Abb. 7. Hubertusburg. Der Brühlsche Pavillon
Auch während des Neubaues wurden sowohl die tageweisen Besuche des Königs als auch die glanzvollen Frühjahrs- und Herbstfeste des Hofes in Hubertusburg nicht unterbrochen. Nicht allein die Minister mit ihren Gemahlinnen, der Hofstaat der Majestäten, die Prinzen und Prinzessinnen, die Damen und Kavaliere, sondern auch das diplomatische Korps, zahlreiche Eingeladene aus den ersten Kreisen der Gesellschaft waren wochenlang anwesend, sämtlich in den Schloßräumen untergebracht, festlich bewirtet und durch Jagd, Konzert und Theater unterhalten. In einem Teil des Gartens hatte man den Opernsaal erbaut, der ein schöner, sehr interessanter Holzbau gewesen sein soll. Leider ist heute kaum noch bekannt, wo er gestanden hat. Dort klangen Kapellmeister Hasses Töne von der Bühne, und seine Frau, die »göttliche« Faustina, entzückte durch ihren himmlischen Gesang. An anderen Tagen wieder stellten die comici italiani ihre Burlesken dar. Bis auf das Hassesche Ehepaar, das im Schlosse wohnen durfte, hatte die Künstlerwelt ihren Wohnsitz in Wermsdorf, wo ihr Haus und das Kaffee, in dem sie verkehrten, noch heute leicht als aus dieser Zeit stammend zu erkennen sind.
Abb. 8. Inneres der katholischen Kirche Hubertusburg
Nach Sulkowskys Sturz 1738 hatte Baron von Feullner die erledigte Kommandantenstelle übernommen, und Graf Brühl war im Staate an des Ministers Stelle getreten. In Hubertusburg bewohnte Brühl den nach ihm benannten Pavillon rechts vom Schloß, der durch einen verdeckten Gang mit den Gemächern des Königs im Nordflügel verbunden war. Brühl bemühte sich stetig, Verbesserungen der Jagdeinrichtung und am Gelände einzuführen. Oberst Fürstenhoff mußte 1740 neue Jagdalleen anlegen, »um uns des Parforcejagd-Plaisirs führohin mit mehrerer Bequemlichkeit bedienen zu können«, und diese sollten 1741 bereits fertig sein. Die schwierige Aufgabe wurde gelöst, und der Kurfürst konnte sich überzeugen, daß auf den neuen Alleen »sicher zu reiten und zu fahren fest und tüchtig« war. Ferner war beabsichtigt, den Horstsee in das Gebiet des Schloßgartens einzufügen und Wasserspiele, Feuerwerke und ähnliches auf ihm zu veranstalten. Jedoch der ausbrechende Siebenjährige Krieg machte allen Erweiterungsplänen und Jagdbelustigungen ein Ende. Im Jahre 1755 fand das letzte Hubertusfest zu Hubertusburg statt. Als der König und die Königin 1756 von der Leipziger Messe nach Dresden zurückreisten, übernachteten sie im Schlosse, ahnungslos der traurigen Jahre, die da kommen sollten. Nicht der König, nicht die Königin sahen ihr geliebtes Jagdschloß jemals wieder, auch Graf Brühl hat es nie wieder betreten.
Abb. 9. Hubertusburg. Ehemaliges Arbeitshaus für Frauen, später Landeshospital
Friedrich der Große hatte 1759 Berlin aufgeben müssen, Kroaten und Kosaken wüteten in den Straßen. Noch ärger trieben es leider aber die Sachsen in Charlottenburg. Sie raubten dieses aus und schlugen in Trümmer, was sie nicht mitnehmen konnten. Durch seinen Sieg bei Torgau bekam Friedrich II. ganz Sachsen, außer Dresden, in seine Hand. Sein Hauptquartier war in Dahlen. Es ist nicht zu verwundern, daß er sich für die Zerstörung seines Lustschlosses zu rächen suchte und noch im selben Jahre, 1760, den Befehl gab, das in der Nähe gelegene Jagdschloß Hubertusburg zu plündern. Ein Freibataillon unter dem Oberbefehl des Quintus Icilius (eigentlich Guichard aus Magdeburg, ein französischer Offizier, der in Friedrichs des Großen Dienste getreten war) vollzog diesen Befehl. Wagen auf Wagen rollte beutebeladen der preußischen Grenze zu. Von den Kellern bis unter das Dach wurden sämtliche Vorräte und Prunkgegenstände geraubt. Die herrlichen Gemälde, kostbaren Spiegel und glänzenden Tapeten verschwanden von den Wänden. Die Habgier der beiden Berliner Juden Ephraim und Itzig, an die Quintus Icilius das geplünderte Schloß für zweiundsiebzigtausend Taler verkaufte, vollendete die Zerstörung des Schlosses und des Gartens. Die großen Glocken, die kunstvolle Uhr, das kupferne Dach, die mannigfachen Statuen, alles wurde der Juden Beute. Aus dem gewonnenen Metall ließ Ephraim einen Teil des nach ihm benannten schlechten Geldes prägen, mit dem Sachsen damals überschwemmt wurde. Auch aus den Seitengebäuden, namentlich aus dem prachtvoll eingerichteten Brühlschen Pavillon, wurde alles Wertvolle weggenommen. Die stark vergoldeten Schlösser und Bänder, Riegel und Beschläge der Türen und Fenster wurden abgerissen und die schweren Vergoldungen an Türen und Verkleidungen der Wände durch Berliner Arbeiter abgekratzt und chemisch zersetzt. Die Zerstörungswut griff auch auf die von den Soldaten verschonte Kapelle über. In der königlichen Loge hatte man begonnen, Schlösser, Draperien und Goldleisten abzureißen. Da eilte der damalige Hofkaplan Norbert Schubert nach Dahlen ins Hauptquartier und erreichte nach langem Bitten die Erhaltung des Heiligtums. – Das kostbare Mobiliar des Schlosses ward verkauft. Aus den Händen der Juden gingen die Schätze der Hubertusburg in den Besitz der Meistbietenden über. In dem Schlosse Carnin in Pommern wird ein Zimmer das »Hubertusburger« genannt, weil dessen gesamtes Mobiliar aus Hubertusburg stammt.
Die Parforcejagdequipage war natürlich durch den Krieg ebenfalls in die traurigste Lage geraten. Die Pferdeställe standen leer, der Bestand des Hundezwingers ging immer mehr zurück, das Wild schossen feindliche Soldaten und die Bauern schonungslos nieder, die Forstbedienung wurde nach Warschau befohlen. Am Ende des Krieges war der Hundebestand bis auf neun Hirsch- und drei Leithunde zurückgegangen, sodaß die Equipage schließlich völlig aufgehoben wurde. – Als endlich 1762 Friedensverhandlungen angebahnt wurden, wählte man zur Abhaltung des Friedenskongresses das Jagdschloß Hubertusburg, das nebst seinem Gebiete durch eine öffentliche Verfügung für neutral erklärt wurde. Im Dezember kamen die bevollmächtigten Minister von Preußen, Sachsen und Österreich hier an; aber im ganzen Hauptpalais war kein Raum, der sie hätte aufnehmen können. In der Mitte des dem Schlosse gegenüberliegenden rechten Rundflügels fanden sie noch neben der Amtswohnung des katholischen Geistlichen einen Saal, in dem sie ihre Verhandlungen abhalten konnten. Bald nach der Unterzeichnung des Friedens starb der König und sein Sohn und Nachfolger Friedrich Christian auch zu bald nach ihm, als daß er bei der allgemeinen Erschöpfung an die Wiederherstellung des zerstörten Friedensschlosses hätte denken können.
Zunächst stand das Hauptgebäude nun lange Zeit leer; zu Jagdzwecken wurde es nie wieder und die Nebengebäude erst nach 1815, aber selten und nur kurze Zeit verwendet. Die zahllosen Räume des verwüsteten Palais wurden ab 1791 als Militärmagazin eingerichtet. Mächtige Getreidehaufen drückten die Fußböden, auf denen die Großen des Landes so prächtig einhergeschritten, füllten die Räume, die nur Feste zu sehen gewöhnt waren. Bis 1873 blieb Hubertusburg in diesem Zustand, mit Ausnahme der Jahre 1813 bis 1815, während derer es als Lazarett diente. Viel Elend hat es da sehen müssen. Freund und Feind lagen beieinander, und nur wenige kamen wieder heraus, Tausende starben hier infolge der oberflächlichen Behandlung an ihren Wunden oder Krankheiten. Man scharrte sie ein, alle zusammen, im Lindigt unweit des Horstsees. Etwa zehntausend sollen dort liegen, wohl meist Franzosen, wie der Platz, der 1913 mit einem schlichten Denkstein geziert wurde, auch heute noch den Namen »Franzosengrab« führt. Der Einrichtung Hubertusburgs als Lazarett haben wir es sicherlich zu danken, daß es von weiteren Verwüstungen verschont blieb. Denn die Tatsache, daß es Kranke barg, genügte, vorüberziehende Truppen von seinen Toren abzuhalten. Auch gelang es, wie schon 1760, glücklicherweise auch diesmal, die Kapelle zu retten. Diese sollte mit Kranken belegt werden. Der Kapellendiener Venus führte die maßgebenden Offiziere in den heiligen Raum, der in hellem Kerzenglanze strahlte. Die Offiziere waren von dem Eindruck so überwältigt, daß sie ohne weiteres die Schonung zusagten und den Bau weiterer Holzbaracken auf dem Schloßhof befahlen.