Eine alte Jugendgespielin erzählt, wie sie die drei Ältesten kennen lernte: Erwin mit Otto um eine Peitsche ringend, bis Hermine diesen Streit durch Fortnahme des Zankapfels schlichtete. Diese größere Schwester führte überhaupt ein strammes und dabei weises Regiment. Als ein andermal ein Paar Schuhe zum Besohlen gebracht werden mußte, wollten die Jungen nicht mit, sollten aber doch unter Aufsicht bleiben. Da schlug Hermine vor, daß jeder einen Schuh wie einen Wagen am Schnürsenkel hinter sich her ziehen möge. Und nun ging’s.

Wenn man in den Familienchroniken blättert, so spiegelt sich darin die ganze harmlose Fröhlichkeit, aber auch der Ernst der Zeit, die den vaterländisch Gesinnten manchen Schmerz und viele Enttäuschungen brachten.

Da sind Schilderungen von Festen, in denen nach altväterischer Sitte von erlesenen Leckerbissen „vielerlei Kuchen, Wein, Bischof und Punsch“, „Bischof und Kuchen im Überfluß“ die Rede ist, wobei den Nichtnorddeutschen unter den Lesern mit dem Kandidaten Jobs gesagt sei, daß der Bischof in diesem Fall „ein sehr angenehmes Getränke“ bezeichnet.

Doch das Materielle überwog keineswegs. Musikalisch war man bei Speckters zwar nicht, aber es wurde viel gelesen und deklamiert. Die Schwestern führten in faltigen Gewändern klassische Theaterstücke auf, denen der große Mappenschrank des Vaters zum Podium diente. Man versuchte sich an Shakespeares Macbeth mit Übersetzungen und las den Tasso mit verteilten Rollen, während die Jungen, allen voran Otto, diese Deklamationen durch einen Höllenlärm, Hundebellen und Katzenmiauen zu stören suchten.

Da die beiden Brüder nach Knabenart stets miteinander in Streit lagen, kam der Vater auf den Gedanken, ihnen Stelzen zu schenken, aber nur ein Paar für beide zusammen. Sie sollten dadurch lernen, aufeinander angewiesen zu sein und sich über die Nutzung gemeinsamen Besitzes zu einigen. Aber Otto, der Springinsfeld, verstand bald auf seiner einen Stelze herumzuhopsen, und dieses Erziehungsmittel war jedenfalls für das spätere innige Verhältnis der beiden Brüder nicht von ausschlaggebender Bedeutung.

Schon früh zeigte sich bei Otto die Vorliebe für die Tiere, besonders für die Katzen, denen er später in seiner Kunst auch eine hervorragende Stelle einräumte. So bewahrt die Familie ein von Erwin gemaltes Kinderbildnis, das diesen sitzend mit dem Skizzenbuch, dahinter Otto stehend mit der Katze im Arm darstellt, neben ihnen die Freunde Nehrlich und Milde.

Der Schauplatz ist ein wechselnder, der Unruhe jener Zeiten entsprechend. Bald findet sich die Familie im Haus auf dem Herrengraben, bald auf dem Lande in ihrer Gartenwohnung beim Rosenhof, dann wieder während der Belagerung Hamburgs in Altona.

Freunde und Fremde gehen aus und ein: Künstler, Gelehrte, stattliche Officiers, die den jungen Mädchen die Cour schneiden, während diese gefühlsame Handarbeiten verfertigen, Kokarden häkeln, Hanseatenkreuze, die Sinnbilder vaterländischer und feindhässiger Gesinnung, in Kleider und Taschen sticken und derlei Konterbande heimlich durch die Douane schmuggeln.

Das gesellschaftliche Leben ist in vielen Zeichnungen Mildes wiedergegeben, die meist zahlreiche Familienmitglieder mit ihren Lieblingsbeschäftigungen um die häusliche Tafel gereiht zeigen. Auch unter Otto Speckters späteren Lithographien finden sich neben vielen Porträten derartige Gruppenbildnisse, unter anderen eines, auf dem in der linken Hälfte ein Mann in besseren Jahren mit bestimmter Fingerhaltung dargestellt ist. Es war dies ein würdiges Familienhaupt, das bei den abendlichen Zusammenkünften im voraus an den Fingern abzuzählen pflegte, welche seiner zahlreichen Schwiegertöchter er gerade zu Tische führen müßte.

Bot so das bewegte Leben der in Freundschaft verbundenen Häuser manche Ablenkung, so stand doch die Kunst und was damit zusammenhängt, im Vordergrund des brüderlichen Interesses, so daß die Freunde des Hauses bei ihren Besuchen vorzugsweise Bleistifte und ähnliches Zeichenmaterial als Gastgeschenke mitbrachten. Für die Vorherrschaft künstlerischer Neigungen sprechen schon die Namen des engeren Freundeskreises, der sich bald zusammenfand und unter denen Oldach, Milde, Morgenstern genannt sein mögen.