Nun – es ist alles überwunden, und dieses abschreckende Beispiel hat seinen Zweck erfüllt. Es hat manchem die Augen geöffnet. Es wirkte erzieherisch. Und immer und immer wieder wollen wir uns den Satz ins Gedächtnis rufen:

Geschmack bilden, heißt den Charakter bilden.

Die Himmelmühle im Erzgebirge

Von Curt Guratztsch, Dresden

Mit Aufnahmen des Heimatschutzes

Wenn man auf der Straße von Wolkenstein nach Wiesenbad hinunterfährt – vielleicht, um noch die neun Kilometer bis Annaberg zurückzulegen –, so sieht man an einer Wegbiegung einen Augenblick ins Tal hinunter auf die Himmelmühle. Das ist an sich nichts Besonderes. Man hat solche Landschaftsbildchen ziemlich häufig im Obererzgebirge; in ihrer Sonderart könnten sie allenfalls einen Maler von der Art der Niederländer reizen, einen, den das schlichte Ineinander von Natur und Menschenwerk Wunders genug dünkte, um es in ein Bild einzufangen, ohne alle Zutat von Schwärmerei, mit niederdeutscher Sachlichkeit. Sein Bild müßte aber so sein: auf gegenüberliegenden Hängen steigen hohe Erzgebirgsfichten hernieder; dazwischen liegt ein Tal, und die tiefste Rinne darin wird von einem Flüßchen gebildet, das ziemlich rasch und in Schaumkreisen über Geröll hinwegstrebt. Es ist die Zschopau. Das Tal bildet natürlich eine grüne, im Sommer sehr saftig strotzende Wiese, und darin liegen um einen Fabrikschornstein etliche Gebäude. Da dieser Anblick sich im Erzgebirge so oft wiederholt, könnte man das Bild davon neben die zahllosen Bilder von niederländischen Mühlenlandschaften stellen; es wäre ein Gleichnis dazu, denn beidemal wird ein Stück Landschaftstum aufgefangen. In unserem Falle könnte man dann »Himmelmühle« darunter schreiben.

Abb. 1. Blick vom »Heiligen Hain« in das Zschopautal, im Hintergrunde der Pöhlberg bei Annaberg

So läßt sich der Ort, von dem hier die Rede sein soll, anspruchslos an, wie das Erzgebirge ja auch sonst. Es ist wohl möglich, daß er Vorbeifahrenden – am rechten Ufer der Zschopau läuft nämlich der Bahnstrang entlang – im Sommer und bis in den Spätherbst hinein aus dem besonderen Grunde aufgefallen ist, weil zwischen den Gebäuden jenseits des Flusses ein holder Rosenhag blüht. Der Besitzer der Himmelmühle hat ihn vor ein paar Jahren geschaffen, und er entfaltet sich in der milden Luft der Talsenke von Jahr zu Jahr reicher. Aber im übrigen wird man eben, wie gesagt, nur mit den Gefühlen auf das Anwesen geschaut haben, wie auf solche Gebäudereihen in Erzgebirgstälern überhaupt. Der Heimatfreund will ja auch gar nicht fortgesetzt etwas Neues, eine ewig aufhaspelnde Abwechslung. Diese Himmelmühle, im Grunde zwischen Wiesenbad und Wolkenstein, ist nur darum bemerkenswert, weil sie davor bewahrt geblieben ist, etwas geschmackswidrig »Neuzeitliches« zu werden, weil sie mit dem Stilgefühl wieder aufgebaut wurde, daß der Formwille der Landschaft nicht gekränkt wurde.

Aber wir wollen unseren Wagen doch einmal auf der breiten Talstraße oberhalb halten lassen und auf einem Fußwege zur Mühle hinuntersteigen.