Das Rätsel der Tulpenkanzel im Freiberger Dom und Ulrich Rülein von Calbe

Von Otto Eduard Schmidt

Im Sächsischen Altertumsverein hielt am 3. Dezember 1925 Dr. Walter Hentschel, Assistent des Altertumsmuseums, einen mit vorzüglichen Lichtbildern ausgestatteten, überaus anregenden Vortrag über den »Meister H. W.« (siehe den Bericht von Dr. Naumann im Dresdner Anzeiger vom 8. Dezember 1925). So nennt die Kunstgeschichte einen besonders zwischen 1500 und 1525 in Sachsen wirkenden Meister der spätgotischen Plastik, der zwei seiner Werke, das Altarwerk zu Borna vom Jahre 1511 und die »schöne Tür« im ehemaligen Franziskanerkloster zu Annaberg – jetzt in der St. Annenkirche dieser Stadt – mit den Buchstaben H. W. gezeichnet hat, die wir trotz langwieriger und sorgfältiger Forschungen auch heute noch nicht zu seinem vollen Namen zu ergänzen vermögen. Zu seinen leider nicht bezeichneten, aber durch ihre stilistische Eigenart ihm mit ziemlicher Sicherheit zuzuweisenden Schöpfungen zählen die beiden Pulthalter in der Stiftskirche zu Ebersdorf, die große Holzskulptur der Geißelung Christi in der Schloßkirche (ehemalige Klosterkirche) zu Chemnitz und vor allem die berühmte »Tulpenkanzel« im Freiberger Dom. Sie ist eine der auffallendsten und merkwürdigsten Erscheinungen in der bildenden Kunst überhaupt. Mitten hineingestellt zwischen die himmelanstrebenden schlanken Steinpfeiler des Doms, der in seinem ganzen Bau mit der starken Betonung des Schiffes und der fast durchgeführten Losschnürung des Chors vom Schiff als »Gemeindekirche« selbst eine Revolution gegen die althergebrachten Grundsätze der Gotik darstellt, ist die »Tulpenkanzel« der Gipfel und die Bekrönung dieser Revolution, entstanden in Jahren, wo der Sturmwind des neuen Geistes vom Munde des Wittenberger Augustiners zu wehen begann. Das ist keine Kanzel alten Stils, sondern eine steingewordene Riesenpflanze, die mit elementarer Gewalt in drei sich übereinandertürmenden Gestaltungen aus dem dürren Felsboden drängt, keine sanfte holländische Tulpe, sondern die saftstrotzende, kraftvolle, stacheltragende deutsche Distel, die oben in einem verhältnismäßig breitausladenden Blätter- und Blütenknauf ausgeht, dessen Inneres sich dem Prediger als Sprechort darbietet, wie wenn ein aus den Tiefen der Erde aufgestiegener Geist den Gläubigen die emporquellenden Geheimnisse verkünden wollte. ([Abb. 1.]) Allerhand Phantasiegestalten durchschweben den Raum: unten Putten in halber Bergmannstracht, oben die vier Kirchenfürsten Hieronymus, Erzbischof Ambrosius mit Mitra und Krummstab, der greise Papst Gregor und St. Augustin. ([Abb. 2.]) Blätter und Zweige schlingen sich um sie, schlingen sich ineinander und durcheinander, und so stark ist das Sausen des Sturmes, daß in zwei verschiedenen Höhen steinerne Seile die Ranken umschnüren und zusammenhalten und ein junger, zugleich die kühne Treppe tragender Berggesell diese Seile an das kahle, starke, die Treppe stützende Astwerk zweier entlaubter, ineinanderverwachsener Bäume verknotet. Was ist hier noch gotisch? Höchstens erinnern gewisse Linien der Distelblätter an gotische Säulenkapitelle, aber der Geist, der im Kunstwerke weht, gehört bereits der von den Fesseln der Gotik befreiten Renaissance an, die sich hier zunächst in dem ausgesprochenen Naturalismus der Gesamterscheinung und zweitens in der Symbolik ihrer Teile offenbart. So steht die »Distelkanzel[3]« wie ich sie, ihre wirkliche Erscheinung besser bezeichnend, nennen möchte, zwischen zwei Zeitaltern als ein Werk von ganz besonderer, niemals wiederkehrender Eigenart. Die Deutung des Ganzen auf eine Grundstimmung, die Beziehung der Figuren zu der Zeit ihrer Entstehung, namentlich aber die Benennung der zu Füßen der Treppe sitzenden eindrucksvollen Mannesgestalt und des darüber, zwischen Treppe und Baumwerk eingeklemmten Jünglings war bis vor kurzen ein ungelöstes Rätsel. Die Erzählung vom Meister und dem Gesellen, der den Meister übertraf und deshalb von ihm den Tod erlitt – ein öfters vorkommendes Motiv der deutschen Sagenbildung – trägt den Stempel des Notbehelfs an sich. Der Vortragende verwarf sie mit Recht und erklärte den sitzenden Mann im Hinblick auf die um ihn kreisenden Löwen für eine Darstellung des alttestamentlichen Propheten Daniel in der Löwengrube. Daniel habe damals, allerdings nur kurze Zeit, in Sachsen als Patron des Bergbaus gegolten, und da doch die Kanzel vermutlich eine Stiftung der Freiberger Bergknappschaft sei, so habe der Meister hier den Propheten Daniel als ihren Patron dargestellt. Den Zusammenhang der Kanzel mit dem Bergbau und eine Beziehung der sitzenden Gestalt zum Propheten Daniel konnte man dem Vortragenden zugeben, wie hätte man sonst die den Mann bedrohenden brüllenden Löwen verstehen sollen? Aber unmöglich konnte ich in dem sitzenden Manne die Persönlichkeit Daniels erkennen. Wie kommt ein alttestamentlicher Prophet dazu, einen Rosenkranz in der Hand zu halten? Aber auch das Gewand (Schaube), die Schuhe und der Hut des Mannes sind durchaus zeitgenössisch, und nun vollends das Gesicht! Wer würde wohl je in diesem vollkommen realistisch geformten, vom Ohr bis zur Unterlippe ausrasierten Kopfe, der nur um das Kinn seinen starken Bartwuchs trägt, einen Propheten sehen? Wäre das eine Gestalt aus der Werkstatt der Phantasie des Meisters, so wissen wir aus seinen Pultträgern und Madonnen, und auch aus den Büsten der vier Kirchenfürsten im Blütenkelche der Distelkanzel, wie stark er und nach welchen Richtungen hin er zu idealisieren pflegt. Nein, die ganze herbe ungeschönte Erscheinung des Mannes, dazu auch seine Stellung als Hörer der Predigt zeigt uns, daß wir es hier mit einer Wirklichkeitsdarstellung, mit dem Bildnis eines Mannes von Fleisch und Blut, mit einem Porträt zu tun haben. ([Abb. 3.]) Und wie ich nun, noch während der Redner sprach, die nicht allzuvielen bekannten Freiberger der Epoche von 1500 bis 1520 an meinem inneren Auge vorüberziehen ließ, da durchzuckte es mich mit einemmal, und festumrissen stand eine Persönlichkeit vor mir, mit der ich mich in anderem Zusammenhange schon lange beschäftigt hatte, die einzige, die geeignet war, alle bisher ungelösten Rätsel der Distelkanzel zu entschleiern und uns dabei noch mit einem lange vermißten und lange gesuchten Bilde ihrerselbst zu beschenken: Ulrich Rülein von Calbe[4].

Aufnahme des Sächsischen Landesamts für Denkmalpflege

Abb. 1. Gesamtansicht der »Tulpenkanzel« im Freiberger Dom

Ich kann hier nicht auf die Einzelheiten seines noch gar nicht erforschten Lebens eingehen, aber in kurzen Worten sei die Bedeutung, die er für Freiberg im allgemeinen und für den Bergbau im besonderen gehabt hat, zusammengefaßt. Rülein von Calbe war im Übergang vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert auf geistigem, wie auf technischem Gebiete der Führer der aufstrebenden Freiberger Bürgerschaft und Bergknappschaft. Er war Ratsherr, Bürgermeister, Stadtarzt, Bergbauverständiger, Astrologe, Vermessungsingenieur und Organisator eines neuen Bildungswesens in einer Person. Im Jahre 1496 entwarf er den Plan, nach dem die Bergstadt Annaberg erbaut wurde, 1497 erscheint er als Stadtarzt, 1505 hat er das erste bergwissenschaftliche Buch der Welt verfaßt: »Ein wohlgeordnet und nützlich büchlein, wie man Bergwerk suchen und finden soll«, 1509 wird er Ratsherr, von 1514 bis 1519 war er Bürgermeister und als solcher bewog er die beiden tüchtigsten Humanisten der Leipziger Universität Johann Rhagius, einen Meister der lateinischen Beredsamkeit, und den begeisterten Apostel des Griechischen Peter Mosellanus nach Freiberg überzusiedeln. So wurde 1515 in Freiberg das erste humanistische Gymnasium der meißnisch-sächsischen Lande eröffnet. Gleichzeitig bekämpfte Rülein erfolgreich die in Freiberg besonders heftig auftretende Pest und schrieb 1521 ein längeres und ein kürzeres Büchlein über die Eindämmung und Heilung dieser Krankheit, auch entwarf er den Plan für den Bau der Stadt Marienberg, schmückte das Freiberger Rathaus mit »Gemälden der himmlichen Zeichen« und starb 1523 in Leipzig. Man wird zugeben, daß ein solches Universalgenie auch für den Meister H. W., dessen überaus reger und selbständig pulsierender Geist aus seinen Werken spricht, der wichtigste Mann in Freiberg war und daß es für den Meister eine der lockendsten Aufgaben sein mußte, dieses Mannes Bild festzuhalten und statt irgendeiner Idealgestalt diesen bedeutendsten Bürger der Stadt in Zusammenhang mit seinem großartigen Kanzelwerk zu bringen. Der augenscheinliche Beweis dafür, daß dies geschehen ist, findet sich in dem oben erwähnten Bergwerksbüchlein. Der erste Druck desselben aus Augsburg vom Jahre 1505 ist, wenn er überhaupt vorhanden ist, eine große Seltenheit, ich konnte ihn in keiner sächsischen Bibliothek auftreiben. Dagegen fand ich in der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden wenigstens die zweite Ausgabe aus Worms 1518 ([Abb. 4]) und die vierte von Augsburg 1534[5]. Und gleich auf der zweiten Seite des Wormser Druckes leuchtete mir die Überschrift in die Augen: »Daniel der bergverstendig zum jungen Knappio.« Also bezeichnete sich Rülein selbst hier als den bergverständigen Daniel. Wie kam er darauf? Der Prophet Daniel galt, wie der Joachimsthaler Pfarrer Johann Mathesius in seiner »Bergpostilla« (Nürnberg 1578) Seite 40 bezeugt, den Bergleuten für einen Bergmann, »weil er (im Kapitel 10) die vier Keiserthumb in vier metallen abmalet und des Sons Gottes arm und füsse in einem gluwen (glühenden) ertz oder kupffer oder glantzendem kiß oder marckasit gesehen und gehört habe.« Die Stelle im zehnten Kapitel Daniel lautet: »Sein Leib war wie ein Türkis, sein Antlitz sahe wie ein Blitz, seine Augen wie eine feurige Fackel, seine Arme und Füße wie ein glühend Erz und seine Rede war wie ein große Getöne«.

Aufnahme des Landesamts für Denkmalpflege

Abb. 2. Der obere Knauf der Kanzel mit den Büsten der vier Kirchenfürsten