Nach 1815 bekamen pensionierte Beamte und Offiziere in Räumen des Schlosses und der Nebengebäude sogenannte Gnadenwohnungen angewiesen; aber noch viel leerer Raum war vorhanden und verlockte zur Einrichtung aller möglichen Institute. Zunächst verlegte man in die Gebäude am Reckwitzer Tor ein Landesgefängnis, das vielfach politische Gefangene barg. Unter anderen verbüßten Bebel und Liebknecht Teile ihrer Strafzeiten hier. Auch wird erzählt, daß Ernst Keil seinen Entschluß zur Herausgabe der Gartenlaube in einer Hubertusburger Zelle faßte. Von 1834 ab wurden die verschiedensten Landesanstalten in den Nebengebäuden untergebracht, z. B. ein Landeshospital, Landeskranken- und Siechenhaus, eine Irrenversorganstalt, das Arbeitshaus für Frauen, eine Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder, die sogenannten »Pensionär-Korrektionär-Institute« zur Besserung verwahrloster Söhne bemittelter Eltern und die Blindenvorschule. Die Strafanstalten wurden jedoch im achten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts wieder aus Hubertusburg verlegt, und heute sind nur noch Heil- und Versorganstalten vorhanden.

Ehe wir jedoch auf die Schilderung des gegenwärtigen Zustandes zukommen, müssen wir noch auf ein Unternehmen näher eingehen, das in der Geschichte von Hubertusburg eine bedeutende Rolle gespielt hat: die Steingutfabrik.

Nach dem Siebenjährigen Kriege war die Bevölkerung Sachsens so verarmt, daß sie nicht mehr imstande war, für den täglichen Gebrauch das teuere Porzellan zu verwenden. Man kaufte also, da in Sachsen nichts anderes, billigeres, fabriziert wurde, meist von auswärts eingeführte Steingutwaren, besonders die beliebte Delfter Fayence. Nun war es aber einem Maler der Meißner Porzellanfabrik namens Tönnig nach eingehenden Versuchen gelungen, ein dieser Delfter Fayence ähnliches Fabrikat zu erzeugen. Er bat am kurfürstlichen Hof um Unterstützung zu weiterem Ausbau seiner Erfindung, die ihm auch bereitwilligst gewährt wurde, da man sofort erkannte, daß es sich dabei um eine neue Erwerbsmöglichkeit für die Bevölkerung handelte. 1770 wurde ihm von Kurfürst Friedrich August III. die Erlaubnis zuteil, sich in Hubertusburg niederzulassen und einen Teil der Schloßgebäude, den Jägerhof und den daran gelegenen Hundezwinger, zu Fabrikräumen umzuwandeln. Aber der gewünschte Erfolg blieb aus. Die Geschirre bekamen zwar eine gefällige Form, aber das Material zeigte viele haarfeine Risse und die Bevölkerung klagte über zu leichte Zerbrechlichkeit der Gegenstände. Tönnig wollte das Unternehmen schon aufgeben, als sich der Oberstallmeister Graf von Lindenau seiner annahm. Der Mißerfolg lag daran, daß die hiesige Tonerde nicht den Anforderungen entsprach, die an sie gestellt wurden. Denn Lindenau entließ Tönnig und stellte einen Mann namens Förster ein, der sich nicht auf das hiesige Material verließ, sondern von Dresden Tonerde mitbrachte, und sein Werk daher mit dem schönsten Erfolg begann. 1776 übernahm der Kurfürst die Fabrik, die unter der Leitung des Grafen Marcolini mit Förster als Inspektor weitergeführt wurde. Aus der ersten Zeit haben sich nur wenige buntbemalte Stücke von gelblichem Material erhalten.

Abb. 10. Hubertusburg. Teil der ehemaligen Strafanstalt für politische Gefangene
Vorn Wohnung des Strafanstaltsinspektors

Inzwischen verdrängte das von Engländern erfundene Steingut die Fayencewaren und damit auch das Hubertusburger Fabrikat vom Markte. Förster gelang die Nachbildung der neuen Art nur unvollkommen, jedoch konnte er jetzt gefälligere Formen bilden und stellte nach Meißner Vorbildern, aber auch nach eigenen Mustern geschickter Arbeiter feine Geschirre und Vasen her. Es kam soweit, daß sogar Meißen die Konkurrenz Hubertusburgs fürchtete und beim Kurfürsten durchsetzte, daß dort nur bestimmte Formen hergestellt werden durften.

Abb. 11. Horstsee, Hubertusburg und Collm bei Oschatz

Nach Marcolinis Tode kam das Unternehmen unter die Direktion der Meißner Porzellanfabrik, und stand während der Kontinentalsperre in höchster Blüte; aber nach deren Aufhebung eroberten sich die Engländer in geschickter Weise das verlorene Absatzgebiet zurück, zumal da die kaufmännische Verwaltung der Hubertusburger Fabrik völlig versagte. Auch die Klagen der Bevölkerung über leichte Zerbrechlichkeit und unvorteilhaftes Aussehen durch die vielen Haarrisse des Steinguts waren keineswegs verstummt.