Abb. 5. Die Löwen an der Kanzeltreppe

Von diesem Gedanken aus verstehen wir erst den ganzen Sinn der Stiftung: sie ist ein Denkmal der Errettung der Stadt von der furchtbaren Seuche, dargebracht von der Bergknappschaft und ausgeschmückt mit dem Bild ihres geistigen Führers und heldenmütigen Arztes. Deshalb meine ich, daß die Distelkanzel nicht schon 1520 im Dom aufgestellt sein kann, sondern erst 1521, und zwar erst gegen das Jahresende. Erst unter dem Drucke der furchtbarsten Pestepidemie, die Freiberg heimgesucht hatte, gewinnen die Löwen ihre prägnanteste Bedeutung.

Abb. 6. Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein von 1518

Aber es gibt noch mehr Beziehungen zwischen dem Bergwerksbüchlein und der Distelkanzel. Das Baumwerk, an dem die Kanzel verankert ist, findet sein Gegenstück in dem Baumwerk, das Rülein in einigen Zeichnungen seines Bergbüchleins verwendet hat, um der Bergwerkslandschaft ihr Gepräge zu geben. ([Abb. 6.]) Auch ähnelt die schuppenartige Gesteinschichtung des Rüleinschen Goldwerkbildes auf dem Bogen CV in dem Augsburger Druck von 1534 ([Abb. 7]) sehr der Felsschichtung, aus der sich die Distelkanzel des Freiberger Doms erhebt. Wer kann sagen, ob diese Übereinstimmung, wenn sie nicht eine rein zufällige ist, darauf hindeutet, daß der Meister H. W. den Rülein beeinflußt hat, oder ob Rüleins technisch und künstlerisch gebildeter Geist den Meister H. W. dahin beeinflußte, daß er seiner kühn naturalistischen Kanzel durch Anlehnung und Verknüpfung an die entlaubten, ineinanderverwachsenen Baumstämme Halt verlieh? Auch das Baumwerk am Portal der Chemnitzer Schloßkirche, in das der Meister H. W. später seine Gestalten hineingestellt hat, ist eine Weiterbildung des bei der Distelkanzel und noch früher schon im »Bergwerksbüchlein« verwendeten naturalistischen Motivs. Jedenfalls bestanden zwischen diesen beiden hochstrebenden Geistern, dem Meister H. W. und dem Bürgermeister Rülein, tiefwurzelnde Beziehungen und Wechselwirkungen. Diese Beziehungen wurden auch nach der Vollendung der Distelkanzel weitergesponnen. Denn der Meister H. W. hat noch ein zweites Werk geschaffen, in dem Ulrich Rülein von Calbe leibhaftig dargestellt ist: das ist ein allerdings stark verwittertes, aber in den Hauptzügen noch wohlerkennbares kreisrundes Hochrelief, das ursprünglich als Schlußstein des Gewölbes über dem Bergaltar der St. Annenkirche diente, später aber an der Ecke eines Vorhäuschens zur Kirche angebracht war (s. Ernst Oswald Schmidt, Die St. Annenkirche zu Annaberg S. 34) und sich jetzt im Innern befindet. In diesem Relief ist nicht der geschichtliche Vorgang der Fündigwerdung Annabergs vom 27. Oktober 1492 dargestellt, sondern die sich darum rankende Sage, in der der schürfende Bergmann Caspar Nietzel aus Frohnau, offenbar unter dem Einfluß von Rüleins Bergwerkbüchlein, ersetzt ist durch den »armen Bergmann Daniel Knappe«. Wir besinnen uns darauf, daß in Rüleins Büchlein der Bergverständige Daniel zu dem jungen Knappius spricht. Wir sehen auf dem Relief ([Abb. 8]) die Tanne, in deren Zweigen Daniel Knappe, einem Traume folgend, vergebens nach den silbernen Eiern gesucht hat. Darüber schwebt noch der Engel Gottes, der ihm den Gedanken eingab, daß auch die Wurzeln zu den Zweigen gehörten. Auf der rechten Seite sehen wir, wie ein Bergmann nunmehr mit Erfolg an den Wurzeln des Baumes geschürft hat, in der Mitte steht Daniel Knappius, der den Fund in der Hand hält und ihn dem wieder in seiner Schaube und dem eigenartigen Hut erschienenen Bergverständigen Rülein zeigt, der den Fund begutachtet. Er ist unterdessen älter geworden, das Gesicht ist faltig, aber die Ähnlichkeit mit der sitzenden Gestalt am Fuße der Distelkanzel unverkennbar. Auch die an der Freiberger Figur verstümmelte und (1862) schlecht ergänzte Nase ist hier als eine echte Adlernase erhalten. Das ganze ehrwürdige Antlitz zeugt von Geistesschärfe und Willenskraft. In dieser aus der vollen Realität des Lebens gegriffenen, durchaus individuellen Gestalt die Darstellung des alttestamentlichen Propheten Daniel zu finden, ist mir schlechterdings unmöglich, zumal da hier auch nicht das geringste Symbol vorhanden ist, das sich auf den Propheten beziehen ließe. Ebensowenig aber läßt sich an der Identität des Annaberger Porträts mit dem an der Distelkanzel zweifeln.

Abb. 7. Bergwerkslandschaft aus dem Bergwerksbüchlein von 1534

Das Annaberger Relief des Meisters H. W. ist spätestens im Jahre 1525 gefertigt, in welchem der Tradition nach die Annenkirche vollendet wurde, vielleicht auch schon einige Jahre früher, jedenfalls kurz vor oder kurz nach Rüleins Tode (1523). Aber er verdiente es wohl, auch hier im Bilde verewigt zu werden, denn abgesehen von seinen allgemeinen Verdiensten um den Bergbau, hatte er auch schon 1496 (siehe oben) den Plan entworfen, nach dem die Stadt Annaberg erbaut wurde. Alles schließt sich zwanglos zu einem in sich gefestigten und gerundeten Beweise zusammen, so daß ich glauben kann, die von Walter Hentschel umsichtig eingeleitete und bis zu einem gewissen Punkte geführte Untersuchung über das größte und wichtigste Werk des Meisters H. W. in einem neuen Geleise weitergeleitet und zu einem für die Geistesgeschichte Freibergs wie für die sächsische Kunstgeschichte gleich wichtigen Ergebnis glücklich durchgeführt zu haben.

Aufnahme von Hofphotograph Meiche in Annaberg