Dem Poppitzer Nachtwächter hatte einst ein Zigeunerweib prophezeit, unter Poppitz lägen Millionen vergraben, und er …!

Er ist der Glückliche, der am 17. März 1926 einen »Topf voll Geld« findet.

Er ist in Tagesschicht beschäftigt, den kaum merklichen Straßengraben einer Straße mitten im Dorf um einen Spatenstich zu vertiefen. Ganz dicht neben einer Mauer stößt plötzlich seine Schaufel auf etwas Hartes. Ein Stein. Einige wuchtige Stöße. Die Schaufel gräbt sich weiter. Hoch! Da rollen ihm Silbermünzen wie ausgeschüttete Erbsen entgegen. Ein paar Hundert. Noch ehe er sich von seinem Erstaunen erholt, ist schon jung und alt aus der Nachbarschaft um ihn versammelt und drängt und rafft, Silbermünzen zu erhaschen, reich zu werden. Aber o weh! Wie dünn sie sind! Und wie zerbröcklich! Mancher wirft sie wieder weg. Andere treten drauf und raffen sie wieder von neuem. Ein Gewoge und Geschiebe und Geplauder an der Fundstelle. Der arme Nachtwächter weiß sich gar nicht zu helfen. Er ist nur froh, ein viertelhundert Münzen für sich gerettet zu haben. Die übrigen sind unter der Einwohnerschaft verstreut wie Flugblätter vom Flugzeug herabgeworfen. Und das Harte, das der Schaufel Widerstand geleistet? Es ist ein Topf, der nun von den Leuten kurz und klein getreten worden ist.

Ein Bild sinnloser Zerstörung. Aufregung, Tagesgespräch im Dorfe, das sich bis zu einsichtigen Menschen fortpflanzt. Sie erkennen, daß es sich bei diesem Fund nicht um den geringen Silberwert, sondern um wichtigere Dinge handelt. Sie kennen mich von meinen Ausgrabungen in Poppitz her und holen mich. Am Fundplatz kann ich nur noch Nachlese halten. Schneidersleute übergeben mir die von ihnen sorgfältig gesammelten Topfreste und den von niemand beachteten »Bleideckel«. Aber wie die Münzen wiederbekommen? Zwang und Belohnung haben eher entgegengesetzte Wirkung. Also Aufklärung und gütliches Zureden. Die Besinnung kehrt bei allen wieder. Niemand verweigert die Herausgabe. Manchem fällt es schwer. Doch die bessere Einsicht siegt. Die Dorfjugend hilft. Ich gehe von Haus zu Haus. Tagelang spüre ich nach, wie kein gewissenhafter Kriminalbeamter gründlicher tun kann. Und so habe ich nun wohl fast alle Münzen wieder beisammen. Nur einige wenige Stücke werden noch verborgen sein.

Abb. 1. Der vom Verfasser aus sechsundsiebzig Scherben wieder zusammengesetzte Topf des Poppitzer Hacksilberfundes. Ungefähr einhalb natürliche Größe

Was ist das nun für ein Fund und welcher Zeit entstammt er? Diese Fragen drängen sich nun ohne weiteres auf. Zur Beantwortung der ersten kommen nur Vermutungen in Frage. Die geschichtlichen Ereignisse der Heimat geben nur geringen Aufschluß. Wer kann es wissen, ob es ein Schatz des zwei Kilometer entfernten 1111 bis 1119 gegründeten Klosters Rezowe, ob es ein Privatgut war, das aus Furcht vor den Feinden – der Meißner Markgraf Heinrich der Erlauchte – 1221 bis 1288 – lag seit 1240 in mehrjähriger unglücklicher Fehde mit den beiden Brandenburger Markgrafen Otto und Johann – versteckt worden war, ob es ein unehrlich oder verbrecherisch erworbenes Gut war. Niemand kann es mit Bestimmtheit sagen, sicher ist aber, daß der Fund in jenes unruhige dreizehnte Jahrhundert gehört. Darauf weisen Topf und Münzen. Solche Gefäße (siehe [Abbildung 1]) waren bei den Deutschen im dreizehnten Jahrhundert im Gebrauch. Es ist eine Bombe mit gewölbtem Boden. Der Hals ist wenig umgelegt und hat innen eine Hohlkehlleiste. Das Material besteht aus schwarzgrauem, klingend hart gebranntem Ton, die Wandstärke nimmt vom Hals nach dem Boden zu immer mehr ab, ein Topfdeckel fehlt.

Die Münzen stammen ebenfalls aus dem dreizehnten Jahrhundert, und zwar aus der ersten Hälfte. Es sind einseitig geprägte Brakteaten aus dünnstem Silberblech. Sie sind durchschnittlich vier Zentimeter groß und wiegen ein reichliches halbes Gramm. Das Bild wurde mit einem Stempel aus Hartholz oder Metall eingeschlagen, so, daß es reliefartig hervortritt. Jegliche Angaben über Wert, Hersteller und Prägungsjahr fehlen. Sie wurden nach dem Gewicht gewertet. Darum zerschnitt man sie ohne Bedenken in Halbe und Viertel, wie sich solche Teile bei dem Fund in gleicher Anzahl wie die ganzen Stücke fanden. Sie dienten nur zum Ausgleich und dem Kleinverkehr. Das Hauptzahlungsmittel war der Silberbarren. In einen Schmelztiegel wurde soviel Silber gegossen, als die Zahlung erforderte. Daher die Kugelkappenform des Gußkuchens. War das notwendige Gewicht nicht ganz erreicht, so glich man den Rest mit Brakteaten aus. Nach der karolingischen Münzordnung galt damals noch die Silberwährung. Goldmünzen gab es in Deutschland noch nicht. Die Fürsten hatten Münzhoheit. Eine Menge neuer Münzprägestellen kam dadurch auf. Bedrängte Fürsten haben da oft dasselbe getan, was Deutschland heute tut: viel unedles Metall in das Silber gemengt und minderwertiges Geld geschaffen.

Abb. 2. Die verschiedenen Typen der Brakteaten und der Gußkuchen aus dem Poppitzer Hacksilberfund. Ungefähr einhalb natürliche Größe