Das möge unsere Schulbehörden zur Nachahmung aneifern! Soll doch mit der Reform auf allen Gebieten auch an dieser schon längst neuerungsbedürftigen Stelle eingesetzt werden. Statt der äußerlich und innerlich recht minderwertigen Lesebücher, die in fortwährend sich wiederholenden Neuauflagen doch immer von gleichem Unwert bleiben und jahraus jahrein zum Nutzen einiger Interessierter, aber sehr zum Schaden der Allgemeinheit ein gut Stück des Volksvermögens verschlingen, sollte man dem Kinde mit einer Auswahl lesenswerter Stoffe gute Wiedergaben dieser Fabelbilder geben und so die echte Kunst Otto Speckters in jedes Haus tragen.

Verhältnismäßig gehören ja die Fabeln zu den Arbeiten des Künstlers, die auch heute nicht ganz aus dem Gebrauch geschwunden sind.

Drum ist bei der vorliegenden Schau über das illustrative Gesamtwerk Speckters die Auswahl nur auf die schönsten und charakteristischsten der Fabelbilder beschränkt worden.

Es erübrigt sich, darüber viel Worte zu verlieren. Die Dinge sprechen für sich selbst. Zu betonen ist nur, abgesehen von der Art, wie das Wesentliche in Haltung und Ausdruck der Tiere gepackt ist, daß auch das scheinbare Nebenher, das Stückchen Umgebung, bald Hühnerhof und Hundehütte, bald Weidicht und Ried, bald Dachtraufe und Schornstein, mit wenigen meisterlichen Strichen gegeben ist. Man betrachte nur die ziehenden Störche mit der in der Vogelperspektive ruhenden Kleinstadt oder den Himmelsausschnitt mit den Papierdrachen, und man wird sich dem volksliedhaften Stimmungsgehalt dieser Zeichnungen nicht entziehen können.

Das Tierleben bildet auch das Stoffgebiet bei den weniger bekannten Kletkeschen Fabeln oder der in nur kleiner Auflage gedruckten „Kynalopekomachia“ des Freiherrn von Rumohr. Bei letzterem Buch ist die zarte und dabei bestimmte Strichführung der graphischen Darstellung von besonderem Reiz.

In den bedeutend späteren Bildern zur Geschichte von Feldmaus und Stadtmaus ist so recht das Tier als Darsteller menschlicher Schwachheiten zum Ergötzen der Kinderwelt vorgeführt. Den Höhepunkt dieser Art symbolischer Tiergestaltung bilden aber die Radierungen zum „Gestiefelten Kater“. Wie hier sein Lieblingstier menschlich zum Menschen sprechend, geradezu ins Dämonische gewachsen, wiedergegeben, dabei aber das spezifisch Katerhafte getroffen ist, das gehört zu den meisterlichsten Leistungen Speckterscher Kunst, ja unserer deutschen Illustrationskunst überhaupt. Alles Menschliche an Figuren tritt naturgemäß hinter dem Helden der Märe zurück; aber auch dieses und das Räumliche ist mit der Speckter eigenen Einfühlung in den Stoff gegeben. Das prachtvolle Blatt, das den Kater vor dem Hexenmeister zeigt, erinnert in seiner faustartigen Szenerie entfernt an Oldachs „Zwiegespräch zwischen Mephisto und dem Schüler“ aus der Hamburger Kunsthalle.


GRÖSSERES BILD

Anklänge an Philipp Otto Runge finden sich in den Illustrationen zu Andersens Märchen, was nicht verwunderlich ist, da ja Speckter in jungen Jahren die symbolischen Blumenapotheosen Runges für die Ausgabe von dessen hinterlassenen Schriften lithographierte und auch sonst im Banne des genialen Künstlers und Freundes des Hauses gestanden haben mag.

Im übrigen ist es immer wieder die Naturanschauung, die ihn davor bewahrt, sich auf irgendeine Manier festzulegen.