Rülein hat schon als Stadtarzt von Freiberg, ferner als Bürgermeister, vor allem aber als Verfasser des Bergwerkbüchleins, viele Beziehungen zur Freiberger Bergknappschaft und auch zu den Bergherren gehabt, die, wie er, der Ansicht waren, daß die Erze nicht im Inneren der Erde festliegen, sondern von Fall zu Fall unter besonderen, von Gott bestimmten Verhältnissen im Berge wachsen und sich dem frommen, geschickten und ernstlich strebenden Bergmanne »höflich zeigen«, d. h. sich von ihm erbeuten lassen, während Gottlosigkeit und Ungeschick der Bergleute es den finsteren Geistern der Tiefe ermöglichen, das Erz wieder in Quarz und dergleichen wertloses Gestein zu verwandeln oder dem Bergmanne zu entziehen. Rüleins Bergwerkbüchlein lehrte die Kunst, den wachsenden Erzen richtig zu begegnen, kein Wunder also, daß er auch deshalb wie ein Patron des Bergbaus erschien und an der von den Bergleuten gestifteten Kanzel sein wunderbares Denkmal erhielt.

Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte

Abb. 3. Die unteren Teile der Kanzel mit der Treppe und der sitzenden Gestalt des Ulrich Rülein von Calbe

Aber die Löwen, die ihn umkreisen, werden hierdurch noch nicht erklärt. Denn sie können kaum, wie Dr. Hentschel will, als Symbole der Gefahren des bergmännischen Berufs aufgefaßt werden. Erstens waren die Gefahren in jener alten Zeit, wo die Gruben noch nicht so tief »geteuft« waren, weit geringer als später und zweitens war doch Rülein kein aktiver Bergmann und deshalb nicht so sehr von ihnen bedroht. Und doch war er, der sich selbst als den bergverständigen Daniel bezeichnete, ein »Daniel in der Löwengrube«, d. h. ein Mann, der fortwährend schwerer Lebensgefahr ausgesetzt war. Denn er hat als Stadtphysikus nicht nur durch seine Schriften, sondern auch als praktischer Arzt die furchtbaren Pestepidemien bekämpft, die in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts Freiberg heimsuchten. Gerade im Jahre 1521 wütete die Seuche in Freiberg so furchtbar, daß Herzog Heinrich und seine Hofleute auf die an der oberen Zschopau gelegene Feste Wolkenstein entflohen und daß in Freiberg zum ersten Male, offenbar auf Rüleins Antrag, zur Befreiung der Stadt von den furchtbaren Verwesungsstoffen ein Friedhof außerhalb der Mauern, der noch heute bestehende Donats-Friedhof, angelegt wurde. In seinen »Freiberger Annalen« schreibt der Chronist Andreas Möller zum Jahre 1521: »Sonst hat dieses Jahr die Pest gewaltig zu Freybergk regieret, also daß von Bartholomaei bis Trium Regum (Dreikönigstag) über zweitausend Personen gestorben, daher Hertzog Heinrich zu Sachsen nicht allein eine gewisse Pestordnung publicieren lassen, sondern auch dem Rath befohlen, für die Toten den Donatskirchhof für (vor) der Stadt zum Gottesacker und -gemeinen Begräbnüs zuzurichten … Die Pestordnung ist Sonntags post Ascensionis Mariae, war der 19. Augusti, der Gemeine fürgehalten worden … deßwegen auch die Hofhaltung eine Zeitlang von hier auff Wolckenstein geleget worden.« Daß bei der Aufstellung und Durchführung der Pestordnung Dr. Rülein in seiner Doppeleigenschaft als Stadtarzt und Bürgermeister die wichtigste Rolle spielte, ist selbstverständlich.

Abb. 4. Titelblatt des Bergwerksbüchleins von Ulrich Rülein von Calbe, Worms 1518

Der Meister H. W. hat den Ulrich Rülein von Calbe, als er seine Distelkanzel für den Dom entwarf, zunächst wohl als den Repräsentanten des Freiberger Stadtgeistes und als geistigen Patron des Bergbaus ins Auge gefaßt, darüber hinaus aber gab ihm dessen selbstgewählter Name Daniel die Veranlassung, als Symbol der furchtbaren Gefahren, die ihn und die Bürgerschaft während der Pest umtobt hatten, die gräßlichen Löwen an der Kanzel anzubringen und damit zu sagen: wie der Prophet Daniel durch Gottvertrauen und Mut die Ungeheuer der Löwengrube überwand, so hat Rülein, durch unerschrockene Hilfeleistung als Arzt die Stadt von der Pest befreit. Demnach ist die Gestalt Rüleins, wie er zu Füßen der Kanzel demütig der Dankpredigt lauscht, die seine und der Bürgerschaft Errettung feiert, durch die ihn umkreisenden Löwen zugleich ein Denkmal für das Heldentum, das er als Arzt bewiesen hat. ([Abb. 5.])

Aufnahme der Sächsischen Kommission für Geschichte