Eine lange Pause von siebenundfünfzig Jahren lag zwischen diesem und dem letzten Jagdaufenthalt eines sächsischen Kurfürsten. Beengter denn je waren die Jagdgäste. Gefolge und Dienerschaft wurde im Dorfe einquartiert, der Pfarrer allein mußte drei Kammern und Stallung für fünf Pferde hergeben. In der Folgezeit kamen die Landesherren wieder fast regelmäßig zur Jagd hierher, um so mehr, als seit 1698 der Statthalter Fürst Egon von Fürstenberg die Parforcejagd hier einrichtete. Mit Fürstenberg beginnt für die Geschichte der Jagd in Sachsen ein neuer Zeitabschnitt: die endgültige Einführung der Parforcejagd nach französischem Vorbild. Der Fürst, ein Liebhaber der Jagd, hatte jedenfalls während seines mehrjährigen Aufenthaltes in Frankreich Geschmack an dieser Art zu jagen gefunden und hegte den Wunsch, das bei Wermsdorf sehr günstige Gelände dazu einzurichten. Der Wald wurde durch Alleen und Schneisen in Quadrate geteilt, das Terrain durch Wege und Brücken zugänglich gemacht, Kähne angeschafft zum Transport der Jäger und Hunde über die Teiche und endlich eine Mauer zum Schutze der anliegenden Felder vor Wildschaden aufgeführt. Nachdem die zum Jagen erforderlichen Pferde und Hunde aus Frankreich und England und französische »Piqueurs« in Wermsdorf angelangt und in dem von August dem Starken dem Schlosse gegenüber erbauten Jägerhofe untergebracht waren, konnte 1699, obwohl die Geländearbeiten noch keineswegs beendet waren, die erste Parforcejagd abgehalten werden. Dauernd wurden aber noch Verbesserungen und Vergrößerungen am Gelände und an der Jagdequipage vorgenommen; in Collm wurde ein Forsthaus und ein neues Sauhaus, auf dem Collm von Karcher ein Jagdpavillon erbaut.
Der öftere längere Aufenthalt des Statthalters in Wermsdorf hatte auch eine erhöhte Geselligkeit im Schlosse zur Folge. Viele bekannte hohe Personen, auch der König, fanden sich immer wieder in Wermsdorf ein. Die Glanzzeit für Wermsdorf war angebrochen und sollte sich noch immer steigern.
Als Fürstenberg 1717 durch einen Schlaganfall dahingerafft worden war, kaufte der König die gesamte Jagdeinrichtung für seinen jagdliebenden Sohn, den Kurprinzen Friedrich August und machte alle möglichen Anstalten zur Errichtung einer stattlichen Hofhaltung für diesen. Die gesamte Equipage bestand damals aus zweiunddreißig Jagdbediensteten, siebenundvierzig Pferden und zweihundert Hunden. Als der Kurprinz nach längerer Abwesenheit 1719 aus dem Auslande zurückkehrte, übergab ihm der König die Jagderlaubnis für den Wermsdorfer Forst und die gesamte Einrichtung samt Benutzung des Schlosses. Graf Gall erhielt vom Prinzen die Leitung des gesamten Jagdwesens übertragen.
Bereits im Oktober und November desselben Jahres weilte der junge Kurprinz mit seiner Gemahlin, der Erzherzogin Maria Josepha von Österreich, abermals in Wermsdorf. In diesem Jahre begann die sich mit der Zeit zu einem Volksfest steigernde Feier des Hubertustages durch eine mit größtem Luxus ausgeführte Parforcejagd am 3. November.
Über das Hubertusfest von 1721, das der König besuchte, liegen spezielle Nachrichten vor. Nach der Ankunft des Königs am 2. November früh ging man zur Messe, speiste und brachte den Rest des Tages beim Spiel zu. Am 3. November stellte sich die Jagdparade früh neun Uhr am Forsthause auf. Die Pferde von vierundzwanzig Kavalieren, der kurprinzliche und königliche Reitstall gingen der Gesellschaft voraus, die sich zum Jagen begab. Nur dreiviertel Stunden dauerte dieses, aber es wird als eine »glückliche, lustige, kurze Parforcejagd« bezeichnet. Am nächsten Tage besuchte man Mutzschen und erlegte des Nachmittags beim Streifjagen ein großes Schwein. Das Fest ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil der König seinen Entschluß bekanntgab, »zu besserer Bequemlichkeit Unseres Kgl. Printzen Lbd. einen Bau aufführen zu lassen, der glanzvolleren Anforderungen entsprechen sollte«. Und noch im selben Jahre war es, als auf dem Hügel südlich von Wermsdorf in Gegenwart Friedrich August II., seines Sohnes, des Kurprinzen Friedrich August und zahlreicher hoher Gäste der Grundstein zum Hauptgebäude des neuen Jagdschlosses gelegt wurde. Hubertusburg ward es genannt, dem Schutzpatron der Jagd, Hubertus, zu Ehren. Einen stolzen Plan hatte der Ingenieur und Oberstleutnant Naumann entworfen, dem die Ausführung dieses Baues übertragen wurde. Das größte und schönste moderne Schloß auf Sachsens Boden, ein Prachtbau, wie er damals vielleicht in ganz Europa nicht herrlicher zu schauen war, ging unter Naumanns Leitung seiner Vollendung entgegen. Vier Kompagnien Infanterie schaufelten den Grund, etwa siebenhundert Künstler, Maurer, Zimmerer und Handwerker arbeiteten mit solcher Rüstigkeit, daß schon 1724 der Prinz mit seinem Hofstaat das Schloß zum erstenmal bewohnen konnte.
Das Palais bestand aus einem Mittelgebäude, auf dessen achteckigem Mittelteil ein origineller Turm mit einem riesigen vergoldeten Hirsch als Wetterfahne thronte, und zwei Seitenflügeln. Dadurch war ein Hof gebildet, der nur nach Osten offen war. Die Front des Palais war dem Horstsee zugekehrt, und man überschaute von ihr aus den vom Kgl. Kunst- und Lustgärtner Perisch sehr kunstvoll terrassenförmig eingerichteten, mit vielen Bassins, Springbrunnen und Bildsäulen gezierten Garten, der als einer der schönsten Sachsens bezeichnet wird. Links im Mittelbau war eine katholische Kapelle eingebaut. Sie war dem Hubertus geweiht und durch die über dem Altar von Balthasar Permoser in Stuckmarmor dargestellte Bekehrungslegende geziert. Rechts befand sich im ersten Stockwerk der durch zwei Etagen hindurchgehende, herrliche Hubertussaal mit hohen Bogenfenstern. Breite Sandsteintreppen führten zu beiden Seiten bis unter das gebrochene, mit Kupfer gedeckte Dach, von dem die Götter des Olymp in zahlreichen Statuen herabblickten. Überall war Glanz und Pracht. Dem Hauptschloß entsprechend waren die umfangreichen Seitengebäude, die beiderseits am Hauptpalais beginnend, den großen äußeren Schloßhof umgrenzten. Da waren die beiden H-förmigen langen Gebäudereihen parallel zum Hauptflügel des Schlosses, deren Querverbindungen den Schmiedehof mit dem Wermsdorfer Tor im Norden und im Süden den deutschen Jägerhof mit dem Reckwitzer Tor vom großen Hof trennten. Als Gebäudeabschluß stand je ein schöner Pavillon, deren einer später durch Graf Brühl bemerkenswert wurde und seinen Namen »Brühlscher Pavillon« noch heute hat. Im Osten war die Haupteinfahrt, das Oschatzer Tor mit der Zugbrücke, links und rechts weitere Gebäude und Pavillons. In letzteren wohnten zumeist Offiziere, in den langen Gebäuden waren unten Pferdeställe, Hundeställe und Wagenschuppen, oben Räume für die Bediensteten. Links vom deutschen Jägerhof befand sich der französische mit zwei einander parallel laufenden Reihen von Wohn- und Stallgebäuden, und links vom großen Hof, hinter dem Schmiedehof, lag der große Geschirrhof mit einem Waschhaus, einer Bauscheune, Pagenställen, Wohnungen und dem Wasserhaus. Durch eine doppelte Rohrleitung wurde das Wasser aus einer Entfernung von mehr als einer halben Stunde in den Behälter des Wasserhauses geführt, und von hier aus in die Bassins des Schlosses und des Gartens verteilt.
Bereits 1724 wurde also, wie oben erwähnt, das Hubertusfest im neuen Schlosse prächtig gefeiert, und viele Verwandte des Prinzen, sowie polnische Prälaten und Woywoden, deren Gunst der Kurprinz zur dereinstigen Nachfolge in Polen erlangen sollte, hatten sich dazu eingefunden. Infolge des größeren Umfanges der Räumlichkeiten konnte auch die Jagdeinrichtung noch mehr vergrößert werden. Es wurde bestimmt, daß ihr bis zu vierzig Personen, fünfundsechzig Pferden und zweihundertfünfzig Hunden anzugehören hätten. An Galls Stelle trat in der Leitung der Jagdequipage der später so berühmt gewordene Graf Sulkowsky.
Abb. 3. Im Schloßpark zu Wermsdorf
Seit dem Bestehen einer Hofhaltung in Wermsdorf war die Bewachung des Schlosses durch eine Invalidenkompagnie versehen worden. 1729 wurde an deren Stelle eine eigene Truppe zur Bewachung der Hubertusburg eingerichtet. Keiner der einhundertvierzig, später zweihundertvierzig Grenadiere und ihrer Vorgesetzten durfte unter fünfundsiebzigeinhalb Zoll (= etwa ein Meter 80 Zentimeter) groß sein. Sie unterstand völlig dem Kurprinzen und hatte ihren Sitz zunächst in Oschatz. Die ablösende Wache mußte also einen fast dreistündigen Weg zurücklegen. Die Uniformen dieser Leibgarde waren erst rot und gelb, später rot und grün. 1744 wurde sie aufgelöst.