. Darstellungen musizierender Tritonen haben ihr den Namen »stille Musik« gegeben – mit vollem Recht. In der Mitte des Wasserbeckens sprang einst eine Fontäne, die den Blick weiter hinaufführte in die freie Landschaft, denn eine Allee durchschneidet die hohe noch unter Schnitt gehaltene Waldstatt, die das Parterre bogenförmig abschließt. Zu den hohen dunklen Heckenwänden stehen die weißen Statuen in ihrer bewegten Haltung in wirkungsvollem Gegensatz. Wenn Großsedlitz weiter nichts böte, als dieses in Abmessungen und räumlicher Gestaltung wundervoll gelungene Orangerieparterre, so genügte es allein schon, um diese Gartenschöpfung als eine der bedeutendsten aller Zeiten zu bezeichnen. Daraus ist zu ermessen, daß diese Anlage unbedingt vor weiterem Verfall geschützt werden muß. Vor allem bedürfen die in ihren Abmessungen so trefflich gelungenen Treppenanlagen zu beiden Seiten des Parterres wie auch die »stille Musik« dringend einer gründlichen Ausbesserung. Die vor dem Orangeriehaus heute aufgeschlagene Freilichtbühne stört durch ihre Stuhlreihen den großen Eindruck und würde besser in einem abgeschiedeneren Teil des Parkes untergebracht werden.

Wir benutzen nun die großen Freitreppen, um vom oberen Wiesenparterre nach der »stillen Musik« zu gelangen und von hier aus das gegenüberliegende Parkbild zu genießen. ([Abb. 11] bis [13].) Mit großem Geschick ist der Höhenunterschied zwischen dem oberen Wiesenparterre und dem tieferen Orangerieparterre zur Anlage des Orangeriehauses benutzt. Es wurde im Jahre 1862 neu aufgeführt, auch mit Wasserleitung versehen und öffnet sich in weiten Bogen nach dem Garten zu, so recht geeignet, in heißer Sommerszeit schattigen Wandelgang zu bieten. Der Entwurf Longuelunes hierfür ist noch erhalten, aus dem ersichtlich ist, daß statt der Rundbogenfenster früher Flachbogenfenster gewählt waren. Die große Horizontale des Baues wird unterstrichen durch hohe beschnittene Heckenwände, hinter denen die kubisch beschnittenen Alleen der höher liegenden Gartenteile sichtbar werden.

Abb. 14. Großsedlitz. Blick nach dem alten Orangeriegebäude und dem Schloß

Wenden wir den Blick weiter westlich, so erscheint ein noch malerischeres Bild. Den oberen Abschluß, auf schmaler Terrasse, bildet das alte Gewächshaus, von Knöfel erbaut, einfach in den Formen, doch im Umriß fein abgestimmt. ([Abb. 14.]) An dieser Stelle war in der erweiterten Planung von August dem Starken der große Schloßbau geplant und daher diese Achse als Hauptperspektive besonders reich ausgebildet worden. Wenige Stufen führen vom Orangeriebau Knöfels zu dem vorliegenden großen Hauptparterre hinab, in vier Felder gegliedert, von denen die hinteren zwei nach Art der Teppichbeete ehemals reich geziert waren. Heute haben hier die Arzneipflanzen-Siedlungen der Hofapotheke ihren Platz gefunden. Störend wirken die vielen großen Namentafeln, die etwas kleiner auch ihren Zweck erreichen und nicht so unangenehm auffallen würden, wie überhaupt hier in der Kriegszeit angepflanzte Nutzsträucher und dergleichen endlich beseitigt und gepflegte Anlagen geschaffen werden sollten. Vor den ehemaligen zwei großen Teppichbeeten liegen zwei große Wasserbecken, deren Brunnen heute nicht mehr springen. ([Abb. 15.]) Eine Steinbalustrade als Bekrönung der hohen Futtermauer schließt dies Parterre gegen den tiefer liegenden Garten ab, zu welchem reich gegliederte Kaskadenbecken hinabführten, heute noch erkenntlich an den großen Vasen, die als Wasserbecken gedacht waren. ([Abb. 16.]) Aus vorhandenen Plänen geht hervor, daß auf der ersten Kaskadenmauer beiderseits je vier Springbrunnen angeordnet waren, während die Mitte eine größere Fontäne beherrscht. Auf dem nächst niederen Absatz werden die Wasserkünste kleiner, je zwei bescheidenere Strahlen treten an Stelle des großen, und plätschernd sollte sich wohl das flüssige Element in das große unterste Becken ergießen. Gegenüber aber rauschte von der waldigen Höhe aus einem engen, von Statuen umgebenen Becken das Wasser in zahlreichen schmäleren Fällen in Form einer Kaskade herab. Es sammelte sich im untersten großen Becken, welches zwei treffliche Statuen schmücken. Mit feinem künstlerischen Gefühl wußte der entwerfende Künstler die Wirkung durch die seitlich im Waldesdunkel liegenden Fontänenbecken zu heben, deren ehemals springende Wasser im stimmungsvollen Akkord zur Wassertreppe traten. ([Abb. 17.]) Durch diesen pyramidenförmigen Aufbau, diese allmähliche Steigerung ist ein Gesamtbild geschaffen worden, wie es reizender kaum gedacht werden kann. Nicht wenig tragen die acht trefflichen Doppelstatuen in ihrer fein bewegten Umrißlinie zur Wirkung des Gesamteindruckes bei. Weiter müssen wir uns zur Vollständigkeit des Bildes die seitlichen Treppen der Kaskade von einer lustwandelnden Hofgesellschaft belebt denken. Sie steigen die Stufen gemessenen graziösen Schrittes empor, um am Ende der Allee im gegenseitigen Austausch die herrliche Aussicht auf die von ferne winkenden Zinnen von Pirna und die malerisch im Nebel verhüllten Berge der Sächsischen Schweiz genießen zu können. In trautem Zwiegespräch kehren sie zurück und verlieren sich in den weiten Räumen des Gartens.

Abb. 15. Großsedlitz. Das alte Orangeriegebäude mit vorliegendem Wasserbecken