„Gestatten Sie mir, verehrter Mann, Ihnen mein neuestes Büchlein zu senden, und Ihnen dabei noch nachträglich meine Freude über Ihren Quickborn auszusprechen.

Ich war, als ich das Buch erhielt, mit meiner Familie eben von Husum nach Potsdam übergesiedelt, um mich bei dem dortigen Gerichte, wie so viele meiner Landsleute, für den Dienst der Fremde vorzubereiten. Noch niemals haben Bilder mir eine solche Freude gemacht: meine Frau und ich vertieften uns ganz darin. Das waren Land und Leute unserer Heimat; das war sogar die Luft, das Wetter von zu Haus. So wie Seite 209 hatte auch ich auf den kleinen Werften die Kinder im Abendschein spielen sehn; und Vollmacht Hansen meinte ich durchaus persönlich gekannt zu haben. Dieses männlichen Stiftes bedurfte es, um das Leben unserer Heimat zur Anschauung zu bringen. Maler und Dichter ergänzen sich hier in seltener Weise, und oftmals geht der Erstere über den Letzteren hinaus und gibt die vollendete Darstellung des Stoffes, wo die Worte des Dichters nicht ausreichten, noch öfterer wetteifern beide an Tiefe und Innigkeit.

Ich sprach dies damals gegen Eggers aus, der das Buch eben in seinem Kunstblatt besprechen wollte, und der, trotz der anfänglichen unwillkürlichen Opposition gegen meinen vielleicht etwas aufdringlichen Enthusiasmus, mir bald völlig beistimmte. Und diese Freude an Ihren Bildern ist noch immer dieselbe, sowie ich das Buch in die Hand nehme. Auch für meine Jungen, die natürlich im Besitz Ihrer Münchener Bilderbogen und des gestiefelten Katers sind, ist es eine unerschöpfliche Fundgrube. Ich erinnere mich lebhaft eines Abends vor drei Jahren, wo ich zum letzten Mal vor meiner Abreise nach hier mit Adolph Menzel und Franz Kugler — mit Letzterem auf Nimmerwiedersehn — in Berlin auf Eggers’ Zimmer zusammen war. Kugler und Eggers hielten auf dem Sopha Kunstgespräche; ich an einem andern Tische zeigte Menzel Ihren Quickborn, den er noch nicht kannte. Das erste Bild, das wir aufschlugen, waren die „Aanten int Water“. Die im Hintergrunde waren ihm zu groß; er kritisierte. Bald aber, als wir weiter blätterten („Dat Moor“ u. A.) wurde der kleine schwarze Mann ganz Feuer und Flamme. Mehrmals nahm er das Buch und lief damit zu Kugler hin. „Sehn Sie mal! Tausend ja! Wie das gemacht ist!“ Dies galt auch dem ersten Bild zu „Peter Kunrad“, was Eggers damals nicht vorzugsweise gefiel. Menzels Freude an Ihren Bildern kam mir nicht unerwartet; denn Sie haben eine Verwandtschaft miteinander, — die große Energie der Anschauung. Nur zweierlei wünschte ich fort: die Hand an „De hilli Eek“ und die Teufelsfratze an dem Baum im Moor (S. 177). Das Gespenstische, was wir aus unserer Stimmung auf die Natur übertragen, dürfte — so meine ich — die Kunst nicht weiter ausdrücken, als daß sie durch die Art der Darstellung die Stimmung in dem Beschauer zu erzeugen sucht, aus welcher sich derartige phantastische Anschauungen der natürlichen Dinge in uns zu bilden pflegen. Doch will ich mich mit dieser Privatmeinung gern bescheiden.

So seien Sie mir denn noch einmal herzlichst gegrüßt; und möge Ihnen Zeit und Gelegenheit werden, Ihre Mitlebenden noch öfter durch Werke von solcher Bedeutung zu erfreuen!

Theodor Storm.“

Zwischen dem Briefschreiber, den das damalige dänische Regiment von seinem Posten als Amtmann in Husum verdrängt und in preußische Dienste geführt hatte, und dem Künstler entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Freundschaft, die sich auch auf die beiderseitigen Familien erstreckte und die auch ihre künstlerische Begleiterscheinung in Speckters Illustrationen zu Storms „Weihnachtsgeschichte“ gefunden hat.

Auch blieb es nicht aus, das er zu Klaus Groth selbst in Beziehung trat, der während des Fortschreitens der Arbeit des öfteren nach Hamburg kam, seine eben fertig gewordenen Gedichte vorlas und seiner Freude über das Gelingen des gemeinsamen Werkes durch Wort und Schrift Ausdruck gab.

Wie ist aber auch alles an den Zeichnungen voll echter Empfindsamkeit! Die Knickwege, durch die Fuhrwerke sich langsam hindurchmühen, die Dünen, der weite Strand, von einzelnen Wasservögeln bevölkert, das unendliche Meer und das kleine, intime Dasein der Dorfstraße, um deren Mulden und Ränder sich die Dorfjugend tummelt. Und Wasser überall, Wasser in den Lachen, die die Ebbe am Strande zurück läßt, Wasser in der Luft, Wasser im Meer und Wasser in den tausend kleinen Rinnsalen, die die Landwege durchfurchen. Und die Menschen, die mit diesem Wasser aufgewachsen sind, von ihm abhängen und ihm ihre Seele verschrieben haben, wie sind sie erfaßt!

Der Tagedieb, der unter dem Baumriesen dahinträumt, bunter Festtrubel, Liebende im Mondschein im schweigenden Anschaun der weißbeglänzten Leichensteine, Kindheit, die nach den Gestirnen greift und das Alter, das sich unter der Last der Jahre krümmt. Nachbarn im Meinungsaustausch beim lauschigen Hauseingang, Weiber beim Tratsch, Sehnsucht der Verlassenen, Unfall und Verbrechen, bis zum letzten bitteren Ende: das ganze Menschendasein wird in diesen Bildern vor dem Betrachter aufgerollt.

Und wie spiegelt sich in Speckters gesamtem Schaffen, nicht bloß im Menschenbilde, in der Landschaft, sondern auch in den nebensächlichsten leblosen Gegenständen das Wesen der Umwelt!