Abb. 2. Rundblick vom Streckewalder Rücken aus gesehen. Im Vordergrund die Himmelmühle

Es ist eine Fläche von achtzigtausend Quadratmetern, die durch das Anwesen Himmelmühle umspannt wird. Wenn man hinzunimmt, daß insgesamt einhundertundzwanzig Seelen darauf wohnen, so findet man die stattliche Zahl der Gebäude nicht verwunderlich. Sie scheiden sich durch den Vorgarten des Herrenhauses und werden an beiden Enden des Raumes durch je eine Brücke über die Zschopau abgeschlossen. Auf unserem Fußwege gelangen wir gerade auf den Fabrikplatz zu. Mit breiter Front steht das »Schokoladenwerk Himmelmühle« links vor uns. Es ist ein Bau von acht Stockwerken und 17 Metern Tiefe; auf dem spitz zulaufenden Schieferdach sitzt ein Türmchen; die Bauweise ist ländlich; das Haus überragt wohl die Nebengebäude, bringt aber nicht etwa den Eindruck eines amerikanischen Riesen hervor. Drei von den Stockwerken sind nämlich in die zweifach gebrochene Dachlinie aufgenommen. Vor dem Schokoladenwerk liegt das Kesselhaus mit dem Schornstein. Rechts, nach dem Ufer der Zschopau zu, schließt das Herrenhaus an, ein Gebäude mit flachem Dach, und insofern herausgehoben aus der Zahl der übrigen. Schmuckwerk fehlt auch hier; die Bauten wirken insgesamt nur durch die Schönheit ihrer Sachlichkeit. Zwischen Herrenhaus und Fabrik hindurch kommt man auf einen viereckigen Platz, den drei erzgebirgische Fachwerkbauten, das Lange Haus[6], das Kurze Haus und das ehemalige Schulhaus umgeben; damit hat man nach der einen Seite zu das Ende erreicht. Man wendet also, geht am Vorgarten des Herrenhauses und einem hübschen Pavillon in seiner entferntesten Ecke vorüber und kommt nach einem Weilchen zu der anderen Gebäudegruppe zschopauabwärts, der das Gasthaus Himmelmühle, ein Landwirtschaftsgebäude und ein Beamtenwohnhaus des Kraftwerkes Westsachsen, zugehören. Dahinter sieht man noch einen Wiesenrücken, der, wie am entgegengesetzten Ende, mit Obstbäumen bepflanzt ist; zur Höhe hinauf gewahrt man die viel begangene Talstraße, ein Notstandswerk aus den Jahren 1923 und 1924, dem die Ergänzung nach Wolkenstein heute noch fehlt.

Abb. 3. Blick von Osten auf das Zschopautal mit Himmelmühle

Was an Gebäuden zum Anwesen Himmelmühle gehört, ist nicht älter als etwa neunzig Jahre. Denn vordem soll, nach Ausweis der Grundbücher, nichts hier gestanden haben – außer dem Gasthaus jedenfalls. In eine viel tiefere Zeitferne führt freilich die Erzgebirgische Kriegschronik zurück, in der Mag. Christian Lehmann vom Jahre 1639 zu berichten weiß, daß »eine rotte loser bursch« den Vetter des schwedischen Obristen Göcking erschlagen habe, wobei auch ein gewisser Nicol Georg gewesen sei. Dieser, der eigentlich ein »Heußler« zu Falkenbach gewesen, habe sich darauf »mit seinen Viehe und mobilien in morrast bei der Norbsmühle zwischen Neudörfel und Falkenbach retterirt,« wo er aber von den Schwedischen gegriffen wurde. Wenige Tage später hat ihm der Obrist dann zu Annaberg »den Kopf abschmeißen« lassen. In der Norbsmühle ist die Himmelmühle wiederzuerkennen. Es ist dies die älteste Erwähnung der Örtlichkeit.

1834 hat der Chemnitzer Kaufmann G. F. Oehley die Gebäude des heutigen Schokoladenwerkes aufführen lassen. Sie dienten zuerst einer Spinnerei, und die Fabrikation ging einen guten Gang, als Richard Hartmann aus Chemnitz daran beteiligt war. Bis 1913. Während des Krieges brach der Verfall herein. Das Bekleidungsamt Chemnitz quartierte sich in den Gebäuden ein. Es wurde grundsätzlich nichts mehr auf die Erhaltung verwendet. 1921, als der gegenwärtige Inhaber, Herr Martin Schmidt aus Dresden, den Besitz übernahm, wuchsen schon lustige Birken aus dem heutigen Werksgebäude heraus: das Kurze Haus war polizeilich geschlossen; der Gesamtzustand derart, daß der neue Besitzer das Dach des Herrenhauses eines Tages – in der Zschopau wiederfand. So galt es durchgreifenden Neuaufbau, Aufwendung erheblicher Mittel, vornehmlich aber Verständnis für den Wert des Überkommenen und schonsame Rettung dieses Wertes in die Gegenwart hinein. Und mit diesem allen kommt man denn auf den jetzigen Besitzer.

Abb. 4. Waldpartie im Zschopautale mit Himmelmühle

Wer ein Freund der Heimat ist, der hegt oft auch eine stille Schwärmerei für die Herrensitze alter Adelsgeschlechter. Wir erkennen Kultur darin, daß da das Herrenhaus organisch mit der Kirche verbunden zu sein pflegt; es gab noch ein anerkanntes Höchstes über dem Herrentum, und es gab nicht das, was Nietzsche als die Schrankenlosigkeit des modernen Fabrikherrentums in der Selbstsucht erkannte. Wäre der Herr auf der Himmelmühle von der Sorte der zeitgemäßen Industrieritter, er wäre gewiß dem Ratgeber gefolgt, der ihm anno 1921 empfahl, das Spitzdach des Schokoladenwerkes in ein flaches umzuwandeln. Praktischer wäre das gewesen, denn im Winter hätten dann die Eiszapfen keine Ecken mehr gefunden, wo sie sich gefahrdrohend aufbaumeln konnten, – und billiger wäre es am Ende auch gewesen. Es ist nicht nach diesem Ratschlag gehandelt worden, denn der neue Inhaber empfand, daß mit dem Mansardendach der Landschaft ihre eingewurzelte Ländlichkeit verlorengegangen wäre.