Erwin, der sich gleichfalls fern von den Eltern auf einer Stipendienfahrt in München befindet, hat zum Geburtstage des Vaters seinen eben vollendeten figurenreichen Karton der Auferweckung des Lazarus geschickt. Man hat die große Zeichnung vom oberen Saal herabgeholt und im Wohnzimmer dem Sopha gegenüber an die Wand geheftet. So schlürft man, dem Kunstgenuß hingegeben, behaglich seinen Kaffee, die kleine, dreijährige Adelheid, ein spätgeborener Nachzügling, springt im Zimmer umher, da wird dem alten Herren das Geburtstagsschreiben des zweiten abwesenden Sohnes gebracht.

Gerührt dankt er demselben für seinen „lieben, unordentlichen Brief“ und sagt zum Schluß: „Ist das nicht ein glücklicher Geburtstag eines 63jährigen Alten? Innerlich danke ich Gott herzlich für solche Freude und für Eure Liebe und Treue.“

Wird da nicht bei der Vorstellung dieser häuslichen Szene irgend so ein altes Kunsthallenbild lebendig?

Auch den Sohn zieht es zum Elternhause. Einmal wird das Heimweh danach so mächtig, daß er stracks von der Staffelei hinweg sich aufmacht und zu Fuß nach Hamburg wandert. Als dann in der Ferne die geliebten Türme der Vaterstadt auftauchten, wurde ihm wohler ums Herz und, zu Hause angekommen, war er ganz kuriert und begriff gar nicht, was ihn eigentlich hergeführt hatte. Am andern Morgen begab er sich wieder ganz vergnügt auf den Weg nach Lübeck. Otto zeichnete hier auf Rumohrs Anregung Memlings Altarbild aus der Greveradenkapelle und Overbecks präraffaelitisches Gemälde „Einzug Christi in Jerusalem“, beide im Lübecker Dom, um sie nachträglich auf den Stein zu bringen. Die Vervielfältigungen danach erfreuten sich großer Beliebtheit bei den Zeitgenossen.

Überhaupt wurde der junge Otto jetzt immer häufiger zu Arbeiten in der Steindruckerei herangezogen und bildete bald eine Hauptstütze der Anstalt.

Auch allerlei nebensächlich Erscheinendes wie Weinkarten, Frachtbriefe, Notenumschläge erhielt durch sein Zutun ein besonderes Gepräge. Als im Herbst 1830, veranlaßt durch den Besitzwechsel des alten Hauses, der Umzug nach der Katharinenstraße stattfand, radierte er Empfehlungskarten mit der Vorder- und Rückansicht der neuen Wirkungsstätte.

Die eigentliche Blütezeit des Geschäftes war damals schon dahin. Anfänglich in Norddeutschland wohl einzig in seiner Art, erhielt es von außerhalb, aus Dresden, aus Kopenhagen, Steine zur Vervielfältigung zugesandt.

Was Wunder, daß man sich der besten und wohlfeilsten Kraft nicht berauben wollte, erst recht nicht, nachdem sich der Existenzkampf durch den Wettbewerb neu entstehender Unternehmungen schwieriger gestaltete.

Ein Stipendium, das beiden Söhnen gleichmäßig zustand, überließ Otto auf Wunsch der Familie nach kurzem Gewissenskampf selbstlos ganz dem Bruder, der allgemein als der Begabtere galt. Erwin wanderte zunächst nach München, dann nach Italien. Otto blieb daheim und widmete sich noch eifriger dem väterlichen Geschäft, aus dem die Familie die Mittel der Lebenshaltung bestritt.

Seine Freunde haben später oft geglaubt, in diesem Verzicht eine Schädigung für Ottos Entwickelung zu sehen. Mit Unrecht.