In den Fenstern des großen Fichtelberghauses liegt roter Sonnenglanz. Sanft streicht der Gipfelwind über knorriges Nadelgestrüpp. Da wandern wir auf dem breiten Prinzenweg talwärts durch die tiefe Einsamkeit des erzgebirgischen Waldes. Ein einziges Stimmlein geht mit uns von Wipfel zu Wipfel, und wenn es schweigt, dann hören wir von fern und nah nur das heimliche Rauschen der Wälder. Plötzlich öffnet sich das Land nach Westen. Auf dem breiten Kammrücken liegt, von den höchsten Bergen bewacht, eingebettet im Heideland und düsteren Moorgrund, ein freundliches Städtchen. Hart packen hier die Wetterstürme zu; wie die Kücken um die Gluckhenne scharen sich drum die sauberen, weißen Häuser um die Kirche. Wer kennt nicht die kleine Stadt mit dem frommen, kerndeutschen Namen, die höchstgelegene Stadt Mitteleuropas, die eintausendundachtzehn Meter über dem Tiefland sich erhebt? Wohl gewahrt der Vielgewanderte die Anzeichen des fremden Landes, aber es ist, als ob geheime Stimmen ihn anriefen: »Komm herüber zu uns; denn wir sind deines Stammes und Blutes und haben die Bergheimat lieb wie du! Kehr ein zu Gottesgab im böhmischen Lande!«
Am besonnten Wiesenhang strecken wir uns hin und fühlen den tiefen Frieden des Erzgebirges wie ein unsichtbares Flügelpaar über uns hinrauschen. Hinter uns, zur Linken und zur Rechten, wo bis zum Himmelsrand die Wälder auf- und niedersteigen, klingt es wie eine ewige Melodie. Die Heide ist voll frohen Gesummes. Die Zippen schwatzen, und die Ziemer fallen lärmend in die Vogelbeerbäume an der Straße. Der würzige Duft des Bergwindes umweht die Wange, da hebt im Talgrunde das Ave-Glöcklein an und schallt über Höhen und Wälder und kündet denen, die in den verstreuten Hütten des Moor- und Heidelandes wohnen: ’s ist Feierabend. Und es ist, als ob einer die Harfe nähme und dazu sänge:
»On üwern Wald a Vöchela
Fliecht noch sän Nastl zu.
Von Därfl drüben a Glöckl klingt,
Dos maant: Leecht eich ze Ruh!
’s is Feieromd, ’s is Feieromd,
Es Tochwerk is vullbracht,
’s gieht alles seiner Hamit zu
Ganz sachte schleicht de Nacht.«