Die gestürzte Linde in Malkwitz bei Dahlen, auf der das Storchnest war
Die sächsische Schule und der Heimatschutzgedanke
Von Rudolf Schumann
Schon vor dem Kriege begann die Schule, den Begriff der Heimat immer mehr in ihre Arbeit hereinzunehmen, und vor allem in den letzten Jahren hat die Heimat eine höhere Beachtung gewonnen. Ist doch der Heimatkundeunterricht von einem Jahr auf zwei Jahre ausgedehnt worden, und ist doch in allen späteren Schuljahren dauernd zurück auf die Heimat zu greifen. Der »Lehrplan für die einfachen Volksschulen des Königreichs Sachsen« von Kockel führt in seiner 11. Auflage 1911 als Ziel der eigentlichen Heimatkunde an: »a) Das heimatliche Gebiet nach geographischen Gesichtspunkten erhellen ..., anleiten, damit die Kinder ihre Heimat genau kennenlernen, geographische Grundbegriffe sich aneignen ...; b) das Kartenverständnis vermitteln ...; c) Liebe zur Heimat einpflanzen, die ihnen einen sittlichen Halt für das ganze Leben bietet und sich leicht zur Vaterlandsliebe weiter aufschließt« (nach Grüllich). Die Heimat bietet danach also reiche Anschauungen und Apperzeptionshilfen. Sie ist aber auch die Grundlage zu bilden imstande nicht nur für den späteren geographischen Unterricht, sondern auch für eine sittliche und ästhetische Entwicklung, vermag doch die Heimat Schönheitsbegriffe zu vermitteln und ist dauernd jedem zugänglich, was vor allem für ein verarmtes Volk von großer Bedeutung ist. »Die Heimat wird für den ideal veranlagten Menschen zum Paradies der höheren Freuden, wenn durch Erziehung und Bildung die Fähigkeit gegeben wurde, in der Natur die Leiden des Daseins zu vergessen.« (Blätter für Naturschutz 1920, 11/12 S. 6.) Der Lehrplan von Kockel weist ferner 1911 schon auf die Bestrebungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz hin, und im Jahre 1908 hat das Kultusministerium laut Gesetz-Verordnung vom 12. August 1908 deren Unterstützung empfohlen.
Ehe auf die Heimatschutzarbeit der Schule eingegangen werden kann, erscheint es notwendig, einen Blick auf Grundlage und Notwendigkeit von bewußtem Heimatschutz zu werfen. Daß der Natur- und Heimatschutz von eigens dafür geschaffenen Organisationen in die Hand genommen wird, ist eine Erscheinung der Neuzeit. Noch bis in das vorige Jahrhundert hinein kann man von einem natürlichen Heimatschutz reden. Der große Teil der Bevölkerung war in irgendeiner Weise bodenständig, entweder als Handwerker oder als Landwirt, und unter der noch nicht ins Ungemessene gewachsenen Zahl der Beamten und Arbeiter gab es viele, die eigenen Grund und Boden, ein eigenes Haus besaßen. Einer bodenständigen Bevölkerung ist aber der Schutz der Heimat etwas Gegebenes, nicht nur aus praktischen Gründen, sondern auch aus dem Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrer Scholle heraus. Ferner konnten bei wenig dichter Bevölkerung Maßnahmen einzelner, die gegen Natur und Heimat verstießen, nicht allzu schwer schädigende Folgen haben, wie bei einer dichten Bevölkerung. Die bewußte Durchführung des Heimatschutzes ist also zu betrachten als eine Reaktion gegen irgendeine Aktion, ein Ereignis des letzten Jahrhunderts. Als dieses Ereignis kann ganz allgemein genannt werden das plötzliche und rasche Vorwärtsschreiten der Zivilisation: die Ausnutzung der Dampfmaschinen und Eisenbahnen, das Entstehen der Fabriken und die Vermehrung der Verwaltungsarbeit. Damit Hand in Hand ging eine rasche Bevölkerungszunahme, vor allem in der Industriearbeiter- und Beamtenschaft. Dadurch entstanden die Hemmungen gegen die Durchführung des natürlichen Heimatschutzes, und zwar direkter und indirekter Art. Aus einem natürlichen war das Leben der Menschen mehr und mehr in einen Zwangsverlauf gedrängt worden.
Die erste Folge genannter Ursache war direkter Art. Es wurden Fabriken gebaut, Eisenbahnlinien gezogen, es mußten neue Wohnstätten geschaffen werden, als deren einer Typ jetzt auch die Mietkaserne auftrat. Die harte Lebensnotwendigkeit verlangte die leichtere Zugänglichmachung entlegener Ackerbaugebiete, überhaupt einen regeren Austausch zwischen Stadt und Land, die Bebauung schöner Landstrecken, die Regulierung von Wasserläufen, und als Folge der Konkurrenz trat die Reklame auf. Es mußten ferner Fabrikabwässer beseitigt werden, wodurch ganze Flüsse vergiftet wurden, Rauch, Ruß und Benzingeruch nahmen der Luft ihre ursprüngliche Frische. Das engere Zusammenwohnen von Menschen verlangte die Anlage von Schuttablagerungsplätzen. In stillen Tälern erscholl jetzt das Pfeifen der Lokomotive, das Rattern von Maschinen, die Sprengschüsse von Steinbrüchen, die den Anblick ehemals reizender Landschaftsbilder auf ewig verdarben. Die Anforderungen des Lebens rechtfertigten diese Maßnahmen. Jedoch wurde oft darauf losgewirtschaftet, ohne Rücksicht auf die Natur und heimatliche Schönheit zu nehmen. So brachte die Bauweise der Gründerzeit Formen, zu denen unser Volk keine inneren Beziehungen fand, sowohl bei Villen als auch bei Mietkasernen. Fabriken wurden in erster Zeit nur unter dem Gesichtspunkte des Praktischen gebaut, was besonders dann häßlich und aufdringlich wirkte, wenn sie an Stelle ehemaliger idyllischer Mühlen gesetzt wurden. Bei der Anlage von Steinbrüchen versagte man die Schonung oft den reizendsten Gegenden. Da man die Folgen einer so raschen Entwicklung noch nie kennengelernt hatte, fehlten auch die Erfahrungen, wie man ihre üblen Folgen vermeiden könnte, ja diese wurden überhaupt erst als solche erkannt, als schon viel verloren war. Im einzelnen Fall und dem einzelnen war die Gefährdung heimatlicher Schönheit kaum ins Auge gefallen. Erst bei einem Rückblick nach einem längeren Zeitabschnitt trat sie als vollendete Tatsache auf.
Neben diese immerhin noch natürliche Entwicklung trat aber auch immer mehr eine unnatürliche. Die Gier nach Luxus und die Ausnützung der Natur zu Geldzwecken versetzten der Heimat an ihren schönsten Punkten die schwersten Schläge. Wo früher der einsame Wanderer nach beschwerlichem Wege von einer Hochwarte aus die Augen ins weite Land schweifen ließ, dahin baute man Luxushotels, erreichbar auf breiten, staubigen Automobilstraßen oder durch Gebirgsbahnen. Um die Schönheit dieser Punkte heute noch zu genießen, genügt nicht mehr gemütvolles Auffassen. Wer nicht über geldliche Mittel verfügt, ist an solchen Stellen meist ein wenig gern gesehener Gast, er ist heimatlos geworden in seiner Heimat. Dieses Spekulantentum ohne Ideale macht sich auch in anderer Weise breit. Weit ins Land schauende Berge wurden eingeschätzt nach dem Werte der Steine, die sich aus ihnen gewinnen ließen, und es bedurfte erst des Eingreifens der Behörden, ehe sie geschützt wurden. Aus rauschenden Bächen errechnete man lediglich Kilowattstunden, und romantische Gebirgslandschaften regten zu gewinnbringenden Filmaufnahmen an. Unter all diesen Erscheinungen litt die Natur direkt mehr oder weniger.
Dadurch, daß diese Entwicklung auch andere Menschen schuf, trat noch eine indirekte, aber nicht minder große Bedrohung und Gefährdung der Heimat ein. Durch die starke Bevölkerungszunahme und die immer häufiger werdende Beschäftigung als Beamter oder Arbeiter trat eine Entwurzlung weiter Schichten ein. Das innere Verhältnis zwischen Arbeit und Arbeiter – besonders wenn die Arbeit eintönig war –, zwischen Scholle und Bewohner – wenn dieser nicht selbst Besitzer war – schwand. Der einzelne war auch nicht mehr an den Ort in dem Maße gebunden wie vorher, zudem machten ihm die Verkehrsmittel einen Ortswechsel sehr leicht. Von dem, was eigentlich Heimat ist, lernten viele ihre ganze Kindheit hindurch in den Mauern der Stadt fast nichts kennen. Die Folgen dieser Entwurzlung waren verschiedener Art: Gemütsverflachung, völlige Gleichgültigkeit, Gemütsverderbnis, aber auch der Trieb nach oben, nach einem eigenen, vielleicht neuen Boden.
Die Gemütsverflachung tritt uns entgegen in der Oberflächlichkeit weiter Kreise. Der Sinn nach Tand, kleinlichem Luxus, Vergnügen, steter Abwechslung ist ihr Kennzeichen, ferner der Drang nach unsolider Lebensweise. Daneben kann nicht mehr der Sinn für die stille Schönheit der Natur wohnen, ja deren Verachtung tritt ein. Solche Menschen zerstören dann aber auch ohne das Bewußtsein, daß sie unrecht tun. Mancher Käfer oder Schmetterling, manch seltene Pflanze fällt ihrem Spielen und Tändeln zum Opfer, ohne daß sich Gewissensbisse regen. Die Gleichgültigkeit hat ihren Grund vor allem darin zu suchen, daß der nicht mehr Bodenständige gewisser Pflichten enthoben ist. Dem Grundbesitzer ist es selbstverständliche Pflicht, z. B. den Wald zu schonen, der ihm Wasser speichert und sein Tal vor Stürmen schützt. So sorgte und sorgt noch in jedem Gebiet mit dünner, aber bodenständiger Besiedlung jeder für die Erhaltung der Heimatscholle; denn jeder hat teil daran, jeder weiß, daß seine Vorfahren hier saßen, seine Kinder hier sitzen werden. Die Enthebung von solchen ungeschriebenen – weil natürlichen – Gesetzen muß zu einer laxen staatsbürgerlichen Auffassung führen, was sich darin kund gibt, daß der Gemeinsinn mehr oder weniger verschwindet. Die Folge davon ist die Rücksichtslosigkeit im allgemeinen, angewandt auf die Heimat, das Sichgehenlassen in der Natur, das gedankenlose Zerstören, ohne daß damit gesagt sein soll, daß solchen der Sinn für das Unrechte fehle. Aufmerksam gemacht, erkennen sie unter Umständen, daß ihr Verhalten falsch ist. Schlimmer als Gemütsverflachung und Gleichgültigkeit ist die Gemütsverderbnis. Sie gibt sich kund in einem brutalen Sichdurchsetzen. Sie sucht ihre Stärke in rohem Auftreten. Ein Zeichen verdorbenen Gemüts ist das mutwillige Zerstören, der böse Wille in der freien Natur. Solche Menschen können zufriedengestellt werden durch das Zerstören der Freude anderer Menschen. Gegen sie kann, wenn es Erwachsene sind, nur mit der strengsten Durchführung von Gesetzen eingeschritten werden. Schließlich muß sich als eine Folge der Entwurzlung bei vielen auch der Trieb zeigen, wieder Wurzeln zu schlagen, ein Trieb nach oben, entweder in geistiger oder materieller Beziehung. Dem entsprechend können sich ihm auch zwei Hemmungen entgegenstellen. Vielen fehlt das eigene geistige Gebiet. Wollen sie nun geistig etwas leisten, so werden sie die Hohlredner, die Lauten, die sich gern reden hören. Vermißt ein anderer mehr die materielle Grundlage, so führt das zur Unzufriedenheit. Unzufriedene können Nörgler werden, vor allem, wenn sie auch nach einem geistigen Gebiete streben, ohne es zu finden. Aus ihnen rekrutieren sich aber auch die Resignierten, die sich stets für betrogen ansehen, die in nichts mehr eine Freude erblicken zu können glauben. Sie werden darum auch wieder die Gleichgültigen. Schließlich gibt es die konsequenten Unzufriedenen, die Verbrecher. Alle die, denen in irgendeiner Weise der Trieb nach oben innewohnt, können für den Gedanken des Heimatschutzes gewonnen werden.