Abb. 1. Brütende Zwergrohrdommel

Im zeitigen Frühjahr schon erfolgt an den sommersüber von ihr bewohnten Stätten die Rückkehr der zuweilen auch bei uns überwinternden größeren Art, der Großen Rohrdommel, die im Frühjahr 1925 in meinem Lausitzer Beobachtungsgebiete bereits in den ersten Märztagen wieder an ihren Brutplätzen eingetroffen war – ein im vorhergegangenem Jahr erbrüteter und von mir beringter Jungvogel allerdings trieb sich noch Ende April in Norditalien umher –, und etwas später als die Große kehrt – in der Regel im April – die kleinere Art, die Zwergrohrdommel, in die Heimat zurück. Die aus den Vorjahren erhalten gebliebenen dichten Bestände alten Rohres und Schilfes bilden tagsüber die Aufenthaltsorte unserer Vögel; selten nur, daß man einmal einen aus ihnen aufsteigen und über einen Teich dahinfliegen sieht, die Kleine ihrer größeren Häufigkeit entsprechend eher noch als die auch heimlichere Große. Dem aufmerksamen Beobachter aber verraten sie ihre Anwesenheit bald durch ihre Stimmen. Die zunächst nur gelegentlichen und einsilbigen, wenig auffallenden und nicht besonders lauten, dumpfen Rufe der Großen Rohrdommel gehen, nicht selten schon in der zweiten Märzhälfte, spätestens aber in den ersten Apriltagen, in das bekannte, so oft schon geschilderte, kräftige und stundenweit vernehmbare uihump uihump über. Und bald wird man es vom frühen Morgen bis zum späten Abend und regelmäßiger noch während der Nacht in fast ununterbrochener, pausenloser Folge hören können, daß man sich oft fragt, ob denn unser Vogel nicht auch einmal der Ruhe bedarf? Und in das uihump uihump der Großen klingt das freilich weniger auffallende, leichter zu überhörende und wohl auch oft genug schon überhörte Wrurr-wrurr der Zwergrohrdommel hinein, das eine große Ähnlichkeit mit dem Gequarre manches Frosches besitzt und auch leicht mit einer Froschstimme verwechselt werden kann.

Abb. 2. Zwergrohrdommel sichernd auf dem Nest

Über das Vorkommen und die Häufigkeit der beiden Rohrdommelarten in unserem sächsischen Vaterlande waren wir bis in die neueste Zeit hinein nicht gerade sonderlich gut unterrichtet. Die Große bevölkert heute ausschließlich nur ostelbische Landschaften, den flachen, teichreichen Nordosten des Landes etwa von der Gegend von Königswartha an ostwärts, ist hier erfreulicherweise aber durchaus noch keine seltene Erscheinung. Ich bin überrascht von der Zahl der von mir während der letzten Jahre verhörten rufenden Männchen und glaube nach den Erfahrungen, die ich an anderen Orten des Vorkommens unseres Vogels gemacht habe, daß eine wesentlich höhere Besiedelungsdichte in unserem Gebiet auch kaum möglich ist. Westlich der hier gekennzeichneten nordostlausitzischen Landschaften tritt unser Vogel nur vereinzelt und wohl auch mehr gelegentlich auf. So wurden rufende Männchen 1924 an dem Zschornaer und dem Grüngräbchener Lugteich, ein anderes sogar am Dippelsdorfer Teich verhört. Früher allerdings scheint der Vogel auch hier häufiger gewesen und regelmäßiger vorgekommen zu sein, scheint das heute nur auf den Osten beschränkte Gebiet regelmäßigeren Vorkommens sich in westlicher Richtung bis an die Moritzburg-Dippelsdorfer Teiche ausgedehnt zu haben. Ob aber der Rückgang hier ausschließlich nur auf die Nachstellungen zurückzuführen ist, denen unser Vogel als »Fischereischädling« ausgesetzt gewesen ist und die, wenn man aus den Erzählungen alter Förster und den Trophäen, die man in so manchem Forst- und Jagdhaus findet, einen Schluß ziehen darf, manchesmal allerdings sehr rücksichtslose gewesen sein mögen, möchte ich trotz alledem noch bezweifeln; es scheinen auf ihn vor allem auch Veränderungen in den Vegetationsverhältnissen, die heute viel weniger dichte Bewachsung vieler der hier in Frage kommenden Teiche von großem, ausschlaggebendem Einfluß gewesen zu sein. In der Nordostlausitz wird unser Vogel von den dort angesessenen Grundherren erfreulicherweise durchgängig geschont und ihm das Deputat an Fischen, das er erhebt, gern gegönnt; es fällt ja auch gar nicht so sehr ins Gewicht bei dem großen Anteil, den besonders auch wirtschaftlich wertlosere Fische an ihm haben. Wenn hier ja einmal noch eine Rohrdommel einer Kugel zum Opfer fällt, so geschieht dies nur ganz selten und auch nur versehentlich auf einer Entenjagd oder – wovon ich mich im Vorjahre selbst überzeugen mußte – auf Pachtrevieren, die ja selten Pflegstätten des Naturschutzes sind.

Abb. 3. Junge Zwergrohrdommel

Fast dürftiger noch als über das Vorkommen der Großen sind wir zeitweise über das der Zwergrohrdommel unterrichtet gewesen, ist sie von vielen doch häufig für seltener als ihre große Schwester gehalten worden. Dank einer auf Freund Heyders Anregung hin von P. Weißmantel vorgenommenen gründlichen Untersuchung des Vorkommens der Zwergrohrdommel in Sachsen[1] wissen wir heute, daß sie ein bei uns weitverbreiteter Vogel und in allen größeren Teichgebieten des Landes mit ihr zusagender Vegetation eine regelmäßige und stellenweise sogar recht häufige Erscheinung ist. Sie kommt in den westsächsischen Teichlandschaften ebenso wie in den ostsächsischen vor und erreicht in diesen letzteren ihre größte Häufigkeit in unserem sächsischen Vaterlande. In dem Königswarthaer Gebiet sind mir alljährlich, meistens ohne daß ich sonderlich danach gesucht habe, in fast allen der von mir regelmäßig begangenen Teiche Nester, in vielen sogar in größerer Anzahl, bekannt geworden (so z. B. 1925 in einem nur etwas über einem Hektar großen allein drei, die so dicht beieinanderstanden, daß man von den Anfängen einer Koloniebildung reden konnte). Und wie um Königswartha selbst, so fand ich die Verhältnisse auch in dessen weiterer Umgebung, ganz in Übereinstimmung mit Freund Weißmantels längeren Lausitzer Erfahrungen.

»Wenn in den Apriltagen,« so schildert der Genannte unseren Vogel, »junges Grün die fahlen Überreste der vorjährigen Schilfbestände durchsetzt, stellen sich die ersten Zwergrohrdommeln ein. Längere Zeit suchen sie dem Beobachter ihre Ankunft geheim zu halten. Weder ein Ruf ist in den ersten Tagen ihrer Rückkehr zu hören, noch zeigt sich ein Vogel für kurze Zeit über dem im lauen Frühlingswinde erwachenden Rohrwalde. Erst, sobald die wärmende Frühlingssonne ihren Einfluß auch auf die Nachttemperatur geltend machen kann, fängt es im Rohr an zu rumoren. »Wrurr,« erst einzeln und leise, für den Unaufmerksamen kaum hörbar, dann zwei bis dreimal hintereinander, bis zuletzt lange Reihen daraus werden, so lockts im Röhricht. Die Zwergrohrdommel balzt … Werden die Tageszeiten wärmer, liegt vor allem Gewitterstimmung in der Luft, dann schweigt die Zwergrohrdommel auch am Tage nicht, dann heißt es auch aufpassen. Unversehens und geräuschlos fliegt sie auf fällt bald wieder ein oder wechselt von einem Schilfdickicht hinüber zu dem des Nachbarteiches. Unvergessen steht mir da der 30. Juli 1923 in der Erinnerung. Ich saß mitten im ausgedehnten Teichgebiete von Königswartha auf einem Teichschützen. Gewitterschwüle nötigte zum Ausruhen. Vor mir wrurrte eine Zwergrohrdommel. Bald erklang derselbe dumpfe Ruf von rechts und von links, von vorn und von hinten. Nicht genug damit, eine ganze Anzahl Dommeln, vier bis sechs gleichzeitig, hatten das schützende Röhricht verlassen. Dicht über das Dickicht dahinstreichend, fielen sie nach kurzem Fluge an anderen Stellen wieder ein … Selten gelingt es, die Zwergrohrdommel beim Fischen zu beobachten. Am schönsten konnte ich dies in Döbra. Ebenfalls am 30. Juni, jenem großartigen Rohrdommeltag, stand ein alter Vogel regungslos, den Körper fast wagerecht haltend, mit eingezogenem Halse im seichten Wasser eines Brutteiches. Zeitweise bog er den Hals langsam in eine schöne S-Form, um ihn zuletzt blitzschnell schräg nach vorn zu strecken, dabei den Schnabel, meist auch den Kopf ins Wasser steckend. Nur Augenblicke dauerte es, dann kehrten Hals und Kopf in die ursprüngliche Lage zurück, nur mit dem Unterschiede, daß ein fingerlanger Fisch unter fortgesetztem Strecken und Zusammenziehen des Halses hinabgewürgt wurde. Dreimal konnte ich das seltene Schauspiel genießen und mich anschließend überzeugen, daß die Zwergrohrdommel durchaus Feinschmecker ist. Die Fische waren halbwüchsige Schleien. Ein leises Knacken von dürren Zweigen – ein Reh zog am Teichufer vorüber – änderte das Bild. Augenblicklich kauerte die Zwergrohrdommel zusammen, Rumpf, Hals, Kopf und Schnabel schnellten lotrecht empor. Kaum eine Sekunde lang verharrte sie in dieser wunderlichen Stellung, dann flog sie mit ängstlichem ›gät gät‹ in die nächste Rohrdickung.«

Von Ende Mai an, häufiger aber im Juni und selbst noch im Juli findet man die in der Regel mit fünf bis sechs, aber auch mit sieben reinweißen Eiern voll belegten Nester. Sie sind immer sehr versteckt in dichtem, häufig von Weiden- und anderem Gestrüpp durchsetzten Dickichten jungen und älteren Schilfes und Rohres zu finden, stehen in der Regel über dem Wasser nahe des Ufers, können aber auch – allerdings etwas weniger häufig – weiter im Innern der Teiche, dann aber auch wieder selbst am Ufer über dem Lande, wenn dieses das dem Vogel gut bergende und daher von ihm auch unbedingt verlangte dichte Gestrüpp von Schilf und Rohr, strauchigen Weiden und anderen, ähnlich hoch wachsenden Pflanzen trägt, angelegt sein. Das Nest ist ein nur kleiner, flacher und locker geschichteter Bau aus alten Rohrstengeln, Schilfblättern und ähnlichem Pflanzenmaterial, bald auf dürrem, umgeknicktem Rohr aufgeschichtet, bald in das Gewirr der jungen, grünen und der mehrjährig-dürren Stengel und Halme eingefügt, bald fast der Wasserfläche aufsitzend, bald wieder bis zu einem halben Meter hoch und vielleicht hin und wieder auch noch etwas darüber angelegt. – Häufig und gern habe ich, gut gegen Sicht gedeckt, an den Nestern unseres Vogels gesessen, und manchesmal, auch wenn an kühleren Tagen die im Wasser stehenden Füße eine Gänsehaut überlief und fröstelnd auch der übrige Körper erschauerte, stundenlang ausgeharrt, die immer wieder neuen Reize bestrickendster Bilder voll auskostend. Der Vogel bietet des Anziehenden ja so unendlich viel. Seine Scheu und Vorsicht und das ihm eigene große Mißtrauen geraten in einen ganz eigenartig berührenden Gegensatz zu seiner fast rührenden Anhänglichkeit an Nest und Gelege oder der bereits ausgefallenen Brut, und so ergeben sich dann, wenn der durch den Beobachter vom Neste geschreckte Vogel fast unmittelbar nach dem Verlassen desselben wieder zu ihm zurückstrebt, sich ihm unter ununterbrochenen Sichern und den phantastischsten Körperhaltungen und Körperverrenkungen nähert, die wunderlichsten, fesselndsten Szenen, die nur der verstehen kann, der sie schon einmal mit beobachten durfte.