Wir wollen heute in Anschluß an diese Betrachtungen nur ein kurzes Wort über die Wohnräume der Ausstellung sprechen. Mir kam es vor, als ob der Geschmack Ludwig II. von Bayern noch lebendig sei und sich hier und da in die Zimmer der sogenannten besseren bürgerlichen Stände geflüchtet hätte.
Entwurf: Heinrich Tessenow
Ausführung: Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau
Die Architektur, die Mutter aller Künste, wurde oft vom Beiwerk erstickt. Und das Schlimmste war, was den Volkskundler bedenklich machte, daß das Publikum staunend diese falsche Herrlichkeit bewunderte und sich innig danach sehnte, aus der »öden« Wirklichkeit in den berauschenden Prunk zu gelangen. Und das tat nicht nur die Unschuld vom Lande, sondern auch der Großstädter in seinen vielseitigen Schattierungen. Immer verständlicher wird der neuzeitliche Ruf, sich von überflüssigem Äußerlichen fernzuhalten und eine Sachlichkeit anzustreben, die aber durchaus nicht bar von jeder Schmuckform zu sein braucht. Denn wir teilen nicht die Ansicht derer, denen höchste Schmucklosigkeit höchstes Gebot ist. Wir wollen nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Wir wollen nicht arm von allen Gefühlswerten sein. Wir wissen nicht nur den ästhetischen, sondern auch den wirtschaftlichen Wert guten Kunstgewerbes einzuschätzen. Wir wollen aber auch nicht an Gefühlsduselei ersticken.
Entwurf: Heinrich Tessenow
Ausführung: Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau
Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz hatte nun, um diese wichtigen Fragen klären zu helfen, eine Anzahl Zimmer ausgestellt, die in seinem Auftrage Professor Dr. h. c. Heinrich Tessenow entworfen hatte, und die in den Deutschen Werkstätten, Dresden-Hellerau, ausgeführt worden waren. Es erscheint hier überflüssig, auf die Eigenart Tessenows einzugehen. Er ist Architekt und nicht Kunstgewerbler. Er ist Architekt, der im Handwerklichen wurzelt.
Entwurf: Heinrich Tessenow
Ausführung: Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau
Unsere Ausstellung zeigte einen Weg. Tessenow hatte absichtlich in seinen Räumen die kleinen Gebrauchsgegenstände, die hineingehören, weggelassen: Er gab uns einen Totaleinblick. Eine vornehme Harmonie in Form und Farbe, etwas Selbstverständliches war erreicht. Die Abwägung der Verhältnisse war höchstes Gesetz. Und so einfach das Ganze auch war, so machte es doch nicht den Eindruck des Armen, das »von der pauvreté kommt.« Es war der Ausdruck geläuterter Kultur. Freilich, in diese Räume gehörten auch Menschen, die sich schlicht und vornehm kleiden, gute Bücher lesen usw. und sich nicht putzen wie ein Pfingstmaienbaum. Die Familie Raffke mit ihrer Verwandtschaft fühlte sich, wenn sie zu Besuch war, höchst unwohl.