Seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehende unsers jetzigen meist zu Amsterdam gedruckt, besonders bei Jacobus van Egmont, Joannes Kannewet, H. vander Putte, Barent Koene, S. en W. Koene, B. Koene. Viele besaß ich selbst (s. Hor. belg. 2, S. IX–XII), viele fand ich in der kön. Bibliothek zu Berlin, in der Maatschappij van Nederl. Letterkunde zu Leiden (s. Catalogus 1, 310. 311.), bei Hrn. Antiquar Friedrich Müller und Hrn. J. J. Nieuwenhuizen zu Amsterdam und Hrn. Dr. F. A. Snellaert zu Gent. Ihre Anzahl ist sehr groß (vgl. Snellaert’s Vorrede zu Willems bl. XXXVIII–LVIII), die Ausbeute für das eigentliche Volkslied dagegen sehr gering, doch verdienen sie in mancher anderen Beziehung große Beachtung, namentlich in sprachlicher und culturhistorischer, und es ist sehr zu bedauern, dass sie nicht früher schon gesammelt worden sind, aber diese sogenannten blauwboekjes standen und stehen noch jetzt in sehr schlechtem Rufe.
Uhland.
Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder mit Abhandlung und Anmerkungen herausgegeben von Ludwig Uhland. 1. Bd. Liedersammlung. 2 Abtheilungen. Stuttgart und Tübingen, Cotta 1844. 1845. 8o.
Unter niederdeutschen begreift U. auch die niederländischen Volkslieder, die er meistens dem Antwerpener LB. entlehnt hat.
Willems.
Oude vlaemsche Liederen ten deele met de melodiën, uitgegeven door J. F. Willems. Gent, Gyselynck 1848. 258 Lieder. Man hätte glauben sollen, dass ein Mann von so langjähriger litterarischer Thätigkeit, dem so viele Handschriften und Bücher aller Art zu Gebote standen und dem die mündliche Ueberlieferung sich noch so oft darbot, zu einem so weitschichtigen Werke wie das von ihm begonnene Vieles vorbereitet hätte—nicht also! Er starb noch ehe der 20. Bogen gedruckt war und hinterließ nur eine eigene Hs. mit 97 niederl. Liedern (worunter 57 mit Musik), ein handschriftliches Liederbuch v. J. 1635 und einige Sammlungen geistlicher Lieder, Refereinen und Kunstdichtungen, die mehr literarhistorisches als poetisches Interesse haben, vgl. Bibliotheca Willems. P. II. p. 171 ff. Snellaert übernahm die Fortsetzung völlig unvorbereitet (Inleid. bl. XXXII. By Willems’ overlyden was ik er niet op voorbereid, om de zware taek van de voortzetting dezer uitgave op my te nemen.) und muss bei aller Liebe und Verehrung, womit er seinem Freunde zugethan war und blieb, doch gestehen, dass er von W. mehr erwartet hatte (Inleid. bl. XXX. Wat het letterkundig gedeelte betreft, elkeen weet dat Willems meer dan het vierde eener eeuw aen het opzamelen geweest is; en nogtans moet ik bekennen dat zyn byeengebragte schat gering was, in vergelyking van hetgeen hy had kunnen verzamelen, zoo uit boeken als onder ’t volk in de steden en te platte lande.—Aenteekeningen liet Willems weinig na: zyn werk zat hem in ’t hoofd. Wat hy had opgeschreven, was grootendeels voor hem alleen bruikbaer.) Snellaert wusste sich zu helfen: was er von alten Volksliedern Gutes gibt, hat er den Horae belg. P. II. und Uhland entlehnt; neuere Volkslieder theilt er nur wenige mit nach mündlicher Ueberlieferung und neueren Volksliederbüchern. Die willkürlichen Aenderungen in den ersten Liedern des Buches fallen nicht ihm, sondern Willems zur Last, der überhaupt in einer Art und Weise verfuhr, die sich von Einem Standpunkte aus nur billigen lässt: wenn man nämlich die alleinige Absicht hat, das Alte dem Geschmacke und Verständnisse der Neuzeit zugänglich zu machen.
Das Neue und Eigenthümliche, welches die Willems-Snellaertsche Sammlung mir für meinen Zweck bot, habe ich dankbar benutzt.
Wie groß der Volksliederreichthum gewesen sein muss, können wir einigermaßen ermessen aus den vielen geistlichen Liedern, die auf weltliche Liederweisen gedichtet wurden. Statt der Musik genügte den Anfang des weltlichen Liedes mitzutheilen. Schon früher (Hor. belg. 1, 111–116 und 2, 82–86) hatte ich auf diese Liederanfänge aufmerksam gemacht. Später hat Mone[5] eine größere Anzahl derselben zusammengestellt.
Da es für die Geschichte der Volksdichtung sehr wichtig ist, zu erfahren, welche Lieder und wann sie schon vorkommen, so will ich die Anfänge, welche nach meiner Ansicht Volksliedern angehören, mittheilen und zwar mit der frühesten Jahrszahl ihres Vorkommens. Die Jahrszahl bei jedem Liederanfange deutet auf das Werk hin, worin der Anfang als Weise steht. Die Klammer [ vorn bedeutet, dass es nicht der Anfang der ersten Strophe eines Liedes ist.