»Nun, Alte,« sagten sie. »Sie haben das Kind gestohlen. Das haben wir gut gemacht. Jetzt, in zwei oder drei Wochen, werden wir viel Geld für das Kind bekommen. Haben Sie noch etwas gestohlen?«
»Ja wohl,« sagte die alte Frau. »Ich habe das Bild da gestohlen. Sehen Sie, es ist mit Perlen und Diamanten besetzt. Es ist sehr viel wert.«
Der älteste Räuber nahm das Bild aus der Hand des Kindes, das sogleich wieder zu weinen begann und laut: »Mutter, Mutter!« schrie.
Der Räuber sagte endlich, als er des Schreiens müde war:
»Nun, böses Kind, Du sollst die Mutter wieder haben!« und er gab ihm das Bild wieder. Das Kind weinte nicht mehr, es küßte das Bild und lachte.
Der kleine Heinrich blieb einige Wochen in der Grube. Eines Abends kamen die Räuber traurig nach Hause und sagten:
»Nun, es ist doch schade, daß wir das Kind gestohlen haben. Wir werden es hier behalten müssen, denn der Bürgermeister hat soeben beschlossen, daß Kinderräuber jetzt mit dem Tode bestraft werden sollen. Das Kind soll nie wissen, woher es kommt. Es soll denken, daß es unser Kind ist, und wenn es groß genug ist, soll es auch Räuber werden. Aber jetzt muß es fünf oder sechs Jahre hier im Berge bleiben.«
Da die alte Frau doch zu alt war, um viel hinaus zu gehen, blieb sie auch im Berge mit dem Kinde. Der kleine Heinrich spielte, aß, trank und schlief da im Berge, und da er nichts anderes kannte, war er immer zufrieden. Die alte Frau, die ihm nicht nachgehen wollte, lehrte ihn die Finsternis fürchten, und so blieb er immer bei der Lampe und ging nie in die vielen Gänge. Als er größer wurde, spielte er oft mit dem jüngsten unter den Räubern, einem guten jungen Mann, der auch als Kind entführt (gestohlen) worden war, und rauben mußte, obgleich er es nicht gern that.
Dieser Jüngling war dem Kleinen gut, und jeden Morgen, wenn er wieder in die Höhle kam, brachte er dem Knaben ein Spielzeug. Er brachte ihm ein hölzernes Lamm, eine Schere und bunte Papiere, und lehrte ihn, Blätter und Blumen daraus zu schneiden.
Das Kind wurde sieben Jahre alt, und doch wußte es nichts von der schönen Welt draußen. Es kannte nichts als die Höhle, die Räuber, die alte Frau und das Leben im Berge.