„Es ist wieder ein Speckter da!!“ heißt’s im ersten Jubel, und nachdem der Sehnsucht Worte verliehen sind, in dem Knaben unerfüllte Jugendwünsche verwirklicht zu sehen, geht es weiter: „Gott gebe, daß der Hans, wenn er anfängt zu denken, ein Einiges Deutschland und ein selbständiges Hamburg vorfinden möge.“ Und zum Schluß in rührender Herzensgüte, die politischen Groll nicht über menschliche Beziehungen Herr wissen will: „verzeiht vorgefallene Grobheiten“.

Es ist Speckter noch vergönnt gewesen, den Siegeslauf von 1870 zu erleben. Über seinem Krankenbett war eine Karte aufgehängt, auf der die eroberten Ortschaften mit Fähnchen abgesteckt wurden. Die Befreiung Straßburgs mit seinem symbolischen Münster erfüllte ihn mit innerem Jubel.

An der Kunde von der Ausrufung des Kaiserreichs in Versailles nahm er wohl kaum mehr bewußten Anteil.

Am 29. April 1871 pochte Freund Hein an seine Kammertür, der vertraute Weggenosse deutscher Zeichner von Holbein bis Rethel, und erlöste ihn mit milder Hand von seinen Martern.

So vollendete sich das Leben Otto Speckters, das, wie mich dünkt, von seinem Werke nicht zu scheiden ist.

In seiner Formstrenge beschlossen, in seiner Wirkung in die Weite und Breite gehend, wird es fast zum Symbol der alten deutschen Hansestadt, der er entstammt, und zum Spiegelbild des Bürgertums, aus dem er gekommen, und dem er sich mit all seinen Kräften zu eigen gegeben.

Aus ihm erklärt sich aber auch wieder seine Kunst.

Der Künstler, der auf einem Einzelgebiet bestimmten Problemen nachspürt, mag losgelöst von seiner Umgebung schaffen. Der Illustrator, der eigentliche Schilderer des Lebens, ist in dieser Losgelöstheit nicht denkbar.

Diese von Lebensgefühl gesättigte Kunst, die die Wesensart eines ganzen Landstrichs in keinem Zug verleugnet, aber alle Erscheinungen dieser Umwelt voll erfaßt und so deutet, daß überall, wo Deutsche und Menschen leben, sie als wahrhaftig empfunden werden, konnte nur auf einem Boden und innerhalb einer Gesellschaft erwachsen, die wie das Gemeinwesen der alten Städterepublik in einer auf Überlieferungen fußenden festen Form, politischer und religiöser Weitsichtigkeit den Spielraum läßt, der sie vor Verkümmerung in dogmatischer Enge bewahrt.

Und wo wäre solch Dasein natürlicher als in einer Handelsstadt, die durch tausend Interessen ihrer Bürger mit den entlegensten Gebieten des Weltballs und ebenso mit den widersprechendsten Anschauungen und Sitten der Menschheit verbunden ist.