Abb. 19. Großsedlitz. »Afrika«
Ich sah Großsedlitz nach Jahren wieder, an einem sonnigen Herbsttage in einer wunderbaren Herbststimmung. Der Eindruck war stärker denn je. Etwas ging wohl auf Kosten der prächtigen Herbstfärbung, andererseits fehlte jedweder blühende Blumenflor und auch der Schmuck der bereits eingewinterten Orangenbäume. Ganz klar und einfach trat darum die Struktur dieses einzigartigen Gartens zu Tage, allein das Raumkunstwerk von Großsedlitz sprach und wirkte – wirkte tiefer noch als je.
Abb. 20. Großsedlitz. »Adonis«
Das ist wirklich Großes, was sich so behaupten kann, ohne jedwede schmückende Zutat, was noch eine unvergängliche Wirkung ausübt – im Sterben –. Ja, vom Sterben dieser einzigartigen Schöpfung raunte es in den Wipfeln und in den Hecken und auf dem Rasen und in dem Gestein. Wie lange noch werd’ ich dem Schicksal trotzen, das mich verstoßen, vergessen –, vergessen im Weichbild einer Großstadt, in einer Zeit, wo man den Wert von Grünflächen für die Volksgesundheit erkannt hat, von einer Stadt, die noch heute vom Ruhm der Werke zehrt, deren Meister auch mich erschufen – mich als ein einzigartiges Werk in der ganzen Geschichte der Gartenkunst, unberührt vom Geist der Sentimentalität und Romantik, dem so manche Anlage der Barockzeit zum Opfer fiel, der auch mich wohl erfaßt hätte, wenn ich nicht von jeher als Stiefkind behandelt worden wäre, das weit draußen vor den Toren von Dresden der Vergessenheit anheim fiel. Aber noch sträube ich mich mit aller Kraft gegen das Sterben. Unsere Wurzeln sind gesund, versicherten die Hecken und die Waldstätten. Etwas mehr Pflege, und wir werden es euch danken durch frischeres Grünen und Blühen. – Verschließt meine Risse und Wunden, die mir das Alter schlug, und ich bleibe fest gefügt, flehte das Gestein, die Balustraden, die Mauern. – Die Götter des Olymp aber baten um ihr Leben, sie würden dann auch Jahrzehnte und Jahrhunderte weiter unermüdlich erzählen von dem Einst, dem Geist ihrer Schöpfer und dem lebensprühenden gesellschaftlichen Bild, das sich in diesem Garten entfaltete.
Selbst die Sphinxe auf der oberen Terrasse, die scheinbar teilnahmlos mit undurchdringlichem Ausdruck zugehört hatten, ließen sich nun anklagend vernehmen. Stolz sei das heutige Geschlecht auf seine Kultur. Stolz der Staat auf seinen Kunstbesitz, den er im wesentlichen dem abgedankten Königshaus verdanke. Nun habe er auch von Großsedlitz Besitz ergriffen für die Volksgemeinschaft, ohne aber das Mahnwort: »Besitz verpflichtet« zu beherzigen. Und wo gelte das mehr als beim Staate, der der Volksgemeinschaft verantwortlich sei für die ihm anvertrauten kulturellen Güter.
So und ähnlich klang’s und rauschte es in diesem wundervollen Gartenbauwerk an jenem sonnigen Herbsttag. Möchte das Klagen, Flehen und Mahnen auch an die Stellen dringen, denen die Verantwortung und Pflege für diesen einzigartigen Kunstbesitz obliegt. Denn selbst bei ganz nüchterner Betrachtung und Erwägung wird man dann erkennen, daß sofortige Hilfe not tut. Wohl wird in heutiger Zeit auch der begeisterte Kunstfreund nicht fordern, daß große Summen bewilligt werden, um Großsedlitz im einstigen Glanze erstrahlen zu lassen. Das mag einer besseren Zeit vorbehalten bleiben. Zum anderen wird es aber auch niemand verantworten können, hier ein Werk sterben zu lassen, das einzig in seiner Art und mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln zu pflegen und damit noch Jahrhunderte hindurch zu erhalten ist. Wo ein Wille, da ein Weg. Wenn es wirklich nicht durchführbar sein sollte, aus laufenden Etatmitteln Beträge von der Regierung bzw. dem Landtag zu erhalten, so müßte doch zum mindesten der Staat als großindustrieller Unternehmer die moralische Pflicht in sich fühlen, hier helfend einzuspringen. Den sächsischen Werken, die zur Förderung ihrer wirtschaftlichen Betriebe geradezu vernichtend in das Bild der Heimat eingreifen, müßte es eine Ehrensache sein, auf der anderen Seite etwas für die Erhaltung wertvoller Denkmäler der Heimat zu tun. Wenn wir schätzen, daß schon ein Betrag von etwa fünf- bis zehntausend Mark auf einige Jahre ausreichen würde, um die Großsedlitzer Anlage wieder lebensfähig herzustellen, dann sollte man doch wirklich nicht zögern, das Opfer zu bringen, und aus den wirtschaftlichen Betrieben des Staates die Mittel zur Verfügung stellen. Ein einzigartiges Gartenbauwerk, das zweifellos zu den reifsten Schöpfungen der Gartenkunst aller Zeiten gehört, gilt es vor dem Verfall zu retten!
Weihnachten im »Heimatschutz«
Von Gertraud Enderlein