Abb. 4. Große Rohrdommel auf dem Nest
Und wenn gar die Jungen im Neste sitzen, diese graugelblichen und flaumigen, abenteuerlichen Gestalten, und wütend den Beobachter anfauchen oder wehrhaft nach ihm mit den spitzen Schnäbeln hacken, wenn sie flüchtend, mit den unendlich langen Ständern weitausgreifend im Rohre verschwinden, um aber, wenn die eingebildete Gefahr vorüber ist, sofort wieder in das Nest zurückzukehren, wenn dann gar die Mutter mit einem jungen Fische zurückkommt, die hungrigen atzend, da vergißt man über dem Gesehenen auch gern einmal die besonders auf der materiellen Seite liegenden Schattenseiten des freien Naturforscherlebens und freut sich ungeschmälert eines Berufes, der einem mit jedem Tag in immer engere Beziehungen zu der ewig-jungen Natur bringt. –
Abb. 5. Große Rohrdommel brütend
Zeitiger als die Zwergrohrdommel, ihrer früheren Rückkehr an die Brutplätze entsprechend, denkt die Große Rohrdommel an das Fortpflanzungsgeschäft. Ich fand 1924 in meinem Königswarthaer Beobachtungsgebiet zwei Nester, in denen die Vögel bereits im April mit dem Legen begonnen haben mußten. Sie boten mir nicht nur Gelegenheit zu ausgiebigen Beobachtungen über das in vielem noch recht wenig bekannte Brutleben, sondern brachten mir auch die überhaupt ersten Nestaufnahmen unseres bisher am Neste ja so wenig beobachteten Vogels. Ich habe über meine Beobachtungen bereits ausführlicher an anderer Stelle berichtet[2], möchte aber daraus hier für diejenigen vogelkundlich interessierten Leser der Heimatschutz-Mitteilungen, denen meine Arbeit nicht zugänglich ist, das folgende wiederholen:
»Beim Näherkommen an das Nest richtet in der bekannten Weise der Vogel Kopf und Hals senkrecht empor (die beiden auch hier beigegebenen Aufnahmen geben dies ja sehr schön wieder) und erhebt sich schließlich, wenn ihm die Nähe des Beobachters zu gefahrdrohend wird, vielfach deutlich zögernd, zum Abflug. ›Unbeweglich,‹ so notierte ich an Ort und Stelle, ›verharrt beim Näherkommen der Vogel noch auf dem Nest, flacher nur legt sich der Rumpf auf dieses, gestreckter und dünner wird der höher und höher emporwachsende Hals, scharf blickt das in seiner absoluten Unbeweglichkeit fast wie ein eingesetzter glänzender Edelstein wirkende gelbe Auge, bis dann endlich Leben in ihn kommt: langsam und ohne jede hastende Eile, ruckweise, mit deutlich abgesetzten Bewegungen in den Gelenken, daß man an ein aufgezogenes mechanisches Kunstwerk erinnert wird, erhebt er sich, macht eine leichte Wendung zur Seite und fliegt ab, in gerader Richtung nach einer etwa hundert Meter entfernten Stelle im Teichinnern, wo er im Rohrbestande einfällt.‹ Dieses Einfallen erfolgte, sooft ich es sah, ausnahmslos an der gleichen Stelle …, der nach dem Abflug vom Neste eingefallene Vogel richtete sich sofort auf kurze Augenblicke sichernd zur Pfahlstellung auf, hastete dann im Rohre kletternd und mit den Ständern weit ausgreifend, daß diese viel länger schienen, als sie es wirklich sind, einige Meter vorwärts, sicherte von neuem, und strebte so, ununterbrochen zwischen hastigem Klettern und sicherndem, kurzem Verweilen wechselnd, dem Neststandort zu, so daß er fast unmittelbar nach seinem Abflug schon wieder in Nestnähe war und aufmerksam, zum unbeweglichen Pfahl geworden, die Vorgänge an ihm verfolgte, das Entfernen des Beobachters abwartete … Verschieden von dem eben geschilderten Verhalten des noch brütenden ist dasjenige des seine Jungen bereits betreuenden Vogels. Auf meinen beiden Nestern traf ich, nachdem diese die bei meinen Besuchen allerdings schon einige Tage alten Jungen enthielten, die alten Vögel überhaupt nicht mehr an; sie hielten sich im Pflanzenbestand neben den Nestern auf und wurden nur in Ausnahmefällen hoch. Ob vielleicht, von mir unbemerkt, erst vor meinem Herankommen an die Nester die Vögel diese verlassen hatten, vermag ich allerdings nicht zu sagen. Das erste Nest enthielt bei meinem Besuche am 31. Mai drei Junge, ruppig aussehende und lebhafte, sich äußerst wehrhaft gebärdende Kerlchen, die durch rauhes, krächzendes Geschrei und unmöglich weites Aufreißen der Schnäbel – man glaubte, in unergründliche Abgründe zu schauen – des Beobachters sich zu erwehren versuchten oder durch Verschwinden und gewandtes Umherklettern im Rohr, aus dem sie sich aber immer wieder ins Nest zurückfanden, sobald die eingebildete Gefahr vorüber war, sich ihm zu entziehen trachteten. Als ich eines der Jungen in die Hand nahm, verkündete mir ein rasch aufeinanderfolgendes, nicht übermäßig lautes, rauhes ›Goak-goak‹, daß der bisher von mir trotz aller darauf verwandten Aufmerksamkeit noch nicht gesehene und sich auch jetzt dem Anblick entziehende alte Vogel doch in unmittelbarster Nestnähe sein mußte. Erst als ich nochmals eines der Jungen in die Hand nahm und ihn dadurch zu neuen Rufen veranlaßte, entdeckte ich ihn. Drei bis dreieinhalb Meter nur von mir entfernt, in der üblichen Pfahlstellung sich an einige Typhastengel anklammernd, klebte er, mir zugeneigt, als ob er jeden Augenblick sich auf mich stürzen wolle, und dabei in seiner Umgebung so aufgehend, daß ich ihn trotz meiner dafür doch leidlich geschärften Augen bislang übersehen hatte und es auch jetzt, wenn ich einmal die Blicke von ihm abgelenkt hatte, immer wieder eines erneuten, sekundenlangen Suchens bedurfte, um ihn in dem braunen Pflanzenbestand auszumachen. Die Schutzfärbung des Tieres ist eine höchst vollkommene, und das Aufgehen des Vogels in seiner Umgebung wirkt manchesmal direkt verblüffend.«
Abb. 6. Große Rohrdommel fliegend
In unseren Naturgeschichtswerken kommen die beiden Rohrdommeln, vor allem die Große, nicht immer gut weg. Zwar werden sie gern, in erster Linie wohl ihrer wenig offenkundigen Lebensweise und des Dunkels wegen, das noch über manchen ihrer Lebensäußerungen liegt, »interessante« Geschöpfe genannt, umgekehrt aber als falsch und heimtückisch bezeichnet und mit noch anderen ähnlichen, vom Menschen als häßlich empfundenen Eigenschaften ausgestattet. Kann man aber einem Vogel, der so wie unsere Rohrdommeln die Heimlichkeit liebt und aus diesem Grunde schon mit einem gewissen Mißtrauen ausgerüstet ist und ausgerüstet sein muß, es zum Vorwurf machen, wenn er, in die Enge getrieben, sich auch einmal dem Menschen gegenüber zur Wehr setzt, wenn er, wohl gar durch die ihm vom letzteren angetragene Kugel verwundet, diesem – seinem Peiniger – seine in dem kräftigen und spitzen Schnabel bestehende Waffe fühlen läßt? Wohl kaum! Ich würde dem, der mich auf die linke Wange schlägt, auch meine »Rechte« darbieten, derb und kräftig, daß er sich einen zweiten Schlag wohl überlegen würde, und ich würde es meinem künftigen Biographen (der allerdings wahrscheinlich noch gar nicht geboren ist) schon heute verübeln, wenn er mir deswegen Eigenschaften andichten wollte, mit denen eifrige Naturgeschichtsschreiber unsere Rohrdommeln belastet haben.