Brandkorn wird zu Gelde.
In einem Hungerjahr kamen zwei arme Kinder, ein Mädchen und sein Bruder, aus dem Münsterthal zu einem reichen Bauer und baten ihn um Brod. Barsch abgewiesen, warteten sie vor dem Hause, bis das Tischtuch zum Fenster hinaus ausgeschüttelt wurde, wo sie dann die Bröslein auflasen und verzehrten. Hierauf gingen sie in die Scheuer, worin gedroschen ward, und suchten die Brandkörner zusammen, um sie ihren Eltern zu bringen. Auf dem Heimweg wurde dem Mädchen die Schürze und dem Buben die Kappe, worin sie das Brandkorn trugen, sehr schwer, und als sie sie zu Hause ausleerten, fiel zu ihrer und ihrer Eltern großen Freude lauter Geld heraus. Nachdem der reiche Bauer dies erfahren hatte, ließ er die übrigen Brandkörner auch sammeln und aufbewahren; allein dieselben wollten sich nicht in Geldstücke verwandeln.
Messen nachgeholt.
Zu Staufen schlief einmal ein Knabe unter dem Abendgottesdienst ein und wurde beim Zuschließen der Kirche nicht bemerkt. Er erwachte erst in Mitte der Nacht und sah am Altar einen Geistlichen im Meßgewand, der ihm winkte, hinzukommen. Unerschrocken ging der Bube zu ihm und diente, auf dessen Begehren, ihm Messe. Als sie zu Ende war, sagte der Priester dem Knaben, er solle morgen um dieselbe Zeit sich wieder hier einfinden. In der Frühe vom Küster aus der Kirche gelassen, offenbarte der Bube das Geschehene alsbald dem Pfarrer, der ihm rieth, dem Begehren des Geistes in Allem zu willfahren, demselben jedoch, wenn er sich bedanke, nicht die Hand, sondern den rechten Rockflügel zu reichen. Diesem folgend, diente der Knabe in der nächsten Nacht dem Priester abermals Messe und, auf dessen Bestellung, auch in der dritten Nacht. Nachdem das letzte Evangelium gelesen war, sprach der Geist zu dem Buben Folgendes: »Aus meinem Leben her war ich noch schuldig, drei Messen zu lesen, und ich konnte nicht zur ewigen Ruhe gelangen, bis ich sie abgehalten. Durch Dich ist mir dieses nun möglich geworden; ich danke Dir dafür und gehe jetzt ein in die Seligkeit, wohin Du mir bald folgen wirst.« Hierauf legte er seine Hand auf den Rockflügel, welchen der Knabe ihm hinhielt, und verschwand. In den Rock hatte sich die Hand schwarz eingebrannt, weßhalb er, als Merkwürdigkeit, in der Kirche aufbewahrt wurde. Der Bube war fortan stets in sich gekehrt und bereitete sich zu seinem Tode, welcher auch in kurzer Zeit erfolgte.
Weiße Jungfrau.
Vor sechszig Jahren sah ein Bube vom Rothenhof, als er zum ersten Male mit dem Vieh in den dortigen Bergwald fuhr, auf dem Troge des Tränkbrunnens eine weiße Jungfrau sitzen, die ihm hinwinkte. Erschrocken eilte er auf den Weideplatz zu den andern Hirtenknaben und erzählte ihnen, was ihm begegnet. Sie sagten ihm, die weiße Jungfrau sey schon oft da gesehen worden, und wenn sie ihm wieder winke, solle er nur zu ihr gehen. Am andern Tage that er dies und wurde von ihr mit folgenden Worten angeredet. »Du kannst mich aus diesem Gebirge befreien, in welchem ich schon zweihundert Jahre umgehe, und mir zum Himmel verhelfen. Komm' heute Nacht um zwölf Uhr wieder hierher, dann wirst Du von mir erfahren, was Du zu meiner Erlösung zu thun hast!« Nach diesem war sie verschwunden. Zur bestimmten Zeit kam der Bube zu dem Brunnen, auf dessen Trog der Geist wieder saß und sprach: »Geh' jetzt dort in den Wald und hole mir den goldenen Kelch her, den Du unter einer großen Tanne finden wirst. Es geschieht Dir kein Leid; Du darfst aber weder ein Wort sprechen, noch Dich durch etwas irren oder schrecken lassen. Habe ich den Kelch, dann fülle ich ihn hier am Brunnen, trinke ihn aus und bin erlöst.« Gutes Muthes machte sich der Knabe auf den Weg und kam richtig zur Tanne, worunter der Kelch sich befand. Da hörte er in der Luft ein Gesause; er blickte empor und sah über sich einen großen Mühlstein[2] an einem dünnen Faden hängen, welcher sich schnell herumdrehte und auf ihn herabzustürzen drohte. Voll Schrecken stieß er einen Schrei aus und floh über Hals und Kopf zum Brunnen zurück. »Nun ist es um meine Erlösung geschehen!« klagte die Jungfrau, »und ich muß wieder warten, bis die kleine Tanne hier zu einem Sägbaum geworden und aus seinen frisch geschnittenen Brettern eine Wiege für ein neugeborenes Kind gemacht ist. Wenn dasselbe dann Dein jetziges Alter erreicht hat, so wird es mich von meinem Leiden befreien.« Hierauf verschwand die Jungfrau, welche in der Folge wieder öfters am Brunnen gesehen worden ist.
[2] Andere sagen: ein gewaltiges Schwert.