Das Bürgertum will zwar von seinen Schöpfungen nichts wissen. Diese Künstlerschaft und die heutige Bürgerlichkeit schließen sich auch gegenseitig aus.
Denn jenes Bürgertum, aus dem das Schaffen Otto Speckters erwachsen konnte, ist nicht mehr. Es ist in der Flut der mammonistischen Welle, die im vergangenen Jahrhundert über die Welt hereinbrach, versunken wie Vineta im Meer. Nur in der Stille des Feiertags hört der Kundige aus der Tiefe leise Glockentöne heraufdringen.
Selbstherrlich aus dem Nichts kann künstlerischer Idealismus allein das Wunder einer neuen Kunst nicht wirken. In der Festigkeit der sozialen Struktur sind die Vorbedingungen für eine natürlich gewachsene Kultur zu suchen.
Wie könnte das, was Inhalt und Wesen der Kunst ausmacht: Schönheit, Liebe, Treue, Glaube, Wahrhaftigkeit — wie könnte das anders in der Kunst Form erhalten, wenn es nicht schon im Gemeinschaftsleben der Menschen vorhanden wäre und sich nur in der Kunst zu spiegeln brauchte, ganz gleichgültig, ob dieses Gemeinschaftsleben patriarchalisch im Sinne der alten Familie oder, jetzt noch eine Utopie, in der Form des Kommunismus sich vollzieht. Ein Zusammenleben, das nur den Kampf aller gegen alle bedeutet, kann freilich nach außen nur ein Bild der Zerrissenheit zurückwerfen.
Der neue Geist will sich eine neue Welt bauen, neu in den Grundbedingungen, neu im Wesentlichen und neu in den letzten Auswirkungen. Aber die Voraussetzungen, die einer gewissen Volksart entsprechen, verändern sich in Jahrtausenden nicht viel, in Jahrhunderten nur um ein weniges. Sie sind Herrschaftsakte des Blutes. Die Künste, soweit ihre Legitimation echt ist, überspringen weit auseinanderliegende Zeitspannen und ergreifen einander, vereinigen sich immer wieder zu neuer schönerer Wirklichkeit.
Echt ist ein Kunstwerk, sobald sein Urheber darin sein Bestes gegeben, und darin liegt letzten Endes das Geheimnis seiner Überzeugungskraft. Da mag denn auch das Werk Otto Speckters, das diesen Stempel der künstlerischen Legitimität seines Schöpfers trägt, den Heutigen als Wahrzeichen und Richtschnur dienen für ihren Dienst an der Erhaltung der unsterblichen Wesensart deutscher Formkraft und deutscher Sitte.
Widdersberg, August 1919.
F. H. Ehmcke
Ein Brief Otto Speckters
Hamburg, d 4 August 1848