Abb. 4. Hubertusburg. Ostflügel, erbaut 1739

Die seit 1727 oft leidende Gesundheit August des Starken erlaubte ihm nur noch selten das ermüdende Vergnügen der Parforcejagd. Desto eifriger pflegte sie der Kurprinz. Und wenn er auch immer zwischen Hubertusburg, Dresden und Moritzburg wechselte, Hubertusburg blieb der Hauptplatz der Jagden und sah alljährlich das glänzendste Hubertusfest. Beim längeren Aufenthalte war die gleichfalls jagdfreudige Kurprinzessin seine getreue Begleiterin, die der Parforcejagd im Amazonenkleide zu Wagen zu folgen pflegte. Vom Jahre 1736 ist uns eine sehr interessante Aufstellung des gesamten Jagdzuges erhalten, die ich folgen lassen möchte. Zwei Förster und ein Oberförster ritten voran. Ihnen folgten die Handpferde der Jagdpagen, Minister und Kavaliere; der Jagdinspektor Seyffert; die Parforcepferde der Besuchsjäger sowie des Barons von Feullner und des Grafen Sulkowsky; der Sattelknecht, Roßarzt und Bereiter von der Jagdequipage; zwölf königliche Handpferde, von Reitknechten zu Pferde geführt; der Sattelknecht, Roßarzt und Bereiter vom königlichen Stall; ein Kosake; der Hoftaschenspieler Fröhlich und Baron Schmiedel; die Piqueure; die Besuchsjäger mit den Hunden; der Jagdpage von Nostitz; der Jagdjunker von Wehlen; Feullner, Sulkowsky, der König, der Herzog von Sachsen-Weißenfels, Graf Moritz von Sachsen und die Gesandten. An diesen pomphaften Zug schlossen sich noch an die polnischen Herren, die Minister, Oberchargen, Generäle, Kammerherren, Obersten, Kammerjunker; Oberforstmeister und andere Kavaliere von Zivil und Militär, sämtlich zu Pferde. Im Wagen folgten die Königin mit den zwei ältesten jungen Prinzen, die Hofdamen, die Kavaliere der Königin und der Prinzen. Den Schluß machte der Schirrmeister mit zwei Wurstwagen.

Abb. 5. Hubertusburg. Gartenfigur. (Der Herbst)

Obgleich das Schloß für vollendet gelten konnte, wurden in ihm doch immerfort Verschönerungen vorgenommen. Oberlandbaumeister Knöffel war zumeist in Hubertusburg anwesend und richtete z. B. 1738 zwei Zimmer mit kostbaren Spiegeln, wertvollen Bildhauer- und Vergoldungsarbeiten ein. Aber der Nachfolger August des Starken, König Friedrich August II., wollte die Hubertusburg noch großartiger gestalten, und Graf Brühl schaffte unbedenklich die Mittel zur Vollendung des Baues aus dem ohnehin schon arg verschuldeten Sachsenlande herbei. Da wurde denn mit der Ausführung der neuen Pläne auch nicht lange gezögert. 1739 riß man plötzlich fast das gesamte Hauptschloß wieder ab und führte einen neuen Hauptteil mit Turm auf der bisher unbebauten Seite des inneren Hofes auf. Die beiden Seitenflügel führte man an dieses heran und verband sie gegenüber dem neuen Hauptflügel wiederum. Der innere Hof war somit allseitig von hohen Gebäuden umschlossen, ein gewaltiger quadratischer Komplex erhob sich an Stelle des zierlicheren Schlosses, das Naumann gebaut hatte. Entsprechend dem ovalen Risalit des Hauptflügels, das der Turm krönte, schloß man den äußeren Hof nach Osten zu durch zwei Rundflügel ab und baute entlang der Anfahrt Kasernen für die Leibgarde. Hunderte von Arbeitern förderten das Werk mit solchem Fleiße, daß bereits 1742 die neue Front mit dem zierlichen, luftigen Turm fertig stand, auf dessen höchster Spitze wieder der stark vergoldete Hirsch als Wetterfahne glänzt. Ein prachtvoller runder Saal, der kleine Hubertussaal, mit glänzender Marmorwand und kunstreichen Gemälden, lag in der Mitte über dem großen runden Portale, durch zwei Etagen sich erhebend. Bis auf den marmornen Fußboden herab reichen die großen Bogenfenster, die als Türen auf einen Altan führen, der eine weite Aussicht nach der Oschatzer Gegend bietet. Weithin tönten die harmonisch eingestimmten Glocken durch die großen bogenförmigen Öffnungen des Turmes, dessen Seitenwände wie vier starke Säulen dastehen und sich erst oben wieder vereinigen, um das Dach zu tragen. Die große Uhr zu Füßen des Turmes wurde von vielen als großes Kunstwerk gepriesen. Die ganze linke Hälfte des Hauptflügels war der katholischen Kapelle gewidmet, welche Silvester, Torelli und Grone mit Kunstwerken schmückten und die noch heute im gleichen Zustand erhalten ist. Zwei hohe Säulengänge im Innern tragen die Emporen, alle Wände sind von glänzendem Gipsmarmor. Der Hochaltar ist eins der besten Werke des Lorenzo Mattielli, und die Kanzel bezeichnet Gurlitt als eines der schönsten Stücke sächsischen Rokokos. Ein schwebender Engel scheint sie zu tragen, zierliche Putten beleben das ganze Meisterwerk. Neben dem Hochaltar, dessen Stufen von sächsischem (Crottendorfer) Marmor sind, stehen noch zwei Seitenaltäre, deren einer das Bild des Hubertus und des ihm mit dem Kreuz des Erlösers im Geweih erscheinenden weißen Hirsches, deren anderer das Bild der Ida von Toggenburg mit dem ihr leuchtenden Hirsche trägt. Beide Gemälde sind von Sylvester. Aus der früheren Schloßkapelle wurden vier weitere treffliche Bilder des Torelli übernommen. Das vielbewunderte Deckengemälde von Baptist Grone stellt auf einer Fläche von vierhundert Quadratmetern die Hubertussage dar.

Abb. 6. Hubertusburg. Blick auf den Schloßhof mit Oschatzer Tor
Im rechten Rundflügel der Friedenssaal

Rings um das ganze Schloß wurden in Höhe des Dachgeschosses Reliefs und Standbilder angebracht. Vorn lagern links und rechts vom Turm Mars und Minerva, in der Mitte prangt das Reichsvikariatswappen. (König August war um diese Zeit Reichsvikar.) Im Hofe stehen inmitten prächtiger Anlagen noch heute zwei schöne Steinvasen und Darstellungen der vier Jahreszeiten (nach Gurlitt dem Permoser sehr nahestehende Arbeiten, wahrscheinlich aber von Joh. Christ. Kirchner etwa 1720).